Die Volksrepublik China verkauft seit kurzem mehr Halbleiter als Taiwan. Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung haben Hersteller in der Volksrepublik erstmals 9% des Weltmarktes erobert. Damit liegt das Land auf Augenhöhe mit Europa.
China auf der Überholspur: Halbleiterproduzenten aus dem „Reiche der Mitte“ verkaufen mittlerweile mehr Chips als Taiwan, wo der weltgrößte Auftragsfertiger TSMC beheimatet ist.
In nur einem einzigen Jahr haben Produzenten in China ihre Produktion um 30,6% gesteigert, berichtet die Semiconductor Industry Association (SIA) in einer Analyse. „Die chinesische Halbleiterindustrie registrierte eine noch nie dagewesene Wachstumsrate,“ schreibt SIA.
Verantwortlich für diesen selbst für die Statistiken einer Wachstumsindustrie bemerkenswerten Anstieg war zum einen die starke politische Förderung der Industrie durch die chinesische Regierung. Vor dem Hintergrund von Handelskriegen und Technologie-Boykotten „made in USA” will Peking bei Chips schnell unabhängiger werden.
Zum anderen macht sich der Trend bemerkbar, dass immer mehr OEM in China – von Internetfirmen wie Alibaba über Autokonzerne wie Geely bis hin zu Handy-Herstellern wie Xaomi – gerade ihre eigene Chip-Produktion aufbauen.
Staatlicher Booster: Chinas Produktionsanteil ist schnell gewachsen
Vor fünf Jahren wurden in der Volksrepublik Halbleiter für umgerechnet rund 11,4 Milliarden Euro verkauft, was einem Weltmarktanteil von 3,8% entsprach. Bis 2020 aber sei der Umsatz auf umgerechnet 34,9 Milliarden Euro emporgeschnellt, also auf 9% des Weltmarktes, berichtet SIA. Die Zahlen für 2021 liegen noch nicht vor, schreibt der Industrieverband in seiner jüngsten Analyse in diesem Monat.
Die EU und Japan liegen diesen Daten zufolge mit einem Anteil von jeweils 10% am Weltmarkt zwar noch ganz knapp vor China, was die Produktion und den Verkauf von Chips betrifft, doch angesichts des dortigen Wachstums dürften sie auch schon bald überholt werden. Was den Verbrauch von Chips in der Industrie betrifft, ist China schon seit vielen Jahren der weltweit größte Markt.
Ärmel hoch: „Do-it-yourself“-Trend unter Elektronik-, Internet- und Autokonzernen
Im vergangenen Jahr hat sich besonders der „Do-it-yourself“-Trend unter Elektronik-, Internet- und Autokonzernen in China weiter verstärkt, selbst in die Massenfertigung von Chips zu investieren. Die globale Halbleiter-Industrie habe sich in einen „Kampf aller gegen alle“ verwandelt, kommentiert das angesehene chinesische Wirtschaftsmagazin Caixin.
So hat etwa der chinesische Cloud-Anbieter Alibaba Ende letzten Jahres selbst entwickelte Chips vorgestellt. Tencent Holdings, ein weiterer führender Internet-Konzern in China, hat im November 2021 ebenfalls mit der Pilot-Produktion eigener KI-Chips begonnen.
Die globale Halbleiterkrise habe 2021 immer mehr chinesische Tech-Konzerne „dazu veranlasst, mehr auf sich selbst zu vertrauen“, berichtet Caixin. Chinesische Handy-Hersteller wie Xiaomi, Vivo und Oppo stellten enormes Kapital für die hausinterne Erforschung neuer Halbleiterlösungen bereit, schreibt das Magazin.
In 2021 hat China mehrere neue Fab-Projekte auf die Schiene gebracht. Auffallend: Immer mehr OEM-Produzenten investieren massiv in eigene Chipfertigungen.
(Bild: SIA)
Dieser Trend „Das machen wir jetzt selbst“-Trend in der Tech-Industrie ist weltweit zu beobachten. Apple und Samsung waren frühe Vorreiter. Doch in der Volksrepublik, wo Technologien wie 5G, die Automatisierung der Fertigungsindustrie oder die E-Mobilität derzeit viel stärker gefördert werden als in anderen Ländern, ist er jetzt besonders stark ausgeprägt.
Chips als „Gradmesser für die Technologie-Akkumulation in der Hardware-Industrie“
„Chips sind der ultimative Gradmesser, um die Technologie-Akkumulation in der Hardware-Industrie zu reflektieren,“ sagt der Xiaomi-Gründer Lei Jun. „Wenn Xiaomi vorankommen will und eine global führender Tech-Konzern werden will, müssen wir um Chips kämpfen.“
Ähnlich sieht man das in der chinesischen Autoindustrie. Das amerikanische Vorbild Tesla hat 2019 damit begonnen, eigene Chips für seine autonomen Fahrfunktionen zu entwickeln. Die chinesischen E-Auto-Startups Xpeng und NIO kopieren diesen Ansatz nun.
Auch traditionelle chinesische Autohersteller, etwa Geely, investieren seit geraumer Zeit massiv in Forschung & Entwicklung von Halbleitern für eigene Anwendungen. Im Dezember hat der von Geely mit finanzierte Chip-Hersteller SiEngine Technology einen eigenen Prozessor-Chip für Smart Cockpits vorgestellt.
Stand: 08.12.2025
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Intelligenz und Elektrifizierung seien der neue Kern des Wettbewerbs in der Autoindustrie, schreibt Caixin. „Und der Kern von Intelligenz und Elektrifizierung sind Halbleiter und Betriebssystem,“ ergänzt Li Shufu, Gründer von Geely und Großaktionär von Daimler Benz.
* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.