ZVEI zieht Bilanz „2022 war starkes Jahr für die deutsche Elektro- und Digitalindustrie“

Von Michael Eckstein

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224 Mrd. Euro Umsatz: Preisbereinigt konnte die deutsche Elektro- und Digitalindustrie im letzten Jahr um knapp vier Prozent zulegen – trotz Krieg und Krisen. Wichtigster Absatzmarkt war die EU, gefolgt von China und den USA. Ein großes Problem bleibt der sich verstärkende Fachkräftemangel.

"Mehr Forschritt wagen": Das wichtige Thema Energiewende muss wieder in den Fokus rücken – inklusive Auf-, Ausbau und Erneuerung des bestehenden Versorgungsnetzes. Derzeit sei das Stromnetz „nicht energiewendefähig“, findet Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung.
"Mehr Forschritt wagen": Das wichtige Thema Energiewende muss wieder in den Fokus rücken – inklusive Auf-, Ausbau und Erneuerung des bestehenden Versorgungsnetzes. Derzeit sei das Stromnetz „nicht energiewendefähig“, findet Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

„2022 war – trotz aller Widrigkeiten – ein starkes Jahr für die deutsche Elektro- und Digitalindustrie“, sagt Dr. Gunther Kegel, ZVEI-Präsident, bei der Auftakt-Pressekonferenz des Verbands. „Ukrainekrieg, Energiekrise, Inflation und weiterhin angespannte Lieferketten: Die preisbereinigte Produktion der Branche ist dennoch zwischen Januar und November um 3,7 Prozent gewachsen – fast eine Punktlandung für unsere Prognose von vier Prozent. Diese robuste Entwicklung unterstreicht die Stärke der Elektro- und Digitalindustrie. Unsere Branche profitiert erkennbar von den beiden großen Treibern Elektrifizierung und Digitalisierung, die aufs Engste mit uns verbunden sind.“

Nominal stiegen die Erlöse im vergangenen Jahr um zwölf Prozent auf ein Rekordhoch von 224 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Im Vor-Corona-Jahr 2019 erreichte die Branche einen Umsatz von 190 Milliarden Euro. Der aktuelle Wert entspricht rund einem Zehntel der gesamten deutschen Industrieproduktion und etwa drei Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Laut ZVEI wurden ein Viertel des Umsatzes mit neuen Produkten erzielt. Die höchsten Zuwächse gab es demnach bei elektronischen Bauelementen (+ 21 Prozent). Es folgen Informations- und Kommunikationstechnik, Batterien, Energietechnik (alle + 14 Prozent) und Automation (+ 12 Prozent).

Satter Zuwachs dank Infineon und Bosch – und hoher Nachfrage

Für die positive Umsatzentwicklung im Chipbereich sind zwei Faktoren maßgeblich verantwortlich, wie Kegel auf Nachfrage bestätigt: Der Beitrag der neuen Halbleiterfabriken von Infineon und Bosch in Villach respektive in Dresden sowie die massiv gestiegen Preise für Halbleiter: „Durch die enorme Nachfrage und den gleichzeitigen Mangel konnten die Hersteller deutlich höhere Preise für ihre Chips durchsetzen.“ Besonders im Bereich der Leistungshalbleiter sei der Bedarf weltweit sehr hoch, getrieben durch dringend notwendige Innovationen im Energiesektor und den boomenden Markt für Elektrofahrzeuge.

Insgesamt stellt die Elektro- und Digitalbranche 17 Prozent der sogenannten „Hidden Champions“ – also in ihrer Branche weltweit führende Unternehmen, die wenig bekannt sind – und hat 2022 eine Wertschöpfung von 88 Milliarden Euro erzielt und dabei mit 43 Prozent die höchste Quote aller großen Industriebranchen in Deutschland. Laut ZVEI hat Deutschland allein 38 Prozent der Elektro-Wertschöpfung in der EU erwirtschaftet. Dabei setzte sich das Produktportfolio zu 79 Prozent aus Industriegütern (z.B. Automation, Energietechnik, Medizintechnik), 14 Prozent Vorleistungsgüter (Halbleiter) und 7 Prozent Gebrauchsgüter (Elektrohausgeräte, Unterhaltungselektronik, Licht) zusammen.

Die Elektronikbranche hat ein Nachwuchsproblem

Die Zahl der im Inland Beschäftigten lag laut ZVEI-Angaben zuletzt bei knapp 895.000 und damit 2,3 Prozent über dem Vorjahr. „Sie könnte noch deutlich höher liegen, denn unsere Branche sucht mit Hochdruck Facharbeiter und Ingenieure“, spricht Kegel das praktisch alle Bereiche tangierende Thema Fachkräftemangel an.

Zwar sei es gelungen, durch gezielte Maßnahmen in den letzten Jahren wieder mehr junge Leute für MINT-Themen zu gewinnen, so dass sich mehr Studenten etwa für Elektrotechnik-Studiengänge eingeschrieben hätten. Doch angesichts der vielen Mitarbeiter, die der sogenannten Baby-Boomer-Generation angehören und in den nächsten Jahren in Rente gehen, sei das noch viel zu wenig. „Hier rollt eine gewaltige Herausforderung auf uns zu“, sagt Kegel.

