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Schrittweise Abschaffung des Bargeldes
Die schrittweise Abschaffung des Bargeldes ist sehr wahrscheinlich, weil die dargelegte Interessenballung für politische Entscheider, Finanzinstitutionen, Notenbanken und auch Handelsunternehmen gewaltig ist. In einigen Ländern wie Italien und Frankreich gibt es schon zulässige Höchstgrenzen für Barzahlungen. Dort haben also die Bargeldgegner schon erste Schlachten erfolgreich geschlagen.
In Deutschland will die Regierung ein 5.000-Euro-Limit einführen, was natürlich später reduziert werden kann. Vielleicht mit dem Argument der „europäischen Harmonisierung“? Auch die 500-Euroscheine sollen aus dem Verkehr gezogen werden. Betrachtet man Freiheit als in der Menschheitsgeschichte im Grunde fortwährend bedroht, überwiegen für die Allgemeinheit die schon aufgezeigten Nachteile jedoch klar die wenigen (Schein-)Vorteile der Bargeldabschaffung.
Klaus Müller, Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, bringt es auf den Punkt: „Bargeld ist gelebter Datenschutz“ (rnz.de 4.2.16). Und Hans-Jürgen Papier, Ex-Präsident des Bundesverfassungsgerichts, sieht Beschränkungen von Bargeldzahlungen als verfassungswidrig an: „Dies wären nicht gerechtfertigte Eingriffe in Freiheitsrechte, nämlich in die Vertragsfreiheit und Privatautonomie“ (faz.net 8.2.16).
Vorreiter Schweden: Für Schweden wird bis 2030 mit der „bargeldlosen Gesellschaft“ („cashless society“) gerechnet. Es werden Kampagnen gefahren etwa nach dem Motto: Bargeld brauchen nur noch die Oma und der Räuber.
Schon heute ist das Bargeld weit zurückgedrängt, selbst für kleine Beträge. Viele Bankfilialen zahlen keine Scheine und Münzen mehr aus. In Bussen kann nur noch mit Karte oder Smartphone gezahlt werden. Sogar Kollekten in Kirchen werden elektronisch eingesammelt. Allerdings gibt es von Datenschützern verständlicherweise Kritik an dieser Entwicklung.
Weitere Nachteile der Bargeldabschaffung
Bargeld ist vor Hackerangriffen geschützt – das Buchgeld auf Girokonten nicht. Und wir leben im Zeitalter von möglichen Cyberwar-Angriffen auf das Stromnetz über das Internet – wie in Marc Elsbergs Roman „Blackout – Morgen ist es zu spät“ sehr eindrücklich beschrieben.
Bargeldlosigkeit wäre dann die Garantie für eine noch größere Katastrophe, noch mehr Panik wahrscheinlicher. Dieser Umstand spricht schon alleine für die Beibehaltung des Bargeldes, weil dann selbst ohne elektronische Kassen Handel noch möglich ist, wenn auch in erschwerter Form.
Die Deutschen hängen am Bargeld. Sie sind hier im positiven Sinne konservativ. Sie wollen spüren, wenn sie Geld ausgeben. In USA, wo bargeldloses Zahlen stärker verbreitet ist, ist auch die Verschuldung privater Haushalte ein größeres Problem. Diese würde voraussichtlich auch hierzulande zunehmen, weil Menschen beim Geldausgeben dann nicht mehr spüren, wie es ihnen zwischen den Fingern entrinnt, ein psychologisch wichtiges Moment. Außerdem: Wie sollen kleine Kinder ohne Scheine und Münzen den verantwortungsvollen Umgang mit ihren Finanzen erlernen?
Gibt es Alternativen zum rein elektronischen Geld?
Menschen könnten wirtschaftliche Transaktionen mit Bargeld fremder Länder abwickeln, z.B. Schweizer Franken. Deswegen ist allerdings mit einem konzertierten Vorgehen zumindest im OECD-Rahmen, also der hoch entwickelten Länder, zu rechnen. Dann blieben vielleicht noch chinesische Renminbi oder brasilianische Real. Auch Edelmetalle könnten Verwendung finden oder Regionalwährungen (wie z.B. der Chiemgauer) oder Gutscheinsysteme zum Tausch von Leistungen.
Internetwährungen wie Bitcoin böten eine weitere Alternative. Menschen werden erfinderisch, wenn man ihnen das Bargeld nimmt, das der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski als „geprägte Freiheit“ bezeichnete. Wahrscheinlich wird jedoch der Staat seine Macht einsetzen, um diese Alternativen zu unterbinden oder zu erschweren.
Frontalangriff auf die „informationelle Selbstbestimmung“
Fazit: Im „Krieg gegen das Bargeld“ werden also ökonomische wie nicht-ökonomische Gründe auf die Argumentationsschlachtfelder geführt. Die ökonomischen Gründe entfielen bei Einführung eines besseren Geldsystems (z.B. Währungswettbewerb nach Nobelpreisträger Friedrich-August von Hayek statt staatliches Zwangsgeld) und solider staatlicher Haushaltsführung statt Schuldenorgien.
Die nicht-ökonomischen Gründe sind ein Frontalangriff auf die „informationelle Selbstbestimmung“ des Individuums und lösen berechtigterweise Ängste vor total(itär)er Überwachung aus. Benjamin Franklin, einem der Gründerväter der USA, dessen Konterfei übrigens eine 100-Dollar-Note ziert, wird folgendes Zitat sinngemäß zugeschrieben: „Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt, wird beides verlieren.“
* Prof. Dr. Gerald Mann lehrt Volkswirtschaftslehre an der FOM Hochschule in München und ist Koautor von „Bargeldverbot“.
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