Cellular IoT Die wahren Stromfresser in LTE-M- und NB-IoT-Designs

Ein Gastbeitrag von Jörg Klenke* 6 min Lesedauer

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Der Bedarf an batteriegestützten Sensorsystemen mit jahrelanger Laufzeit steigt – und damit auch die Nachfrage nach wirklich energieeffizienten Mobilfunklösungen. Für die Produktentwicklung heißt das: LTE-M- und NB-IoT- Kommunikation muss zuverlässig funktionieren und zugleich äußerst stromsparend sein. Vielversprechende Lösungsansätze gibt es bereits.

Dezentrale Infrastruktur: In ländlichen Regionen mit schwankender Netzabdeckung müssen Füllstandssensoren an Industrie-Tanks besonders robust und gleichzeitig energiesparend funken.(Bild:  Burger Engineering GmbH)
Dezentrale Infrastruktur: In ländlichen Regionen mit schwankender Netzabdeckung müssen Füllstandssensoren an Industrie-Tanks besonders robust und gleichzeitig energiesparend funken.
(Bild: Burger Engineering GmbH)

Batteriebetriebene und autarke IoT-Systeme müssen heute über Jahre hinweg zuverlässig kom-munizieren und dabei mit möglichst wenig Energie auskommen. Die Kombination aus stabiler NB-IoT- oder LTE-M-Konnektivität mit minimalem Strombedarf stellt derzeit eine der größten Heraus-forderungen in der Produktentwicklung dar. Häufig verbrauchen Geräte trotz aktivierter Sleep-Modi mehr Energie als geplant, Attach-Zeiten variieren stark oder fallen unerwartet lang aus, und Schwankungen in der Netzverfügbarkeit wirken sich unmittelbar auf die Batterielaufzeit aus. Be-sonders kritisch ist die Konfiguration von PSM und eDRX: Falsch gesetzte Parameter führen schnell zu ungewollten Aufweckvorgängen oder unnötigen erneuten Verbindungsaufbauten, die den Energiebedarf spürbar erhöhen.

Viele dieser Probleme entstehen durch die hohe Komplexität cellularer bzw. mobilfunkbasierter Kommunikation. Der Energieverbrauch hängt von einem dichten Zusammenspiel aus Modem-firmware, Carrier Settings, Embedded Software und Hardwaredesign ab.

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Ein geeigneter Lösungsansatz besteht darin, Kommunikations- und Firmwareprozesse systematisch zu strukturieren und moderne Mobilfunkmodule gezielt zu nutzen. Dazu gehören optimierte At-tach-Sequenzen, modulare Firmwarebausteine, eine eventbasierte Architektur sowie transparente Analysewerkzeuge, die es ermöglichen, kritische Energieverbrauchstreiber frühzeitig zu identifizie-ren und zu reduzieren.

Herausforderungen bei der Entwicklung energieeffizienter Cellular-IoT-Geräte

Jörg Klenke: Der Diplom-Ingenieur ist Mitglied der Geschäftsleitung und für das Projektmanagement bei der Burger Engineering GmbH zuständig.(Bild:  Burger Engineering GmbH)
Jörg Klenke: Der Diplom-Ingenieur ist Mitglied der Geschäftsleitung und für das Projektmanagement bei der Burger Engineering GmbH zuständig.
(Bild: Burger Engineering GmbH)

Besonders häufige Energieverbrauchstreiber sind lange und stark schwankende Attach-Zeiten beim Verbindungsaufbau zum Mobilfunknetz. Während die Registrierung unter idealen Bedingu-gen nur wenige Sekunden dauert, können in ungünstigen Netzsituationen deutlich längere Zeiten auftreten. Jeder zusätzliche oder verlängerte Attach-Vorgang bedeutet, dass das Modem über einen längeren Zeitraum aktiv bleibt und entsprechend Energie verbraucht. Ebenso kritisch sind wiederholte Netzregistrierungen und Re-Connects. Diese treten häufig dann auf, wenn sich die Netzqualität verändert oder Carrier-spezifische Einstellungen nicht optimal berücksichtigt wurden.

