Lieferketten-RisikomanagementLieferkettenrisiken verstehen, bewerten und reduzieren
Von
Alexander Brox*
5 min Lesedauer
Unternehmen optimierten Kosten, verließen sich auf vorhersehbare Handelsbeziehungen und konzentrierten sich auf Effizienz statt auf Resilienz. Doch angesichts der globalen Spannungen werden diese Maßnahmen zur Belastung. Neue Strategien sind gefordert.
Supply-Chain-Risiken: Eine wirksame Strategie besteht darin, sich auf die Sichtbarkeit der Produktkomponenten, statt auf die der Direktlieferanten zu konzentrieren.
Jahrzehntelang basierten globale Lieferketten auf relativ stabilen Annahmen. In einer Zeit, in der globale Spannungen, regulatorische Änderungen und flächendeckende Störungen verhältnismäßig selten waren, brachte dieser Ansatz messbare Vorteile. Doch diese Bedingungen gehören der Vergangenheit an. In den letzten Jahren hat die globale Volatilität gezeigt, wie schnell die bisherigen Annahmen zur Belastung werden.
Das Problem heute ist, dass viele Unternehmen Entscheidungen auf Basis unvollständiger Informationen treffen. Laut der Harvard Business Review haben nur 16 Prozent der Unternehmen vollständige Transparenz über alle Ebenen ihrer Lieferkette.
Die meisten Betriebe können daher nicht nachvollziehen, wo kritische Rohstoffe herstammen oder wo verborgene Abhängigkeiten bestehen. Daher verlagert sich der Einkauf zunehmend von lieferantenbezogenen hin zu produktzentrierten Entscheidungen. Diese Strategie schafft ein umfassenderes Verständnis darüber, woher Materialien und Komponenten für die Produkte stammen und gibt den Unternehmen deutlich mehr Kontrolle und Sicherheit.
Kostengünstige Beschaffung kann das Lieferkettenrisiko erhöhen
Viele Unternehmen haben die Gewohnheit, automatisch die günstigsten Lieferanten auszuwählen. Doch dieser Ansatz berücksichtigt nicht die Zuverlässigkeit oder Resilienz eines Lieferanten. Ein Anbieter, der auf dem Papier wirtschaftlich erscheint, kann teuer werden, wenn Produktionsverzögerungen oder Beschaffungsprobleme beachtet werden.
Statt den billigsten Lieferanten auszuwählen und zu hoffen, dass keine Störungen auftreten, sollten Unternehmen Worst-Case-Szenarien antizipieren und wichtige Fragen zu stellen:
Wie sieht die finanzielle Situation des Lieferanten aus?
Welche Risiken könnten ihn daran hindern, seine Verpflichtungen zu erfüllen?
Welche zugelieferten Produkte oder Rohstoffe sind für das Unternehmen existenziell?
Die Antworten sowie die Erstellung eines strukturierten Beschaffungsrahmens inklusive potenzieller Risiken, trägt maßgeblich dazu bei, differenziertere und bessere Entscheidungen zu treffen.
Globale Spannungen können globale Lieferketten stören
Als aktuelles Beispiel zeigt der anhaltende Konflikt in der Straße von Hormus, wie tiefgreifend internationale Beziehungen die globalen Lieferketten beeinflussen können. Vor Beginn der aktuellen Situation hing etwa 25 Prozent des maritim transportierten Öls von dieser Passage ab. Die aktuelle Blockade haben die Preise für Öl und Erdgas in die Höhe schnellen lassen und gravierende Folgeeffekte für die Transportwirtschaft und andere Branchen erzeugt.
Die schlichte Annahme, dass Häfen, Kanäle und Knotenpunkte zugänglich bleiben birgt ein hohes Resilienzrisiko. Stattdessen sollten Unternehmen politische Unsicherheiten in ihrer Notfallplanung berücksichtigen. Eine gezielte Diversifizierung der Lieferanten hilft, kontinuierlich Zugang zu den benötigten Komponenten und Materialien zu sichern.
Compliance versus Transparenz in der Lieferkette
Die Einhaltung regulatorischer Vorgaben für die Geschäftstätigkeit ist essenziell. Allerdings kann sie nicht mit voller Transparenz über die Lieferkette gleichgesetzt werden. Wenn ein Unternehmen bestätigt, dass seine Direktlieferanten die Kriterien für Umwelt- und Arbeitsstandards erfüllen, ist noch nicht gesichert, ob ein Lieferant weiter unten in der Kette diese Anforderungen ebenfalls erfüllt. Echte Transparenz erfordert ein detailliertes Verständnis der gesamten Lieferkette, inklusive direkter und indirekter Lieferanten. Nur so kann der Ursprung aller Materialien und Rohstoffe und die damit verbundenen Risiken vollständig erfasst werden.
