Handelskrieg Eskalation um Halbleiter: Die USA wollen China auch den Zugang zu EDA verwehren

Von Henrik Bork

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EDA wird zur nächsten Front im US-chinesischen Technologiekrieg. Das Handelsministerium in Washington hat am 12. August neue Exportverbote verhängt, die China den Zugang zu modernster Design-Software für Halbleiter verwehrt.

Die neuen Restriktionen richten sich nicht nur gegen China. Auch mehr als 150 weitere Länder benötigen jetzt Sondergenehmigungen, wenn sie bestimmte EDA-Software importieren möchten.
Die neuen Restriktionen richten sich nicht nur gegen China. Auch mehr als 150 weitere Länder benötigen jetzt Sondergenehmigungen, wenn sie bestimmte EDA-Software importieren möchten.
(Bild: Clipdealer)

In Peking haben die US-Maßnahmen Kritik und trotzige Aufrufe zu mehr Autarkie bei der Entwicklung von Werkzeugen für die „Electronic Design Automation“ ausgelöst.

Die Export-Restriktionen richten sich nicht nur und nicht explizit gegen China. Mehr als 150 Länder – im Wesentlichen also sämtliche Nicht-Alliierten der USA – brauchen ab jetzt genau wie die Volksrepublik China Sondergenehmigungen, wenn sie bestimmte Versionen von EDA-Software importieren wollen.

Sowohl in den USA als auch in China wird die Maßnahme aber als weiterer Versuch der Regierung von US-Präsident Joe Biden gewertet, die Entwicklung der chinesischen Halbleiter-Industrie auszubremsen.

„Der Schritt erfolgte vor dem Hintergrund, dass die USA ihren Crackdown gegenüber der chinesischen Chip-Industrie ständig beschleunigen“, schreibt die regierungsnahe Zeitung Global Times in Peking. Dies sei aber „eine großartige Gelegenheit für chinesische EDA-Lieferanten, Marktanteile zu gewinnen und auszuweiten“, kommentierte das Blatt.

Betroffen ist vor allem GAAFET

Die US-Regierung plant, vor allem den Verkauf von EDA-Software für das Design von GAAFET nach China zu verhindern. Die „Gate All Around Field Effect Transistors“ gelten als Schlüsseltechnologie für die Entwicklung von Chips im Bereich 3 Nanometer und darunter, also der fortgeschrittensten Halbleiter-Generation, die führende Hersteller momentan entwickeln.

In Washington läuft momentan noch eine öffentliche Anhörung, um die endgültige Liste der für China und andere Nicht-Alliierte verbotenen EDA-Werkzeuge aufzustellen. Doch nicht nur in Peking, auch in Kreisen der Industrie wird nun Kritik an dem Exportverbot laut.

Sollten die Verbote mit einem engmaschigen Netz durchgesetzt werden, könnte dies „ganz klar eine Katastrophe für viele Unternehmen in China, den USA und sonst wo werden“, heißt es in einer Analyse der amerikanischen Beratungsagentur International Business Strategies (IBS).

Die international sehr stark globalisierte und vernetzte Halbleiter-Industrie steht protektionistischen Maßnahmen und Exportverboten als Waffe in Handelskriegen gegenüber überwiegend kritisch gegenüber. In Chinas Elektronik-Industrie werden fast zwei Drittel aller Halbleiter der Erde verbaut.

Der globale Markt für EDA-Software selbst hatte im vergangenen Jahr zwar einen Wert von nur etwa zehn Milliarden US-Dollar, was einem Bruchteil des weltweiten Halbleiter-Marktes entsprach, der einen Wert von 595 Milliarden US-Dollar erreichte, wie die MIT Technology Review kürzlich berichtete.

Ohne Software keine Chips

Weil moderne Chips jedoch Milliarden von Transistoren enthalten, ist ihr Design ohne fortschrittliche EDA-Software nicht mehr möglich. EDA-Programme sind damit von überdurchschnittlicher Bedeutung für die Lieferketten in der Halbleiter-Industrie. Auch wird EDA nicht nur in der Design-Phase, sondern auch von den Chipherstellern für Qualitätschecks während der Produktion benötigt.