Derzeit ist die Elektro- und Digitalindustrie die zweitgrößte Industriebranche in Deutschland. Etwa 60 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in den MINT-Berufen, allein in der Forschung und Entwicklung sind es rund 103.000 Menschen. Fast 4 Prozent oder entsprechend 36.000 sind Auszubildende – zu wenig, wie Kegel anmahnt: „Unsere Unternehmen finden keine geeigneten Kandidaten mehr.“

Elektroexporte auf Rekordniveau

Auch beim Export war 2022 abermals ein Rekordjahr. Die deutschen Elektroausfuhren erreichten inklusive Re-Exporten einen Wert von 246 Milliarden Euro – ein Plus von neun Prozent. Wichtigster Absatzmarkt war die Europäische Union mit Elektrolieferungen in Höhe von 126 Milliarden Euro. „Der Binnenmarkt ist das größte Asset der EU. Wir müssen ihn weiterentwickeln – unternehmerisch und regulatorisch“, erklärt Kegel. Die Globalisierung scheine an einem Scheitelpunkt zu stehen: „Die protektionistische Wirtschaftspolitik Chinas, aber auch der USA sind für uns ein hohes Risiko.“ Daher müsse die EU entschlossen gegensteuern und mehr bilaterale Handels- und Rohstoffabkommen abschließen. Selbst auf eine Politik der Abschottung zu setzen, sei aber klar der falsche Weg, warnt der ZVEI-Präsident.

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Für das laufende Jahr zeigt sich der Verband zuversichtlich: „Stand heute gehen wir bei der realen Produktion von einer schwarzen Null aus, was einer Konsolidierung auf sehr hohem Niveau entspricht“, blickt Kegel nach vorn.

Enormer Strombedarf in den kommenden Jahren

Nachdem sich die Politik im zurückliegenden Jahr vor allem den Herausforderungen Energiesicherheit und Bezahlbarkeit zuwenden musste, müsse „in diesem Jahr die Gestaltung der Energiewende wieder mehr in den Fokus rücken“, fordert Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung. Aus Sicht des ZVEI sind dazu im Wesentlichen zwei Aufgaben anzugehen: Erstens, der zügige Ausbau der Netzinfrastruktur und zugleich ihre Digitalisierung sowie zweitens die Entwicklung des Strommarktdesigns. „Für den Ausbau von grünen Technologien ist ein neues Strommarktdesign erforderlich“, sagt Weber und fordert: „Der Strompreis muss radikal von Steuern, Umlagen und Abgaben entlasten werden.“

Strom ist der Rohstoff der Energiewende, der über 90 Prozent des Energiebedarfs im Jahr 2045 decken soll. Aktuell liegt der Strombedarf bei 550 TWh/a. Durch die Elektrifizierung – unter anderem durch ca. 15 Millionen Ladepunkte und sechs Millionen Wärmepumpen – steigert sich der Strombedarf bis 2030 auf über 700 TWh/a. Bis zum Jahr 2045 liegt der Strombedarf bei 1.000 bis 1.200 TWh/a.

Energiewende: Stromnetz muss „Klimaneutralitätsnetz“ werden

Um diesen Bedarf zu decken, werden sich die Erzeugungskapazitäten bei den erneuerbaren Energien mindestens um das 4,5-Fache steigern müssen – und damit steigen die Anforderungen an das Stromnetz immens. „Um es klar zu sagen: Darauf ist unser Stromnetz derzeit nicht ausgelegt. Es ist nicht energiewendefähig“, so Weber. „Aber: Ohne starkes Stromnetz wird es keine Klimaneutralität geben. Das künftige Stromnetz muss zu einem Klimaneutralitätsnetz umgebaut werden.“ So fordert der ZVEI, dass neben dem physischen Ausbau Intelligenz ins System kommt. Unter anderem müsse mehr Tempo in den flächendeckenden Rollout intelligenter Messsysteme kommen, wie im GNDEW vorgesehen.

Denn durch konsequente Elektrifizierung und Digitalisierung ließe sich der Primärenergieverbrauch um bis zu 65 Prozent reduzieren. Durch eine dezentrale Energieerzeugung mit Speicherung, Verteilung im Quartier mit digitalen Netzanschlüssen, Sektorenkopplung mit Photovoltaik, Wärmepumpe und E-Mobilität und nicht zuletzt durch die immensen Effizienzgewinne der direkten Stromnutzung sind die gesetzten Klimaziele zu erreichen. Um diesen näherzukommen, ist jedoch ein grundsätzlich anderes Strommarktdesign nötig. „Der Strompreis muss weiter von Steuern, Umlagen und Abgaben entlastet werden“, erklärt Weber. Darüber hinaus seien dynamische Stromtarife wichtig. „Das künftige Strommarktdesign muss so gestaltet sein, dass Verbraucherinnen und Verbraucher unmittelbar von attraktiven Preisen für Strom aus erneuerbaren Energien profitieren.“ (me)

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