Hinzu kommen Fehlkonfigurationen von PSM- und eDRX-Parametern. Obwohl diese Mechanismen grundsätzlich darauf ausgelegt sind, die Batterielaufzeit erheblich zu verlängern, führen ungeeignete Einstellungen oftmals zu unnötigen Wake-ups oder häufigeren Kommunikationszyklen. Gleichzeitig wirken sich Netzabdeckung, Zelllast und Betreiberkonfiguration direkt auf Sendeleistung, Latenz und Stabilität aus. In schlecht versorgten Regionen steigt der Energiebedarf entsprechend an.

Und noch ein weiterer Aspekt wird in vielen Projekten unterschätzt: Der Energieverbrauch entsteht nicht allein durch das Modem. Ebenso entscheidend sind die Firmwarearchitektur, die Implementierung der Applikationslogik sowie das Hardwaredesign. Polling-basierte Softwarekonzepte, schlecht abgestimmte Carrier-Settings oder ein nicht optimiertes Antennendesign können die theoretisch erreichbare Batterielaufzeit erheblich reduzieren. Dadurch wird die Analyse des tat-sächlichen Energieverbrauchs zu einer Systemaufgabe, bei der Kommunikationsverhalten, Software und Hardware gleichermaßen betrachtet werden müssen.

Kommunikationsprozesse systematisch optimieren

Um die Komplexität moderner Cellular-IoT-Anwendungen beherrschbar zu machen, hat sich der Einsatz hochintegrierter Mobilfunkplattformen bewährt. Moderne Plattformen kombinieren Applikationsprozessor, LTE-Modem und Power Management in einer gemeinsamen Architektur. Dadurch reduziert sich der Integrationsaufwand, während gleichzeitig eine gezielte Optimierung des Energieverbrauchs ermöglicht wird. Ein Beispiel hierfür sind Mobilfunkplattformen von Nordic Semiconductor, die speziell für energieeffiziente IoT-Anwendungen entwickelt wurden.

Mobile IoT-Anwendungen: Bei Wearables im Gesundheitswesen spielen neben dem kompakten Hardwaredesign vor allem kurze und effiziente Sendezeiten eine wesentliche Rolle für eine hohe Nutzerakzeptanz.(Bild:  Burger Engineering GmbH)
Mobile IoT-Anwendungen: Bei Wearables im Gesundheitswesen spielen neben dem kompakten Hardwaredesign vor allem kurze und effiziente Sendezeiten eine wesentliche Rolle für eine hohe Nutzerakzeptanz.
(Bild: Burger Engineering GmbH)

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für lange Batterielaufzeiten besteht darin, Kommunikationsprozesse bereits auf Architekturebene energieeffizient auszulegen. Dazu gehört insbesondere die Optimierung von Attach-Prozessen, die Minimierung unnötiger Netzregistrierungen sowie die intelligente Steuerung von Kommunikationsereignissen. Ziel ist es, die Zeitspanne, in der das Modem aktiv sein muss, konsequent zu reduzieren.

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Besonders wirkungsvoll hat sich dabei eine konsequent eventbasierte Firmwarearchitektur erwiesen. Hier werden - im Gegensatz zu klassischen Polling-Ansätzen - Systemressourcen nur dann aktiviert, wenn tatsächlich relevante Ereignisse auftreten. Dadurch lassen sich unnötige Prozessoraktivitäten und Wake-ups vermeiden. In einem von Burger Engineering begleiteten Cellular-IoT-Projekt konnte die Anzahl der Wake-up-Ereignisse um mehr als 80 Prozent reduziert werden.

Ebenfalls wichtig: PSM- und eDRX-Parameter sollten nicht pauschal übernommen werden. Eine optimale Konfiguration hängt stark vom tatsächlichen Kommunikationsprofil der Anwendung ab. Moderne Analysewerkzeuge ermöglichen es, Stromprofile detailliert aufzuzeichnen und Energieverbrauchstreiber gezielt zu identifizieren. Dadurch können Optimierungsmaßnahmen datenbasiert bewertet und priorisiert werden. Im beschriebenen Projekt führte die Optimierung dieser Parameter zu einer Reduktion des durchschnittlichen Modem-Energieverbrauchs um rund 30 Prozent.

