Trotz rigoroser Einschränkungen bricht das Corona-Virus immer wieder in China aus, woraufhin das Riesenreich ganze Metropolregionen abriegelt. Aktuell trifft es Shanghai, Guangzhou und Teile von Peking. Das hat Folgen: Investoren flüchten scharenweise, und die Produktionsstopps in den chinesischen Halbleiterwerken verschärfen den globalen Chipmangel.
Menschenleer: Kein Verkehr, wo sich sonst Autos Stoßstange an Stoßstange über die breiten Stadt-Highways quälen – Chinas harte Lockdowns haben von Corona betroffene Metropolregionen in Geisterstädte verwandelt. Auch viele Fabriken stehen still, der Güterverkehr ist erlahmt und Häfen sind verstopft – Experten warnen vor Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.
Besonders stark ist die Produktion im März zurückgegangen (um 5,1 %), als immer mehr chinesische Städte und ganze Regionen wegen der strikten „Null-Covid“-Politik der chinesischen Zentralregierung in den Lockdown geschickt worden sind. Die Daten der Nationalen Statistikbehörde in Peking legen nahe, dass sich der Abwärtstrend wegen der strengen Lockdowns in Metropolen wie Shanghai und Guangzhou im zweiten Quartal 2022 noch weiter verstärken wird.
Hausarrest, Hunger, Halbleiter-Produktionsstopp: Ist China überfordert?
In Shanghai befinden sich seit Ende März rund 25 Millionen Einwohner in mehr oder minder strengem Hausarrest. Viele Menschen klagen inzwischen über eine unzureichende Versorgung mit Lebensmitteln. Hersteller von Halbleitern oder andere Unternehmen aus der Halbleiter-Lieferkette mussten ihre Produktion einstellen oder stark einschränken.
Eine Intensivierung des globalen Chipmangels ist damit vorprogrammiert. Ein Beispiel: On Semiconductor (Onsemi) habe seine Kunden informiert, dass es sein globales Distributions-Zentrum in Shanghai geschlossen habe, berichtete etwa das Fachmedium DigiTimes Asia am Freitag vergangener Woche. Onsemi stellt unter anderem analoge ICs, Logik-Chips und diskrete Halbleiter-Komponenten her und zählt zu den führenden IDMs für die globale Autoindustrie.
Shanghai-Lockdown trifft chinesische Chip-Fertigung ins Herz
Shanghai und Umgebung haben sich im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts zu einem der wichtigsten Zentren der chinesischen Halbleiter-Industrie entwickelt. Nicht nur die größte Chip-Foundry des Landes, die Semiconductor Manufacturing International Corporation (SMIC) ist hier beheimatet, auch unzählige Design-Unternehmen oder Anbieter von Packaging- und Testing-Dienstleistungen sind nun von den Lockdowns betroffen, berichtet das Fachportal ifeng.
Ingesamt arbeiten mehr als 200.000 Menschen in Shanghai in der Halbleiter-Industrie – 40 % aller chinesischen Arbeitskräfte in diesem Bereich. Weil Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping dem Corona-Virus den „Krieg“ erklärt hat, auf einer kompletten Ausrottung auch der eigentlich relativ harmlosen Omikron-Variante besteht, gleicht Shanghai aber nun schon seit Wochen einer Geisterstadt.
Ausnahmen für 666 „strategisch wichtige Unternehmen“ – Wirkung fragwürdig
Zunehmend besorgt vor dem schädlichen Einfluss der Lockdowns auf die Industrie haben das Industrieministerium in Peking und die Stadtregierung von Shanghai zwar am 18. April eine „weiße Liste“ von 666 (sic!) strategisch wichtigen Unternehmen veröffentlicht, die trotz der andauernden Lockdowns mit der Produktion „Closed Loops” beginnen sollen. Doch in der Praxis erweist sich dieser Notfall-Plan als schwieriger umzusetzen als gedacht.
Im Laufe der letzten Monate ist Chinas Chipproduktion deutlich gesunken. Dadurch rückt das Ziel, sich selbst mit Chips versorgen zu können, weiter in die Ferne.
(Bild: Asia Waypoint)
Neben vielen Unternehmen aus der Automobilindustrie und der Pharmazie sind nun auch 66 Halbleiter-Firmen zu diesen „kriegswichtigen Unternehmen“ in Xis „Krieg gegen das Virus” erklärt worden. Dazu zählen unter anderem SMIC, Hua Hong Semiconductor („Huahong Grace“), PhiChem, Kingstone Semiconductor, Simgui Technology, ACM Research und Red Avenue Electronics (eine Tochter von Red Avenue New Materials).
