Kommentar zu Industrieelektronik Die Industrie braucht Bauteile mit langen Lebenszyklen

Von Johann Wiesböck

Anbieter zum Thema

Die kurzen Lebenszyklen der Halbleiter im Vergleich zu Industriegeräte erzwingen aufwändige Maßnahmen zur Beschaffung und Bevorratung oder unerwünschte Re-Designs. Deshalb fordert Dirk Stans in seinem Kommentar eine Lobby für Industrieelektronik.

Dirk Stans, Geschäftsführer Eurocircuits: „Industrieelektronik sichert das Funktionieren unserer heutigen Gesellschaft.“
Dirk Stans, Geschäftsführer Eurocircuits: „Industrieelektronik sichert das Funktionieren unserer heutigen Gesellschaft.“
(Bild: Eurocircuits)

Wir machen nur Industrieelektronik. Wenn ich diesen Satz höre, habe ich das Gefühl, es geht um „zweite Klasse Elektronik“. Ich finde, wir sollten stolz darauf sein! Industrieelektronik ermöglicht das Funktionieren der Gesellschaft, wie wir sie heute kennen. Mit Industrieelektronik meine ich die elektronischen Baugruppen, die für Energie- und Lademanagement, Gebäudetechnik, Sicherheitssysteme, spezifische industrielle Automatisierung, Anwendungen der künstlichen Intelligenz, Bahntechnik, Verkehrsleitsysteme, Landmaschinentechnik usw. bestimmt sind.

Industrieelektronik muss robust sein und mindestens über 10 Jahre zuverlässig funktionieren und reparabel sein. Genau das Gegenteil von Konsumelektronik, die uns als Individuen gefällt. Nette Gadgets oder Smartphones, die nicht mehr funktionieren oder uninteressant sind, weil es ein Nachfolgemodell gibt, landen im Abfall. Und trotz aller Bemühungen hält sich der Anteil dessen, was repariert oder recycelt wird, sehr in Grenzen.

Keiner käme bei Anlagen in einem Chemie- oder Windpark auf diese Idee. Und wer will schon seine Heizungssteuerung oder den Wechselrichter ständig erneuern? Nein, diese Elektronik landet nach ein oder zwei Jahren nicht im Müll. Sie läuft und läuft und wird repariert – vorausgesetzt, die Bauteile sind noch zu bekommen.

Industrieelektronik sichert unseren Wohlstand

Industrieelektronik produziert nicht Berge von Elektronikschrott, sondern Werte, lässt unsere moderne Gesellschaft funktionieren und sichert unseren Wohlstand in Europa. Industrieelektronik steht für Vielfalt und ist konträr zu Massenmärkten und Killerapplikationen.

Hier geht es nicht darum, die Grenzen des technisch Machbaren auszureizen. Das ist nicht nötig, weil im 19-Zoll-Rack oder in der Maschine genug Platz ist oder die Einheiten so groß sein müssen, damit sie ein Mensch bedienen kann. Zudem muss die Elektronik auch unter widrigen Bedingungen über viele Jahre funktionieren.

Warum sollten wir die Leiterplattenflächen oder Bauteile verkleinern, wenn wir uns damit Probleme einfangen, die wir mit aufwändigen Designmaßnahmen beheben müssen? Kleinere Leiterplattenfläche bedeutet weniger Material und weniger Kosten. Doch die fallen bei den geringen Mengen nicht ins Gewicht; ein Stillstand der Anlage, die ein Vielfaches des Wertes der Elektronik kostet, dagegen schon. Genau deshalb ist Industrieelektronik anders als Elektronik für Massenmärkte weniger preissensitiv und für die europäischen Leiterplatten- und Baugruppenproduzenten attraktiver.

Aber: Die kurzen Lebenszyklen der Halbleiter im Vergleich zur Lebensdauer der Geräte erzwingen aufwändige Maßnahmen zur Beschaffung und Bevorratung oder unerwünschte Re-Designs, weil es bestimmte Bauteile oder Bauformen nicht mehr gibt.

Industrieelektronik braucht Lobby auf EU-Ebene

Gerade deshalb braucht unsere Industrieelektronik eine Lobby auf europäischer Ebene. Aus Sicht der Halbleiterhersteller sind die Bauteile mit Strukturen von 40 bis 450 nm und Bauformen für Industrieelektronik veraltet und in der Gesamtbetrachtung ist der weltweite Halbleiterbedarf der Industrieelektronik mit 7,5 Prozent gering. Trotzdem sollte es sich lohnen, diese Technologien weiter anzubieten. Die Bedarfe für Industrieelektronik sind absehbar, denn Anschaffungen von Investitionsgütern werden langfristig geplant. Die Bauteilpreise sind weniger kritisch und die Umwelt gewinnt allemal.

Fazit: Industrieelektronik braucht Zuverlässigkeit auf lange Sicht. Sie muss so robust wie möglich konstruiert sein und allen Umwelteinflüssen standhalten. Sie muss sich reparieren lassen. Und die verwendeten Bauteile müssen über zehn Jahre und länger verfügbar sein. (jw)

Artikelfiles und Artikellinks

(ID:48623921)

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung