Die Zahl der Cyberangriffe auf Embedded-Systeme steigt dramatisch, dennoch werden Sicherheitsmaßnahmen oft erst nachträglich implementiert. Dabei können schon seit Jahrzehnten bewährte Prinzipien des Security Designs systematisch in den Entwicklungsprozess von Embedded-Systeme integriert werden.
Bewährte Security Design Principles zeigen, wie sich Embedded-Systeme von Beginn an resilienter, modularer und wirksam gegen Cyberangriffe absichern lassen.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
Die Sicherheitslandschaft für Embedded Systems hat sich dramatisch verschärft. Laut Check Point Research verzeichneten wir 2024 einen Anstieg der Cyberangriffe um durchschnittlich 50% weltweit, mit besonders starken Zuwächsen in der Telekommunikation (+94%), Software (+83%) und Industrieautomation (+63%). Diese Zahlen unterstreichen eine unbequeme Wahrheit: Sicherheit kann nicht länger ein nachträglicher Gedanke sein.
Historisch gewachsene Embedded Systems zeigen oft charakteristische Schwachstellen: monolithische Architekturen mit root-Privilegien für alle Komponenten, statische Credentials im Dateisystem, fehlende Auditierung und keine Trennung von Sicherheitsdomänen. Diese Muster verletzen fundamentale Security-Prinzipien und machen Systeme angreifbar.
Die gute Nachricht: Security Design Principles bieten einen zeitlosen Kompass für fundierte Designentscheidungen – unabhängig von kurzlebigen Tools oder Trends. Diese Prinzipien, erstmals systematisiert von Saltzer & Schroeder 1975 [2][3], haben sich über Jahrzehnte bewährt und wurden kontinuierlich erweitert (NIST SP 800-27, ISO/IEC TS 19249, PCI-DSS).
Security Design Principles: Ein strukturierter Überblick
Security Design Principles lassen sich in drei zentrale Dimensionen gliedern, die den gesamten Lebenszyklus und alle Aspekte eines sicheren Systems abdecken. Die nachfolgend vorgestellten Prinzipien stellen eine bewährte Auswahl dar, die sich in der Praxis als besonders relevant erwiesen hat. BBv stellt hierfür beispielsweise eine umfassendere Übersicht mit 42 Prinzipien, praktischen Umsetzungsfragen und Priorisierungshinweisen kostenlos (gegen Registrierung) zur Verfügung.
System Life Cycle: Sicherheit über die gesamte Lebensdauer
Sicherheit ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der von der ersten Konzeptidee bis zur finalen Außerbetriebnahme des Systems reicht. Die Prinzipien in dieser Dimension stellen sicher, dass Sicherheit in jeder Lebensphase berücksichtigt wird und dass Sicherheitsmaßnahmen nicht nur technisch robust, sondern auch praktisch nutzbar sind.
Sichere Entwicklung & Lifecycle bedeutet:
Secure by Design: Sicherheit als integraler Bestandteil des gesamten Entwicklungsprozesses, nicht als nachträgliches Add-on
Regular Security Testing: Kontinuierliche Penetrationstests, Vulnerability Scans und Security-Reviews
Secure Disaster Recovery: Getestete Notfall- und Wiederherstellungsverfahren
Praktikabilität & Benutzerfreundlichkeit
Security by Default: Sichere Voreinstellungen ohne Benutzereingriff – unsichere Standardkonfigurationen sind eine häufige Schwachstelle
Psychological Acceptability: Benutzerfreundliches MFA und Single Sign-On statt komplexer Passwortregeln, die zum Aufschreiben führen
Privacy by Design: Datenschutz von Anfang an integriert durch Datensparsamkeit und Pseudonymisierung
Structure: Fundamentale Architekturprinzipien
Die strukturellen Grundlagen definieren, wie ein System aufgebaut sein sollte, um von Grund auf sicher zu sein. Diese architektonischen Entscheidungen sind fundamental, da sie nach der Implementierung nur schwer zu ändern sind. Eine durchdachte Struktur mit klaren Grenzen zwischen Komponenten und minimierter Angriffsfläche schafft die Voraussetzung für alle weiteren Sicherheitsmaßnahmen:
Hinsichtlich Systemarchitektur & Struktur:
Defense in Depth: Mehrschichtige Sicherheitskontrollen – der Ausfall einer Schicht darf nicht zum Totalversagen führen
Domain Separation: Strikte Trennung zwischen Produktions-, Test- und Entwicklungsumgebungen sowie Netzwerksegmentierung
Modularity: Unabhängige Module mit dem Prinzip "eine primäre Funktion pro Server" – keine Vermischung von Webserver und Datenbank auf demselben System
Weakest Link: Systematische Überprüfung aller Systemkomponenten, nicht nur der offensichtlichen
Während die strukturellen Grundlagen das statische Fundament bilden, definieren diese Prinzipien das dynamische Verhalten des Systems im Betrieb. Sie regeln, wie Zugriffe kontrolliert werden, wie das System auf Fehler und Angriffe reagiert, wem vertraut wird und wie kontinuierlich überwacht wird. Diese operativen Mechanismen ermöglichen es, Systeme flexibel und dennoch sicher zu betreiben.
Zugriffsmanagement & Authentifizierung:
Least Privilege: Nur minimal notwendige Rechte – keine Admin-Accounts für Routineaufgaben
Complete Mediation: Bei jedem Zugriff erneute Prüfung der Berechtigung, kein Caching von Autorisierungsentscheidungen
Separation of Duties: 4-Augen-Prinzip für Produktionsänderungen, getrennte Dev/Prod-Umgebungen
Commensurate Response: Sicherheitsreaktionen im angemessenen Verhältnis zur Bedrohung
Innovate Your Software – for a Smarter Future
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Was geschah: Staatlich unterstützte Angreifer infiltrierten den Build-Prozess und versteckten eine Backdoor in Software-Updates der Orion-Plattform.
Verletzte Prinzipien:
Separation of Duties: Fehlende Kontrollen im Build- und Release-Prozess
Complete Mediation: Unzureichende Überprüfung von Software-Updates
Open Design: Zu viel Vertrauen in geschlossene Systeme
Konsequenzen: 18.000 Kunden potenziell betroffen, darunter US-Regierungsbehörden und Fortune-500-Unternehmen.
Lessons Learned:
Software Supply Chain Security (SLSA-Framework)
Reproduzierbare Builds und Build-Signaturen
Zero-Trust auch für interne Entwicklungsprozesse
Trennung von Build-, Test- und Release-Umgebungen
Praktische Anwendung: Security-Review mit Prinzipien-Check
Security Design Principles dienen als systematischer Kompass für Security-Reviews. Beispiel Remote-Diagnose-Funktion:
Zugriff: Wurde Least Privilege implementiert?
Nachvollziehbarkeit: Sind Audit-Logs vorhanden?
Integrität: Ist das Logging manipulationssicher?
Fehlertoleranz: Gibt es ein Fail-Safe bei Verbindungsstörungen?
Usability: Wird die Funktion akzeptiert oder umgangen?
Trennung: Existiert eine Domain Separation von Produktivsystemen?
Dieser strukturierte Ansatz verhindert, dass Sicherheitsaspekte übersehen werden, und fördert ein gemeinsames Verständnis im Team.
Ausblick und nächste Schritte
Die Sicherheitslandschaft entwickelt sich kontinuierlich weiter:
Zero Trust Architecture (ZTA): Kontinuierliche Verifikation wird zum Standard, nicht nur am Netzwerkperimeter.
DevSecOps: Security als integraler Bestandteil jeder CI/CD-Pipeline, mit automatisierten Security-Gates.
Security by Design: Wird zur Compliance-Pflicht (EU Cyber Resilience Act, IEC 62443 für OT).
KI: Bringt sowohl neue Chancen (Anomalieerkennung, automatisierte Threat Hunting) als auch neue Bedrohungen (AI-generierte Angriffe, Adversarial ML
Security Design Principles sind keine abstrakten Konzepte, sondern praktische Werkzeuge für die tägliche Entwicklungsarbeit. Sie helfen, fundierte Designentscheidungen zu treffen und Sicherheit von Anfang an in Systeme zu integrieren – nicht als nachträglichen Patch.
Stand: 08.12.2025
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Für Ihren Alltag können Sie die folgenden drei Punkte verinnerlichen::
1. Assessments: Wo stehen wir? Welche Prinzipien fehlen in unserer Architektur?
2. Security Champions: Security-Fokus in jedes Team bringen
3. Anwenden: Prinzipien leben – bei jedem Review und nach jedem Incident
[6] ISO/IEC TS 19249: "Information technology – Security techniques – Catalogue of architectural and design principles for secure products, systems and applications" (2017)
[8] IEC 62443: "Security for industrial automation and control systems" (2009-2021)
[9] Kerckhoffs, A.: "La Cryptographie Militaire" (1883)
* Jürgen Messerer arbeitet bei der Firma bbv Software Services als Embedded Software Architekt. Seine Schwerpunkte liegen neben Security auch in Embedded Linux Systemen sowie Applikationsentwicklung mit C++ und Qt.