Ist die von einigen Staaten angestrebte Selbstversorgung bei Halbleitern der richtige Weg? Der „Pate der taiwanesischen Chip-Industrie“, TSMC-Gründer Morris Chang, warnt neben enormen Kosten vor verlangsamtem Innovationstempo.
Was zählt mehr: Hohes Innovationstempo oder mehr Unabhängigkeit? Beides gibt es nach Ansicht von TSMC-Gründer und Branchen-Urgestein Morris Chang nicht gleichzeitig.
(Bild: TSMC)
Die von einigen Staaten wegen des anhaltenden Chipmangels proklamierte nationale Selbstversorgung mit Halbleitern könnte sich als teurer Irrweg herausstellen. Davor hat kürzlich Morris Chang gewarnt, der in der Branche respektierte Gründer der „Taiwan Semiconductor Manufacturing Company“ (TMSC). Auf die Staaten könnten enorme Kosten zukommen, ohne dass die angestrebte Autarkie jemals erreicht würde.
Der 90-jährige Chang, der seit einigen Jahren im Ruhestand ist, wird weiterhin als eine Art „Pate der taiwanesischen Chip-Industrie“ verehrt. Seine jüngsten Aussagen werden gerade in ganz Asien lebhaft diskutiert. Sowohl das japanische Wirtschaftsmagazin Nikkei Asia als auch Fachmedien in Taiwan und der Volksrepublik China griffen das Thema auf.
Ohne ein bestimmtes Land zu nennen, und ohne das Wort „Chip-Nationalismus“ in den Mund zu nehmen, warnte Chang vor den industriepolitischen Träumen von mehr Eigenversorgung bei Halbleitern, die momentan in den USA, in Europa, Japan und China gleichermaßen Konjunktur haben.
Milliarden US-Dollar versenken ohne das Ziel zu erreichen?
„Was passieren könnte ist, dass nachdem Hunderte von Milliarden ausgegeben und viele Jahre verloren worden sind, das Resultat nicht-ganz-autarke Lieferketten mit hohen Kosten sind,” zitierte Nikkei Asia den TSMC-Gründer. Chang sprach Mitte Juli am Rande einer virtuellen APEC-Konferenz, an der er als Gesandter Taiwans teilgenommen hatte.
„Wenn niemand etwas dazu sagt, dann könnte sich das als schrecklich herausstellen,“ sagte Chang. Später von Journalisten gefragt, welche Länder er konkret meine, antwortete er ausweichend. „Ich glaube, die Länder, über die ich spreche, werden es wissen,” zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den „Elder Statesman“ der globalen Chip-Industrie.
US-Senat hat hohe Subventionen durchgewunken
Die Warnung erfolgt zu einer Zeit, in der die USA, Europa, Japan und China einen Wettlauf um den Ausbau ihrer jeweiligen Halbleiter-Industrien begonnen haben. So hat der US-Senat in Washington Subventionen in Höhe von 52 Milliarden US-Dollar (rund 44 Milliarden Euro) zur Förderung der heimischen Chip-Industrie genehmigt.
Die Europäische Union hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2030 ihren Anteil an der globalen Chip-Produktion auf rund 20 Prozent zu verdoppeln. Japan hat ein eigenes „nationales Projekt“ mit der gleichen Stoßrichtung begonnen, das unter anderem eine engere Kooperation mit TMSC und eine neue Forschungseinrichtung für 337 Millionen US-Dollar (rund 286 Millionen Euro) vorsieht.
China will Abhängigkeit von Importen schnell verringern
Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping hat die Selbstversorgung mit Halbleitern zur Chefsache ernannt und seinen „Wirtschafts-Zar“ Liu He beauftragt, die Abhängigkeit des Landes von Importen so schnell wie möglich zu reduzieren. Die Milliarden an Subventionen, die in China nun fließen, sind zum Teil eine Reaktion auf die US-Sanktionen der Präsidenten Trump und Biden, die China den Zugang zu modernsten Halbleitern und Lithographie-Maschinen für ihre Produktion verwehren.