Eine „China Plus One“-Strategie eliminiert Lieferkettenrisiken nicht
Viele Unternehmen verfolgen eine „China Plus One“-Strategie, bei der sie ihre geografische Beschaffung diversifizieren und dadurch eine zu starke Abhängigkeit von China vermeiden. Diese Strategie kann zwar die Resilienz der Lieferkette verbessern, sie garantiert jedoch keine Risikoreduzierung. Die bloße Verlagerung einer Lieferquelle außerhalb Chinas verhindert nicht, dass Lieferanten an den alternativen Standorten nicht ebenfalls auf chinesische Materialien oder Arbeitskräfte in ihrer Lieferkette angewiesen sind. Zudem kann eine geografische Verlagerung weitere Risiken, wie globale Instabilität, Naturkatastrophen oder Handelsbeschränkungen, bergen.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group GmbH & Co. KG, Max-Planckstr. 7-9, 97082 Würzburg einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Ohne ein klares Verständnis aller Risiken und Transparenz über Lieferanten auf weiteren Ebenen, verschieben Unternehmen möglicherweise nur ihre Risiken, statt sie zu verringern. Eine erfolgreiche Diversifizierung erfordert es, über den Ort der Herstellung hinauszuschauen und das gesamte Liefernetzwerk zu verstehen.
Handelsvorschriften beeinflussen Beschaffung und Lieferketten entscheidend
Regierungen nutzen Handelspolitik, um breitere wirtschaftliche, ökologische und nationale Ziele voranzutreiben. Die daraus resultierenden Vorschriften beeinflussen direkt, wo Unternehmen Materialien beschaffen und mit welchen Lieferanten sie zusammenarbeiten. Aus diesem Grund sind Organisationen, die regulatorische Intelligenz in ihre Beschaffungs- und Einkaufsentscheidungen integrieren, besser für Anpassungen gerüstet. Daher behandeln resilienzorientierte Unternehmen die Compliance nicht als letzten Prüfpunkt, sondern betten sie von Anfang an in ihre Lieferkettenstrategie ein.
Einfluss finanzieller und geopolitischer Risiken auf die Lieferketten
Der globale Austausch von Gütern erfordert gut funktionierende Finanzsysteme. Beispielsweise können Wirtschaftssanktionen Unternehmen daran hindern, Lieferanten zu bezahlen. Zudem können Währungsschwankungen die Beschaffungskosten drastisch erhöhen. Diese finanziellen Risiken sind zunehmend mit globalen Ereignissen verknüpft. Ein Lieferketten-Risikomanagement hilft, die finanzielle Gesundheit von Lieferanten zu bewerten, globale Entwicklungen zu überwachen und die Exposition gegenüber Sanktionen, Währungsvolatilität und Bankenstörungen zu verstehen.
Just-in-Time-Bestandsführung und strategische Lagerbestände
Mit dem „Just-in-Time“-Ansatz in der Produktion und Beschaffung können Unternehmen Lagerkosten senken, Abfall minimieren und den Cashflow verbessern. Dieser Ansatz ist in Phasen globaler Stabilität effizient. In ausgedehnten Lieferantennetzwerken verleiht diese Strategie jedoch einem einzigen Ereignis die Macht, Engpässe zu verursachen oder sogar die Produktion zum Erliegen zu bringen.
Unternehmen sollten deshalb flexibleren Bestandsstrategien folgen, wie etwa Dual Sourcing oder die Nutzung regionaler Lieferanten, um geringere Kosten mit der Risikominimierung in Einklang zu bringen. Zudem können strategische Lagerbestände durch die Vorhaltung von Überschüssen für geschäftskritische Artikel helfen, das Risiko zu senken. Mit Risikoanalysen und Lieferketten-Transparenz können Unternehmen bestimmen, wo zusätzliche Bestände den größten Mehrwert bieten und die Kosten, Kontinuität und Resilienz optimieren.
Vorteile des Lieferketten-Risikomanagement auf Produktebene
Bei der Risikosteuerung konzentrieren sich viele Unternehmen auf die Beziehungen zu Direktlieferanten, während die vorgelagerten Komponenten und Materialien übersehen werden. Durch den zusätzlichen Fokus auch auf vorgelagerte Stufen, positionieren sich Unternehmen besser, um Störungen zu antizipieren oder effektiv zu reagieren.
Ein Beispiel: Viele der weltweit größten Unternehmen sind von Halbleitern abhängig, um beispielsweise Smartphones, Medizinprodukte oder Automobile herzustellen. Doch 2021 führte COVID-19 zu einem massiven Halbleitermangel. Unternehmen hatten die Sub-Lieferanten, von denen ihre Produkte abhingen oder die Überschneidungen ihrer Lieferketten mit denen von Wettbewerbern nicht berücksichtigt. Um Situationen wie diese zu entschärfen, benötigen Organisationen Notfallpläne, um hochriskante und sehr gefragte Materialien und Komponenten alternativ zu beschaffen.
Aufbau einer Lieferkettenresilienz
Viele der Annahmen, die das Lieferkettenmanagement in den letzten Jahrzehnten geprägt haben, halten in der heutigen volatilen und global angespannten Umgebung nicht mehr stand. Um dem entgegenzuwirken und um resilientere Lieferketten zu etablieren, hilft Echtzeit-Intelligenz. Organisationen, die in tiefe Transparenz, produktzentrierte Risikoanalysen und kontinuierliches Monitoring investieren, sind besser positioniert, um auf zukünftige Störungen zu reagieren, unabhängig davon, wo diese entstehen.
Eine wirksame Strategie besteht darin, sich auf die Sichtbarkeit der Produktkomponenten, statt auf die der Direktlieferanten zu konzentrieren. Lösungen, wie beispielsweise die N-Tier Intelligence von Sphera, helfen Unternehmen, ihre Lieferkette und den Einkauf besser zu bewerten und fundierte Beschaffungsentscheidungen zu treffen.
(mk)
*Alexander Brox ist Senior Manger of Product Management bei Sphera