Ein Blick auf den 24. Würzburger EMS-Tag Die EMS-Branche hat eine Zukunft, aber sie muss etwas dafür tun

Von Susanne Braun 7 min Lesedauer

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Drei schwierige Jahre liegen hinter vielen EMS-Unternehmen und neue Materialrisiken zeichnen sich ab. Beim 24. Würzburger EMS-Tag wurde trotzdem wenig resigniert und viel nach vorn geschaut: auf neue Geschäftsmodelle, KI, Nachfolge, Kooperation – und darauf, wie die Branche mehr Aufmerksamkeit für ihre Stärken erzeugen kann.

Impressionen vom 24. Würzburger EMS-Tag: Im Mittelpunkt standen aktuelle Branchenthemen, praxisnahe Impulse und insbesondere der persönliche Austausch innerhalb der EMS-Community.(Bild:  Stefan Bausewein)
Impressionen vom 24. Würzburger EMS-Tag: Im Mittelpunkt standen aktuelle Branchenthemen, praxisnahe Impulse und insbesondere der persönliche Austausch innerhalb der EMS-Community.
(Bild: Stefan Bausewein)

Bequem ist die Situation für viele EMS-Unternehmen derzeit nicht und genau das wurde beim 24. Würzburger EMS-Tag am 1. Oktober 2026 auch nicht schöngeredet. Nach schwacher Nachfrage, Lagerabbau und drei schwierigen Jahren melden sich Materialengpässe und längere Lieferzeiten wieder zurück. Gleichzeitig verändert sich der Markt durch Konsolidierung, neue Technologien und veränderte Kundenbeziehungen. Resignation war in Würzburg trotzdem kaum zu spüren. Stattdessen ging es immer wieder um dieselbe Frage: Was können die EMS-Unternehmen selbst tun? Viele der Themen ließen sich dabei unter einen Begriff stellen: Aufmerksamkeit. Gute Arbeit allein reicht nicht immer. Unternehmen müssen zeigen, was sie können, neue Kunden aktiv ansprechen, Kooperationen eingehen und ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln.

Begonnen hatte der EMS-Tag eigentlich schon einen Abend früher. Beim Networking-Dinner im Maschinenhaus des Bürgerbräus in Würzburg trafen sich Teilnehmer, Referenten, Partner und Aussteller bei gutem Essen und guten Drinks zum ersten Austausch. Vor allem die entspannte Atmosphäre und die Zeit für ausführliche Gespräche wurden von vielen Gästen ausdrücklich gelobt. Am nächsten Morgen führte Fachjournalistin und Moderatorin Claudia Mallok durch den Veranstaltungstag im Vogel Convention Center.

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„Erweitern Sie Ihr Geschäftsmodell bitte“

Carsten Ellermeier von der Deltec Group machte gleich deutlich, was er von Abwarten hält. Werden künftig einige wenige große EMS den Markt beherrschen? Ellermeier glaubt nicht daran. Konsolidierung und Akquisitionen sieht er nicht nur als Bedrohung, sondern als Chance. Unternehmen können zukaufen, um Risiken besser zu verteilen, Kompetenzen zu ergänzen oder neue Märkte zu erschließen. Gleichzeitig muss nicht jeder EMS jede Leistung selbst anbieten. Netzwerke und Kooperationen können helfen, das eigene Angebot zu erweitern.

Gerade die stark mittelständisch geprägte Struktur sieht Ellermeier als Stärke des deutschen Marktes. Zugespitzt formulierte er: „Wir sind das Mittelstandsland in Europa.“ Das ist eine Stärke, mit der nicht jeder klarkomme. Sein Vortrag war nicht unbedingt bequem, aber sehr direkt. „Wir haben hier richtig Geschwindigkeit auf dem Kessel“, sagte Ellermeier. Seine Aufforderung an die Branche fiel entsprechend eindeutig aus: „Erweitern Sie Ihr Geschäftsmodell bitte.“ Das sei schließlich „keine Raketenwissenschaft“.

Materialmangel ist wieder da

Wie es aktuell im EMS-Markt aussieht, zeigten Matthias Holsten und Michael Künsebeck von EMS Scout. Für ihre aktuelle Befragung hatten sie 136 EMS-Unternehmen nach der Situation im ersten Halbjahr 2026 gefragt. Die Stimmung hat sich gegenüber 2025 verbessert. Gleichzeitig hat sich eine alte Sorge mit bemerkenswerter Geschwindigkeit wieder nach vorn geschoben: Materialmangel und Lieferzeiten gehören erneut zu den großen Problemen der Unternehmen.