Fallbeispiel: Batteriebetriebene Füllstandsmessung mit LTE-M und NB-IoT

Ein typisches Cellular-IoT-Anwendungsszenario ist ein batteriebetriebener Füllstandsensor für dezentral aufgestellte Wertstoff- und Entsorgungscontainer. Ziel ist eine Batterielaufzeit von über fünf Jahren bei einer täglichen Datenübertragung. Das Einsatzgebiet umfasst ländliche Regionen mit schwankender Netzabdeckung.

In der initialen Umsetzung traten klassische Probleme auf: lange Attach-Zeiten im NB-IoT-Netz, erhöhter Energieverbrauch im Idle-Zustand sowie häufige Re-Connects aufgrund instabiler Verbindungen. Die geplante Batterielaufzeit wurde deutlich unterschritten.

Daten im Blick: Um Dashboards zuverlässig mit Messwerten von abgelegenen Standorten zu füttern, ist die Wahl der richtigen Übertragungstechnologie (LTE-M oder NB-IoT) entscheidend für die Ausfallsicherheit.(Bild:  Burger Engineering GmbH)
Daten im Blick: Um Dashboards zuverlässig mit Messwerten von abgelegenen Standorten zu füttern, ist die Wahl der richtigen Übertragungstechnologie (LTE-M oder NB-IoT) entscheidend für die Ausfallsicherheit.
(Bild: Burger Engineering GmbH)

Die Analyse ergab zunächst keinen offensichtlichen Hardwarefehler. Vielmehr lagen die Ursachen in mehreren miteinander verknüpften Effekten. Besonders auffällig waren stark schwankende Attach-Zeiten. Während unter günstigen Bedingungen kurze Registrierungszeiten erreicht wurden, verlängerten sich die Verbindungsaufbauten bei ungünstigen Empfangsbedingungen deutlich. Gleichzeitig kam es zu wiederholten Netzregistrierungen, die zusätzliche Energie verbrauchten. In Feldtests wurden teilweise Attach-Zeiten von mehr als 30 Sekunden und in Einzelfällen sogar von über einer Minute beobachtet. Umfangreiche Messungen zeigten zudem, dass mehr als 70 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs auf Kommunikationsvorgänge entfielen, obwohl der Sleep-Strom bereits im niedrigen Mikroampere-Bereich lag. Die größten Optimierungspotenziale lagen damit nicht im Hardwaredesign, sondern in der Kommunikationsstrategie.

Ursprünglich war NB-IoT als primäre Übertragungstechnologie vorgesehen. Die Feldtests zeigten jedoch deutliche Unterschiede zwischen NB-IoT und LTE-M. Während NB-IoT bei stationären Anwendungen unter guten Netzbedingungen sehr effizient arbeitete, reagierte die Technologie empfindlicher auf wechselnde Empfangsbedingungen.

Praxisbeispiel Füllstandsmessung: Bei batteriebetriebenen Sensoren an dezentralen Wertstoffcontainern sichern smarte LTE-M-Verbindungen und optimierte Sendeintervalle jahrelange Laufzeiten.(Bild:  Burger Engineering GmbH)
Praxisbeispiel Füllstandsmessung: Bei batteriebetriebenen Sensoren an dezentralen Wertstoffcontainern sichern smarte LTE-M-Verbindungen und optimierte Sendeintervalle jahrelange Laufzeiten.
(Bild: Burger Engineering GmbH)

Durch gezielte Optimierungen konnte das System signifikant verbessert werden. LTE-M wurde als primäre Technologie eingeführt, während NB-IoT als Fall Back dient. Die PSM-Parameter wurden so angepasst, dass maximale Schlafphasen erreicht werden. Parallel erfolgte die Umstellung auf eine eventbasierte Firmwarearchitektur sowie die Implementierung intelligenter Retry-Mechanismen zur Vermeidung unnötiger Verbindungsaufbauten.

