Ist die Lebensdauer unserer Produkte programmiert? Ja, definitiv. Ob die Haltbarkeit jedoch absichtlich verkürzt wird, kann auch die 2016 veröffentliche Studie des Umwelt Bundesamts nicht beantworten – wir sprachen mit Kritikern der Studie, Elektrogeräteherstellern und Elektronik-Verbänden.
Edbill Grote: „Man kann zum Teil auf den Tag genau berechnen, wie lange ein Gerät hält, wenn es am Tag eine bestimmte Anzahl von Stunden läuft.“
(Bild: E. Grote)
Elektrogeräte werden immer kürzer genutzt. So entsteht jährlich eine große Menge Elektroschrott: im Jahr 2014 waren es in Deutschland rund 1,8 Millionen Tonnen, das entspricht 21,6 kg pro Bürger. Im Rahmen der vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebenen Studie, die das Austauschverhalten der Verbraucher bezüglich verschiedener Elektro-/Elektronikgeräte untersucht wurden, konnte die geplante Obsoleszenz nicht nachweisen. Das Ergebnis sowie die Studie an sich sind jedoch umstritten und werden heftig diskutiert.
Aus Sicht des Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. (ZVEI) ist das Ergebnis, dass die geplante Obsoleszenz nicht nachgewiesen werden konnte, nicht überraschend, denn: „Der Markennamen ist das höchste Gut eines Herstellers. Zufriedene Kunden bleiben markentreu“, erklärt Werner Scholz, Geschäftsführer der Fachverbände Elektro-Haushalts-Großgeräte, Elektro-Haushalts-Kleingeräte sowie Elektro-Hauswärmetechnik beim ZVEI. Dieser Meinung ist auch Bitkom: „Unternehmen, die ihre Kunden begeistern und dauerhaft an sich binden wollen, tun alles, um zu verhindern, dass ihre Geräte vorzeitige Defekte zeigen.“
Wie weist man geplante Obsoleszenz nach?
Mit geplantem Verschleiß bzw. künstlicher Produktalterung ist gemeint, dass Strategien absichtlich eingesetzt werden damit Produkte vorzeitig altern. Dies ist bis dato schwer nachweisbar, vermutlich deshalb kein „eigener Tatbestand“ und daher rechtlich kaum verfolgbar. Genaugenommen müssten ja zwei „künstliche“ Sachen nachgewiesen werden:
1) das Faktum der vorzeitigen Produktalterung und
2) das Faktum der Absichtlichkeit
Beides sind „weiche“ Faktoren: Wie „misst“ man, nach welchen Kriterien beurteilt man die Vorzeitigkeit des Produktverschleißes und wie stellt man die dahinterstehende Absicht fest?
Ähnlich verhält es sich mit der „Absichtlichkeit“. Das Design eines Produktes ist kein Zufall, das ist schon richtig, da liegt also Planung, Absichtlichkeit vor. Die Nicht-Reparierbarkeit ergibt sich oft durch eingeschweißte oder sonst wie unzugängliche Verschleißteile, für eine Reparatur dieses Teils müsste das Produkt zerstört werden. Das sind oft Ergebnisse von Designentscheidungen, die oft aus anderen Gründen sinnvoll scheinen, bzw. von der Industrie bzw. dem Handel begründet werden (Funktionsstabilität, Ausschluss von Nutzungsfehlern, usf.).
Christian Kreiß, Professor für Finanzierung und Wirtschaftspolitik der Hochschule Aachen und Autor des Buchs „Geplanter Verschleiß“, hat einen anderen Blick auf die Dinge. Er stellt sich die Frage: Was wäre, wenn die Lebensdauer der Produkte nur geringfügig verkürzt würde? Wer kann schon genau sagen, ob der Handmixer oder elektrische Rasierer vor neun oder zehn Jahren gekauft wurde?