„Der Chip-Nationalismus“ hat im vergangenen Jahr an Momentum gewonnen“, kommentiert Nikkei Asia – und meint damit den weltweiten industriepolitischen Trend. Die Befürworter einer Stärkung der heimischen Kapazitäten in der Halbleiter-Industrie, etwa der EU-Kommissar Thierry Breton, argumentieren mit geopolitischen Risiken und der Verwundbarkeit von Volkswirtschaften, wenn eine Schlüsselindustrie wie die Chip-Industrie allein in einigen wenigen asiatischen Ländern konzentriert bleibt – namentlich in Taiwan, Südkorea, Japan und zunehmend in der Volksrepublik China. Zusammen genommen werden dort derzeit rund 70% aller Halbleiter produziert.
Chip-Industrie: Bislang Musterbeispiel für Globalisierung
Bevor sich der politische Wind zu drehen begann hatte sich die Halbleiter-Industrie zu einem Musterbeispiel der Globalisierung entwickelt. Das Design besonders fortschrittlicher Chips findet noch immer überwiegend in den USA statt, während die Produktion meist an Auftragshersteller wie TSMC in Taiwan oder Samsung in Südkorea ausgelagert worden ist. Vorprodukte wie Wafer wiederum kommen aus unterschiedlichen Ländern, etwa von Siltronic aus Deutschland (die Wacker-Chemie-Tochter wurde gerade an das taiwanesische Unternehmen Globalwafers verkauft, das selbst eine Tochtergesellschaft von Sino-American Silicon Products (SAS) ist).
Diese internationale Arbeitsteilung und der Freihandel habe in den vergangenen Jahren große technologische Fortschritte ermöglicht, argumentiert der TSMC-Gründer Morris Chang. „Es wäre hochgradig unrealistisch, wenn man jetzt versuchte, die Uhr zurückzustellen,“ wird Chang zitiert. „Falls es versucht wird, werden die Kosten steigen und der technologische Fortschritt wird sich verlangsamen.”
Stand: 08.12.2025
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IC-Fertigung: Was spricht für mehr Autarkie?
Die Befürworter von mehr Autarkie dagegen sind sich der Kosten bewusst, fühlen sich aber von den geopolitischen Risiken etwa durch den Handels- und Technologiekrieg zwischen den USA und China oder den Chip-Mangel in der Folge der Corona-Lockdowns bekräftigt. Europa sei in der Vergangenheit „zu naiv, zu offen“ bei der Auslagerung der Chip-Lieferketten in andere Länder gewesen, zitierte die South China Morning Post den EU-Kommissar Thierry Breton.
Dass staatliche Subventionen oft zu Verschwendung führen, ist auch in China bekannt und nach außen gut sichtbar. Massive Fehlinvestitionen werden dort jedoch – wie in anderen asiatischen Ländern auch –billigend in Kauf genommen, wenn am Ende die globale Technologie-Führerschaft bei Schlüsseltechnologien erreicht ist.
China: Technologieführerschaft um jeden Preis
So ist China in jüngerer Vergangenheit mit der Solarindustrie verfahren und wiederholt es gerade in den Bereichen E-Mobilität, Künstlicher Intelligenz und Robotik. Auch eine starke, heimische Halbeiter-Industrie wird als strategisch wichtiger Kern der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes in den kommenden Jahrzehnten betrachtet. Das Kostenargument eines Morris Chang wird von der politischen Führung in Peking nicht ignoriert, aber klar als zweitrangig eingestuft.
Das Setzen ähnlicher Prioritäten wird nun auch immer häufiger von Industrie-Insidern in Europa gefordert. Die Halbleiter-Industrie werde sich Prognosen zufolge innerhalb des kommenden Jahrzehnts verdoppeln, argumentiert etwa Peter Wennink, CEO des Lithographie-Maschinen Produzenten ASML in der Financial Times. „Solch ein Geschäft nur in drei Orten der Welt aufzubauen – Taiwan, Korea, China – wäre ein bisschen dumm,“ wird Wennink zitiert.
* Henrik Bork ist Analyst der in Peking ansässigen Agentur Asia Waypoint.