LTE-M zeigte insgesamt ein robusteres Verhalten. Obwohl einzelne LTE-M-Übertragungen kurzfristig höhere Stromspitzen verursachten, führte die kürzere Gesamtdauer der Kommunikationsvorgänge zu einem geringeren Energieverbrauch. Die durchschnittlichen Attach-Zeiten konnten dabei um rund 40 bis 60 Prozent reduziert werden. Gleichzeitig sank die Anzahl der Verbindungsabbrüche deutlich. Die adaptiven Retry-Strategien reduzierten zudem die Anzahl unnötiger Verbindungsversuche um mehr als 50 Prozent.

Durch die beschriebenen Optimierungsmaßnahmen konnte der Gesamtenergieverbrauch um mehr als 40 Prozent reduziert werden. Gleichzeitig wurde eine stabile und planbare Kommunikation erreicht, sodass die angestrebte Batterielaufzeit realisiert werden konnte.

Fünf Empfehlungen für die Entwicklung energieeffizienter Cellular-IoT-Geräte

Die Erfahrungen aus diesem und weiteren Cellular-IoT-Projekten zeigen, dass Energieeffizienz bereits in der Konzeptphase berücksichtigt werden muss. Nachträgliche Optimierungen sind zwar möglich, verursachen jedoch häufig erheblichen Aufwand. Folgende Punkte haben sich in der Praxis besonders bewährt:

  • 1. Energieverbrauch auf Systemebene betrachten
    Nicht der Ruhestrom allein entscheidet über die Batterielaufzeit, sondern die Summe aller Kommunikationsereignisse über den gesamten Produktlebenszyklus. Daher sollten Stromprofile frühzeitig unter realistischen Netzbedingungen aufgenommen werden.
  • 2. LTE-M und NB-IoT anwendungsspezifisch bewerten
    NB-IoT kann insbesondere bei stationären Anwendungen mit guter Netzversorgung Vorteile bieten. LTE-M zeigt dagegen häufig Vorteile bei mobilen Geräten oder wechselnden Empfangsbedingungen, da Attach-Zeiten kürzer ausfallen und Handover-Prozesse besser unterstützt werden.
  • 3. Kommunikationsereignisse minimieren
    Eventbasierte Architekturen ermöglichen deutlich längere Sleep-Phasen und reduzieren unnötige Aktivierungen. Auf Firmwareebene sollten Polling-Mechanismen konsequent vermieden werden. Gleichzeitig sollten unnötige Netzregistrierungen und Verbindungsaufbauten vermieden werden.
  • 4. PSM- und eDRX-Parameter gezielt optimieren
    Die optimale Konfiguration hängt stark vom tatsächlichen Kommunikationsprofil der Anwendung ab und sollte auf Basis realer Messdaten erfolgen.
  • 5. Netzbedingungen frühzeitig testen
    Carrier-spezifische Besonderheiten, unterschiedliche Netzqualitäten und regionale Unterschiede sollten bereits während der Entwicklung berücksichtigt werden. Zudem empfiehlt es sich, Feldtests mit unterschiedlichen Netzbetreibern durchzuführen. Auch das Antennendesign verdient besondere Aufmerksamkeit, da bereits geringe Verbesserungen der Antennenanpassung die Signalqualität erhöhen können.

Die Entwicklung energieeffizienter Cellular-IoT-Geräte erfordert ein tiefes Verständnis des Zusammenspiels von Mobilfunktechnologie, Firmwarearchitektur und Hardwaredesign. Die Praxis zeigt, dass insbesondere die Optimierung von Attach-Prozessen, die richtige Wahl zwischen LTE-M und NB-IoT, eine eventbasierte Softwarearchitektur sowie eine anwendungsoptimierte Konfiguration von PSM und eDRX entscheidende Hebel für die Energieeffizienz darstellen. Die wichtigste Erkenntnis aus der Praxis lautet jedoch: Die größten Energieverbrauchstreiber befinden sich häufig nicht dort, wo zunächst gesucht wird. In vielen Projekten wird zunächst das Hardwaredesign optimiert, obwohl die entscheidenden Potenziale in der Firmwarearchitektur, den Netzparametern oder den Kommunikationsprozessen liegen.

(mc)

* Jörg Klenke ist Diplom-Ingenieur, Mitglied der Geschäftsleitung und für das Projektmanagement bei der Burger Engineering GmbH zuständig.

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