„Der Halbleiterkrieg zwischen den USA und China wird weiter angeheizt und die neuen Maßnahmen werden vermutlich größere Störungen der globalen Chip-Industrie verursachen“, kommentiert die in Hongkong und Bangkok erscheinende Zeitschrift Asia Times.

In einer parallelen Entwicklung hat Washington nun auch den Export bestimmter KI-Chips nach China untersagt. Davon schwer betroffen ist unter anderem Nvidia, das seine besten GPU nicht mehr in China verkaufen darf. Allein im laufenden Quartal könnte Nvidia dadurch 400 Millionen US-Dollar an Umsatz in China verlieren.

Langfristig aber hat das Verbot von EDA-Software möglicherweise eine noch größere Auswirkung auf Chinas Halbleiter-Markt, sagen Analysten. Drei große Unternehmen dominieren weltweit rund 70 Prozent des Marktes für EDA-Software, schreibt die MIT Technology Review. Dies sind Cadence (USA), Snyopsys (USA) und Siemens EDA (vormals Mentor Graphics, USA, aber 2017 von Siemens übernommen).

Maßnahmen schon jetzt für die Zukunft

Aufgrund dieser Dominanz amerikanischen Knowhows und amerikanischer Marktmacht glaubt die Regierung von Joe Biden offenbar, mit der bereits gegen den chinesischen Technologie-Konzern Huawei angewandten Blockade von Halbleitern und EDA-Software einen guten Hebel zu besitzen, um Chinas wirtschaftlichen Aufstieg auszubremsen.

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Analysten gaben zu bedenken, dass China derzeit noch gar nicht zur Fertigung der fortschrittlichsten Halbleitergeneration fähig sei, die Maßnahmen also allenfalls in der Zukunft greifen könnten. Erst in diesem Sommer sind erste Medienberichte aufgetaucht, denen zufolge SMIC, Chinas größter Chiphersteller, erste 7-Nanometer-Chips in kleinen Serien gefertigt hat.

Dennoch könnten die Exportverbote die weitere Entwicklung der chinesischen Halbleiter-Industrie stören, denken Analysten in China. Sie würden sowohl den Trend zur Entkoppelung der amerikanischen und chinesischen Halbleiter-Märkte beschleunigen, als auch die Kommunistische Partei in Peking weiter in ihren Bemühungen bestärken, heimische Alternativen zu schaffen.

Chinesische EDA-Unternehmen wie X-Epic, gegründet von einem ehemaligen Software-Ingenieur bei Cadence, werden über den Pekinger "IC Big Fund" der Regierung und von patriotisch gesinnten chinesischen Investoren mit Kapital versorgt und machen schnelle Fortschritte. (Wir berichteten: Folgen des US-Boykotts in China)

Der IC Big Fund finanzierte auch den Aufstieg des chinesischen EDA-Unternehmens Huada Empyrean, das zwar noch keine umfassende Software-Suite für alle Produktions-Schritte von Chips anbieten kann, aber bereits 6 Prozent des chinesischen EDA-Marktes beherrscht.

Aktionäre jubeln

Die Börsenkurse der wichtigsten EDA-Anbieter in China stiegen nach der Ankündigung des neuen Boykotts in Washington. Die Aktien von Empyrian Technology und von Primarius Technologies seien zeitweise um mehr als 6 Prozent gestiegen, berichtete die Global Times in Peking. „Was für eine großartiger Boost für das Wachstum heimischer EDA-Anbieter“, jubelte die nationalistisch gesinnte chinesische Zeitung.

Ein weiteres Fragezeichen hängt über den US-Exportverboten. Anders als der Export von Lithographie-Maschinen, die ihrer Größe wegen leicht in Häfen oder auf Frachtschiffen aufgehalten werden können, ist EDA-Software nicht nur auf legalem, sondern auch auf illegalem Weg relativ leicht zu besorgen.

„Chinesische Unternehmen könnten entweder an alter EDA-Software festhalten, die sie bereits gekauft haben, Lizenzen hacken oder auf dem grauen Markt erstehen“, schreibt die MIT Technology Review. „Das macht es härter vorherzusagen, wie effektiv diese jüngste Runde von Restriktionen sein wird.“

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