„Closed Loop Management“ soll Produktion retten
Die handverlesenen 66 Unternehmen der Branche dürfen ihre Produktion wieder aufnehmen, sofern sie das „Closed-Loop”-Management einführen, dass Peking bereits während der Olympischen Winterspiele in Peking an den Athleten aus aller Herren Länder ausprobiert hatte: Wer sich innerhalb des Loops befindet, diesmal also in seiner Fabrik, darf keinerlei Kontakt mit der Außenwelt haben und wird täglich auf das Virus getestet.
Viele Arbeiter schlafen nun auf eilig aufgestellten Feldbetten in ihren Werkhallen oder in ähnlichen Notunterkünften. Allerdings bedeutet die landesweite Unterbrechung der Lieferketten – neben Shanghai sind auch mehrere dutzende andere Städte Chinas von Lockdowns betroffen und ein großer Teil des Güterverkehrs ist zusammengebrochen – dass selbst viele Vorzugs-Unternehmen mit „Closed-Loop“-Erlaubnis bestenfalls nur einen Teil ihrer Produktion wieder hochfahren können.
Stand: 08.12.2025
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„Einige Unternehmen haben das Closed-Loop-Management implementiert, aber das Auffüllen der Lagerbestände mit Rohstoffen bedeutet hohe Kosten bei der Verschiffung,“ schreibt ifeng. Vor den Häfen von Shanghai und Guangzhou, das ebenfalls von teilweisen Lockdowns paralysiert worden ist, staut sich eine immer größer werden Zahl von Frachtschiffen, die nicht entladen werden können.
Viele Betriebe, so berichten die deutsche, europäische und britische Handelskammer in Shanghai, haben auch Probleme, ihre Arbeiter überhaupt zurück in die Fabriken zu bekommen. Die „Großen Weißen“ (Da Bai), wie die in Hazmat-Anzüge gekleideten Aufpasser in Chinas Wohnvierteln genannt werden, lassen kaum jemanden aus seiner Wohnung. Oft seien die Ausnahmegenehmigungen für die Liste der 666 noch nicht ausreichend kommuniziert worden, heißt es.
Fehlende Teile legen Fertigungen lahm
Selbst wenn es die Arbeiter in die Werkhallen schaffen, haben sie wegen fehlender Teile oft nichts zu tun. Im Internet kursieren Fotos von Arbeitern im „Closed Loop“, die neben ihren Maschinen Karten spielen oder in Gruppen Gymnastik-Übungen oder Cardio-Training absolvieren.
Schon jetzt steht fest, dass die strengen Corona-Lockdowns in China in der stark vernetzten Halbleiter-Industrie vor allem wegen der Beeinträchtigung von Transport und Logistik auch globale Folgen haben werden – und zwar nicht nur in der Chip-Industrie, sondern auch in vielen anderen Segmenten der Fertigungsindustrie.
Auswirkungen auf globale Chip-verarbeitende Industrie praktisch unvermeidlich
Denn der Fokus der globalen Halbleiter-Fertigung liegt in Asien und – zumindest für einige Halbleiter – zu einem guten Teil in China selbst. So hatte sich beispielsweise das nun vorübergehend geschlossene Onsemi einen globalen Marktanteil von rund 70 % bei Chips für ADAS-Systeme erkämpft, also den Fahrassistenz-Systemen in modernen Autos.
Ein Ende des radikalen Lockdowns in Shanghai, wo hier und da schon verzweifelte Anwohner von ihren Balkonen nach Hilfe rufen und erste Tiere auf den Straßen verhungern, ist indes noch nicht in Sicht. In den 24 Stunden von Freitag auf Samstag vergangener Woche sind in der 25-Millionen-Metropole insgesamt 23.370 neue Infektionen gemeldet worden, 32,6 % mehr als am Tag zuvor, berichteten chinesische Medien. 11 Patienten, die Mehrheit davon in sehr fortgeschrittenem Alter, sind im selben Zeitraum neu verstorben, was die Anzahl der von den Statistikern der Kommunistischen Partei offiziell eingeräumten Toten seit Beginn des Lockdowns auf 48 erhöhte.
* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.