Wachsende Abhängigkeit statt Entkopplung Apple: Mehr Displays aus China

Von Henrik Bork

Samsung könnte schon bald nicht mehr Top-Lieferant für iPhone-Displays sein: Offenbar plant Apple, demnächst den Großteil an Bildschirmen von BOE aus China zu beziehen. Die betroffenen Firmen halten sich bedeckt.

Die Displays der aktuellen iPhones 14 und 14 Plus stammen überwiegend aus den Fabriken des weltweit größten Elektronikherstellers Samsung. Das könnte sich laut Medienberichten aber bald ändern.
Die Displays der aktuellen iPhones 14 und 14 Plus stammen überwiegend aus den Fabriken des weltweit größten Elektronikherstellers Samsung. Das könnte sich laut Medienberichten aber bald ändern.
(Bild: Apple)

Apple plant einem Medienbericht zufolge, künftig mehr Bildschirme für das iPhone in China produzieren zu lassen als bei Samsung in Südkorea. Dies berichtet die South China Morning Post (SCMP) in Hongkong unter Berufung auf einen gewöhnlich gut informierten Lieferketten-Experten. Die Pekinger Display-Firma BOE könnte schon im nächsten Jahr die Südkoreaner als neuer Top-Lieferant für Apple-Bildschirme ersetzten, heißt es in dem Bericht.

Ab der zweiten Hälfte dieses Jahres solle der schnell wachsende chinesische Konzern BOE die meisten Displays für die Einstiegsmodelle der neuen iPhones liefern, zitiert SCMP den bekannten Analysten Kuo Ming-chi von TF International Securities. „Wenn in den nächsten paar Monaten alles glatt geht, wird BOE der größte Display-Fabrikant für das iPhone 15 und 15 Plus, mit einem Marktanteil von rund 70 Prozent – im Vergleich zu Samsungs 30 Prozent“, zitiert SCMP aus dem Tech-Blog von Kuo.

Apple, Samsung, BOE: Kein Kommentar

Ab nächstem Jahr soll BOE auch damit beginnen, LTPO-Displays (für „Low-Temperature Polycrystalline Oxid“) für das iPhone 14 Pro und Pro Max zu liefern. Sollte sich BOE zwischen 20 und 30 Prozent aller LTPO-Display-Bestellungen von Apple sichern können, so könnte es schon ab der zweiten Jahreshälfte 2024 der größte Bildschirm-Lieferant für die neueste iPhone-Generation sein, so der Analyst. Weder BOA, noch Samsung oder Apple wollten diese Aussagen Medienberichten zufolge kommentieren.

BOE beliefert Apple bereits seit 2012, als es erstmals rund 10 Prozent aller LED-Bildschirme für das iPhone 12 herstellen durfte. Das waren damals 16 Millionen Stück pro Jahr, schreibt die chinesische Marktforschungsfirma Runto Technology. Seither konnte sich BOE immer wieder Aufträge von Apple sichern.

Zunehmende Bindung statt Entkopplung der Wirtschaft von China?

Dass sich Apple von seinem bislang wichtigsten Display-Lieferanten Samsung abwendet und stattdessen ausgerechnet mehr bei einem Konkurrenten in der Volksrepublik China bestellen könnte, will so gar nicht zu der gerade populären Welle von Berichten über die angeblich an Fahrt gewinnende Entkoppelung der amerikanischen Industrie von China passen, wie sie von US-Präsident Joe Biden und den chinakritischen „Falken“ im amerikanischen Kongress herbeigesehnt wird.

Doch Apple hat eine Reihe von guten Gründen, an bewährten Herstellern in China festzuhalten. „Vor dem Hintergrund des wachsenden Wettbewerbs auf dem Handy-Markt versucht Apple Preiserhöhungen zu verhindern,“ schreibt das Tech-Portal Giz China. Die Displays von BOE seien ähnlich gut, aber billiger als die von Samsung.

Mehr Ingenieure und Fabrikarbeiter, günstigere Displays

Andere Gründe sind die im Vergleich zu anderen möglichen Produktionsstandorten bessere Verfügbarkeit von Ingenieuren und günstigen Fabrikarbeitern, viel Land zum Aufbau großer Fabrikkomplexe und eine umfassende und moderne Logistikinfrastruktur. Hinzu kommt, dass auch viele wichtige Apple-Zulieferer in China ansässig sind.

Während Apple besorgt ist über die jüngsten Unterbrechungen seiner Produktion in der „iPhone City” in der chinesischen Provinzstadt Zhengzhou, wo Revolten von Arbeitern gegen die extremen Corona-Maßnahmen der Pekinger Zentralregierung vorübergehend zu Produktionsausfällen geführt hatten, kann es bei einer Neuausrichtung seiner Lieferketten nur äußerst behutsam vorgehen – und kommt an chinesischen Produzenten offenbar nicht ganz vorbei.

Luxus-iPhones von Luxshare

Am Mittwoch vergangener Woche hatte die Financial Times berichtet, dass Apple dem chinesischen Elektronikfabrikanten Luxshare einen Großauftrag zur Fertigung von teuren iPhone-Modellen geben werde. Offenbar handelt es sich dabei um einen Teil der Handys, die bisher bei Foxconn gebaut worden sind. Das Unternehmen war letztes Jahr massiv von Corona-Protesten betroffenen.

Seither hat Peking die wirtschaftlich selbstmörderische Null-Covid-Politik über Nacht beendet. Viele Hersteller in China klagen nun aber darüber, dass Arbeiter wegen einer durch das Land rasenden Coronawelle ausfallen. Doch sie kehren meist schon nach wenigen Tagen an ihren Arbeitsplatz zurück. Foxconn habe im Dezember wieder 90 Prozent seiner ursprünglich geplanten Produktion erfüllen können, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Von der nun grassierenden Corona-Welle wird höchstens eine kurzfristige Beeinträchtigung der Produktion erwartet.

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Seit November hatte Luxshare „kleine Mengen“ des iPhone Pro Max für Apple gefertigt, die bei Foxconn in Zhengzhou ausgerechnet kurz vor dem Weihnachtsgeschäft nicht mehr ausreichend hatten produziert werden können. Offenbar war man bei Apple mit der Qualität der Arbeit von Luxshare zufrieden.

Apple richtet Lieferkette neu aus

Vor kurzem hatte es auch Berichte gegeben, dass Apple einen Teil seiner Produktion nach Indien verlagern wolle. Es macht für die Kalifornier Sinn, über eine Diversifizierung ihrer Lieferketten nachzudenken. Doch selbst wenn Apple einen Teil seiner Fertigung aus China abziehe, würde dies „noch lange keine Entkoppelung von China bedeuten“, sagte Eli Friedmann, ein auf Chinas Arbeitsmarkt spezialisierter Professor an der Cornell-Universität kürzlich dem Nachrichtensender CNN.

Es gebe einfach zu viele kritisch wichtige Faktoren, die für den Standort China sprechen, unter anderem auch die Verfügbarkeit wichtiger Materialien und Vorprodukte oder die bereits genannten Vorteile eines großen Arbeitsmarktes, oder bei den Lohnkosten und der Infrastruktur, so der China-Experte. „Andere Länder mögen das eine oder andere Element davon haben, aber sie haben nicht alle auf einmal“, sagte Friedmann. (me)

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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