Holsten und Künsebeck warnten vor einem neuen Bullwhip-Effekt entlang der Lieferkette. Während viele Unternehmen während der Chipkrise 2021 noch vergleichsweise gut aufgestellt waren, liegen inzwischen drei wirtschaftlich schwierige Jahre hinter der Branche. Nun drohen erneut Engpässe. Eine Entspannung erwarten die beiden erst längerfristig, gleichzeitig ziehen die Aussichten für das kommende Jahr wieder an. Die Konsequenz daraus ist wenig spektakulär, aber wichtig: Unternehmen brauchen eine Strategie und müssen Risiken stärker verteilen. Dazu gehört auch ein Thema, das im Tagesgeschäft offenbar gerne liegen bleibt – Produkte und Dienstleistungen regelmäßig nachzukalkulieren und zu prüfen, womit tatsächlich Geld verdient wird. Und Vertriebler in den aktiven Außendienst zu schicken. Klinken putzen sozusagen.

EMS ist auch „Datenschaufeln“

Einen völlig anderen Einstieg in das Thema künstliche Intelligenz wählte Ralf Hasler von Incap Electronics Germany. Was unterscheidet menschliches Denken eigentlich von KI? Ist Denken kontrollierbar? Und wenn es das nicht einmal beim Menschen vollständig ist: Wie viel Eigenständigkeit sollte dann eine KI bekommen? Hasler näherte sich dem Thema zunächst fast philosophisch, für die praktische Anwendung in der EMS-Fertigung wurde es anschließend deutlich konkreter. Denn ein erheblicher Teil der Arbeit in Elektronikfertigungsunternehmen besteht aus Datenverarbeitung – oder, wie Hasler es formulierte, aus „Datenschaufeln“. Informationen werden aus Anfragen, Stücklisten, ERP-Systemen und anderen Quellen übernommen, geprüft, weitergereicht und erneut verarbeitet.

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Genau dort sieht Hasler derzeit eines der größten Potenziale für KI: nicht darin, dass Systeme eigenständig ganze Unternehmen steuern, sondern darin, wiederkehrende Datenarbeit zu automatisieren, etwa bei der Angebotserstellung. Bei KI-Agenten zog er allerdings eine klare Grenze. Seine Analogie: Industrieroboter gibt es seit Jahrzehnten – trotzdem lässt man sie nicht einfach aus ihrem Käfig heraus. Ein KI-Agent dürfe deshalb niemals mehr Rechte besitzen als der Nutzer, in dessen Auftrag er handelt.

Dass KI und ERP längst mehr sein können als ein schwammiges Zukunftsthema, zeigten im Laufe des Nachmittags Korbinian Deiner von Kewano und Nico Schwemmle von M. Richter mit Einblicken in die praktische Anwendung. Wie wichtig gleichzeitig Transparenz und eine belastbare Datenbasis in der Supply Chain sind, verdeutlichten Markus Renner von Perzeptron und Andreas Janele von Krüger & Gothe. Gerade diese sehr praktischen Einblicke in Planung, Materialwirtschaft und Kundenkommunikation stießen bei den Teilnehmern auf großes Interesse.

Ein Unternehmen verkauft man nicht wie eine Maschine

Deutlich persönlicher wurde es bei Roland Mair. Er gründete Mair Elektronik 1986 im Alter von 19 Jahren und führte das Unternehmen fast vier Jahrzehnte. 2021 verkaufte er an Rawe Electronic beziehungsweise die Demmel Group, blieb zunächst Geschäftsführer und begleitete die Integration. Zum Jahreswechsel 2025/2026 zog er sich aus dem operativen Geschäft zurück. Sein Vortrag zeigte sehr deutlich: Ein Unternehmen verkauft man eben nicht wie eine Maschine. Für einen Gründer geht es um ein Lebenswerk, um Mitarbeiter, Kunden, Verantwortung – und um die Frage, wer etwas weiterführt, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde.

Mair sprach offen darüber, wie lange er sich mit der Nachfolge beschäftigt hatte, welche Kriterien bei der Auswahl eines Käufers eine Rolle spielten und warum Werte und Unternehmenskultur mindestens ebenso wichtig sein können wie Zahlen. Dass diese Fragen viele mittelständische Unternehmer beschäftigen, zeigte auch eine Wortmeldung aus dem Publikum. Marco Schmid berichtete, dass auch für ihn mit 58 Jahren die Zeit näher rücke, sich ernsthaft mit der Vorbereitung einer Nachfolge auseinanderzusetzen.