Laut Kreiß ist das Phänomen „Geplanter Verschleiß“ tief in unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem verankert. Es sei „...nur eine Spielart von vielen, wie Großkonzerne vorgehen, um im Dienste der Gewinnmaximierung den Verbraucher zu übervorteilen.“ In seinem Buch spricht er von „versteckter Produktverschlechterung“, was einer verdeckten Preiserhöhung durch Qualitätsminderung gleich kommt. Wichtig ist dabei, dass die Verkürzung der Lebensdauer so gering ist, dass sie unter der Wahrnehmungsschwelle der Käufer bleibt: „Die Strategie der heimlichen allmählichen Qualitätsverschlechterung wird von Wettbewerbsmärkten normalerweise in Form niedrigerer Kosten, steigender Umsätze und damit steigender Gewinne belohnt statt durch Kundenabwanderung bestraft.“ Da der Verbraucher nicht weiß, ob der Konkurrent besser ist, wandert er normalerweise auch nicht ab.
Auch Edbill Grote, Geschäftsführer des Testhauses HTV und Entwickler des HTV-Life-Prüfzeichens ist überzeugt davon, dass es viele Hersteller gibt, die absichtlich Schwachstellen in ihre Geräte einbauen. Seiner Meinung nach kommt geplante Obsoleszenz heutzutage viel zu oft vor: „Man kann zum Teil auf den Tag genau berechnen, wie lange ein Gerät hält, wenn es am Tag eine bestimmte Anzahl von Stunden läuft.“
Hersteller kalkulieren mit einer bestimmten Produktlebensdaue
In der aktuellen Studie konnte eine gezielte kurze Produktlebensdauer, die die Hersteller mittels eingebauter Mängel erzeugen allerdings nicht nachgewiesen werden. Es heißt: „Vielmehr kalkulieren Hersteller mit einer bestimmten Produktlebensdauer, die sich auch nach Zielgruppe, Einsatzbereich und Produktzyklen richtet.“
Stand: 08.12.2025
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„Kein Konsumgüterprodukt wird so konstruiert, dass es so lange wie möglich hält, sondern so lange wie es die Kunden erwarten“, erklärt Werner Scholz. „Der Hersteller schaut sich die Erwartungshaltung des Verbrauchers, also seiner Zielgruppe, an. Bei großen Hausgeräten ist diese Erwartung hoch, deswegen liegt die durchschnittliche Erstnutzungsdauer auch zwischen 12 und 15 Jahren. Natürlich könnten die Hersteller noch höhere Anforderungen an ihre Produkte stellen, die Kosten für ein Gerät würden dadurch aber höher. Das ginge jedoch an der Kundenerwartung und der tatsächlichen Nutzung vorbei. Schon heute werden ein Drittel aller Hausgeräte ausgetauscht, obwohl sie noch perfekt funktionieren.“
Also ist es theoretisch möglich, durch qualitativ hochwertige, teurere Komponenten und ausgiebigere Tests die Lebensdauer eines Computers oder Smartphones zu verlängern. Seitens der Hersteller wird jedoch darauf verzichtet, da die Verbraucher darauf angeblich keinen Wert legen. Eine Auslegung, die auch Stefan Schridde, Initiator von Murks? Nein Danke!, einer bürgerschaftlichen Verbraucherschutzorganisation und gleichzeitig Onlineportal für nachhaltige Produktqualität und gegen geplante Obsoleszenz, stark kritisiert.
Die Grafik zeigt das Elektroschrott-Aufkommen in ausgewählten Ländern 2014.
(Bild: Statista)
Natürlich gibt es Verbraucher, die ihr Smartphone vor dem Ende der Lebensdauer austauschen, aber es gibt auch Konsumenten, die gerne ein funktionierendes, gebrauchtes Gerät auf eBay usw. erstehen. Das Interesse an langlebigen Geräten ist auf der Verbraucherseite demnach vorhanden.
Die UBA-Studie ergab, dass viele Geräte ersetzt wurden, obwohl keine Defekte vorlagen (1/3 bei Haushaltsgroßgeräten und circa 50 % bei TV-Geräten und Notebooks) und auch, dass ein großer Anteil der Geräte ersetzt und entsorgt wurde, bevor die Geräte die durchschnittliche Erst-Nutzungsdauer (in Abhängigkeit der Produktgruppe) oder das Alter von fünf Jahren erreicht hatte. Insgesamt hat die Erst-Nutzungsdauer in den meisten untersuchten Produktgruppen in den letzten Jahren abgenommen.
Ein Grund für den vorzeitigen Austausch der Geräte sind laut Studienergebnissen sowie Statements der Verbände und Hersteller Innovationen. Gerade im Bereich der Informationstechnologie und Telekommunikation (ITK) sind die Innovationszyklen deutlich kürzer als anderswo. Die Verbraucher tauschen ihre alten Konsumgüter gegen ein besseres, innovativeres Gerät.
Das Veralten von Produkten durch technischen Fortschritt fällt nicht unter den Begriff geplante Obsoleszenz. Laut Christian Kreiß heißt das aber nicht, dass die Nutzungsobsoleszenz nicht auch im Sinne von geplanter Obsoleszenz ausgenutzt werden könnte (Stichwort psychologische Obsoleszenz). „Für ein Unternehmen ist es einfach, Modellzyklen so zu gestalten, dass der Endverbraucher häufiger zur Kasse gebeten wird, als nötig. Neuerungen können absichtlich zurückgehalten werden, um sie einem ‚neuen‘ Produkt einzuführen“ (Stichwort Technologierückhalt).
In der Studie nicht berücksichtigt, aber sicherlich mit ausschlaggebend: das Kaufverhalten. Dieses hat sich in den letzten Jahren generell geändert; dank Online-Shops und 0%-Finanzierungen sind die Hürden für eine Neuanschaffung drastisch gesunken. Und auch Mobilfunkanbieter versprechen bei Vertragsabschluss jedes Jahr ein neues Endgerät.
Als weitere Gründe für den vorzeitigen Austausch der Gebrauchsgüter werden in der UBA-Studie werkstoffliche, funktionale und ökonomische Obsoleszenz genannt – laut wissenschaftlich anerkannter Definition, wie die psychologische Obsoleszenz, weitere Untergruppen der Geplanten Obsoleszenz. In der Studie wird die geplante Obsoleszenz – abweichend von den selbst zitierten Quellen – nur auf die arglistige Ausprägung reduziert.
HTV-Live Prüfzeichen
Das unabhängige Testhaus HTV prüft die Lebensdauer von Produkten und zeichnet solche aus, die keine Maßnahmen zur Verkürzung der Produktlebensdauer, wie unterdimensionierte oder bewusst neben Hitzequellen platzierte Kondensatoren, schwache Widerstände oder fest verbaute Akkus enthalten. Dazu erfolgt eine detaillierte Analyse der Herstellungsunterlagen, Lebensdauerbetrachtungen und der verwendeten Materialqualitäten. Ergänzend werden mechanische, elektronische und bei Bedarf auch softwaretechnische Aspekte im Rahmen der strengen Vergabekriterien berücksichtigt. Zudem wird eine eidesstattliche Erklärung vom Hersteller gefordert, dass keine geplante Obsoleszenz vorliegt. HTV-Life überwacht die Einhaltung der Vergabekriterien, der Hersteller verpflichtet sich, jede wesentliche Änderung am geprüften Produkt der HTV umgehend mitzuteilen. Auch gilt das Prüfzeichen nur für den analysierten Artikel bzw. die Produktfamilie und kann jährlich verlängert werden. Erstmuster werden als Referenz bei HTV eingelagert. So schafft das Prüfzeichen ein objektives Entscheidungskriterium, anhand dessen der Verbraucher seine Kaufentscheidung auf Basis von Fakten zu treffen
Egal, ob aktives Produktmanagement, Arglist oder gewollte Unterlassung, geplante Obsoleszenz kann verschiedene Grade haben und ist für Stefan Schridde ein Faktum. Die UBA-Studie ignoriere jedoch die bisherigen Fachveröffentlichungen zum Thema. Das Problem der Geplanten Obsoleszenz sei so offensichtlich, dass die Politik bereits darauf reagiere. Er verweist auf die EU-Kommission und die deutschen Bundesländer, die Schritte gegen die geplante Obsoleszenz gefordert haben, sowie auf Frankreich, das bereits ein Gesetz dagegen einführte – auch wenn dieses juristisch schwer anzuwenden ist und daher eher einen pädagogischen Wert habe.
Christian Kreiß: Geplanter Verschleiß – Wie die Industrie uns zu immer mehr und immer schnellerem Konsum antreibt – und wie wir uns dagegen wehren können; Europa Verlag, März 2014