Der geplante Beitrag von Markus Ziechaus zur Bewertung von Elektronikunternehmen aus Sicht einer Hausbank musste kurzfristig entfallen. Gerade im Zusammenspiel mit Nachfolge, Finanzierung und Konsolidierung wäre diese Perspektive interessant gewesen. Wir wollen deshalb schauen, ob sich das Thema im Nachgang noch einmal aufgreifen lässt.

Wenn gemeinsamer Einkauf gar nicht der größte Vorteil ist

Auch der Rückblick auf fünf Jahre EMS-Netzwerk mit Martin Vierling und Andreas Kraus räumte mit einer naheliegenden Erwartung auf. Eine ursprüngliche Idee war, gemeinsam Bauteile zu beschaffen und durch größere Mengen Synergien zu schaffen. In der Praxis stellte sich allerdings heraus, dass sich die eingesetzten Bauteile der beteiligten Unternehmen nur zu rund fünf Prozent überschnitten.

Der Wert des Netzwerks liegt deshalb heute an anderer Stelle. Aktuelle Entwicklungen – etwa rund um Nexperia – können gemeinsam eingeordnet werden, Erfahrungen lassen sich teilen, Einschätzungen vergleichen und Entscheidungen diskutieren. Dabei fiel ein Satz, der einen Aspekt von Netzwerken beschreibt, über den selten gesprochen wird: „Ganz oben in der Geschäftsführung kann es manchmal ziemlich einsam werden.“ Gerade für Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen kann ein Netzwerk deshalb mehr sein als eine Einkaufs- oder Vertriebskooperation. Es schafft einen Raum, in dem sich Menschen austauschen können, die vor ähnlichen Entscheidungen stehen und ähnliche Verantwortung tragen. Die Voraussetzung dafür ist Vertrauen untereinander, dass keiner der Beteiligten mit den Informationen woanders hausieren geht – auch nicht nach dem Ausscheiden aus dem Netzwerk.

Sichtbarkeit ist gut. Aufmerksamkeit ist besser.

Am Nachmittag wurde es in den Workshops praktisch. Holger Steitz beschäftigte sich mit systematischer Neukundengewinnung und der Frage, wie sich Vertrieb unter schwierigeren Marktbedingungen aktiver aufstellen lässt. Im zweiten Workshop ging es mit Jasmin Konnegen und Sandra Paggen-Breu um Website, LinkedIn und Sichtbarkeit – und darum, wie insbesondere kleinere EMS mit vorhandenen Mitteln stärker wahrgenommen werden können.

Damit schloss sich ein Bogen, der sich durch viele Gespräche und Vorträge des Tages zog. EMS-Unternehmen verfügen über enorme technische Kompetenz. Sie fertigen hochkomplexe Baugruppen, lösen Kundenprobleme, beherrschen anspruchsvolle Prozesse und haben teilweise über Jahrzehnte Know-how aufgebaut. Aber all das hilft nur begrenzt, wenn niemand davon erfährt. Sichtbarkeit ist deshalb wichtig. Aufmerksamkeit geht noch einen Schritt weiter. Sie entsteht nicht dadurch, dass Unternehmen darauf warten, entdeckt zu werden. Sie entsteht, wenn sie ihre Fähigkeiten zeigen, Kontakte suchen, mit Kunden sprechen, Kooperationen eingehen und auch außerhalb der eigenen Blase deutlich machen, was Elektronikfertigung in Deutschland leisten kann.

Der 24. Würzburger EMS-Tag hat gezeigt: Die Branche hat trotz schwieriger Rahmenbedingungen eine Zukunft. Die passenden Nischen, Kunden, Partner und Geschäftsmodelle werden allerdings nicht von allein kommen. Aufmerksamkeit ebenfalls nicht.

ELEKTRONIKPRAXIS bedankt sich bei allen Besuchern und Referenten für die offenen Diskussionen, die vielen Gespräche und den gemeinsamen Blick auf die Zukunft der Branche. Ein besonderer Dank gilt auch den fünf Partnern und Ausstellern Mouser Electronics, Lackwerke Peters, Components at Service, Proalpha und Luminovo, die den EMS-Tag 2026 unterstützt haben.

Und nach dem EMS-Tag ist vor dem EMS-Tag: 2027 steht ein kleines Jubiläum an. Der 25. Würzburger EMS-Tag findet am 7. Oktober 2027 wieder in Würzburg statt. Möchten Sie dabeisein? Dann sichern Sie sich jetzt eines der Blind Tickets zum vergünstigten Preis. (sb)

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