Kommentar zum ÖPNV-Streik zur Hannover Messe „Bei allem Respekt für das Streikrecht, aber...“

Von Manuel Christa 4 min Lesedauer

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Bitte dieses vorgeschobene Nicht-Verständnis stecken lassen. Natürlich kann man den Streik pünktlich zur Hannover Messe lästig finden. Schlimmer als den Streik selbst finde ich die platte oder gar nicht vorhandene Kommunikation der Protagonisten. Ein Kommentar.

(Bild:  mc/VCG)
(Bild: mc/VCG)

Liebe Arbeitgeberverbände, auch die der in Geiselhaft genommenen Branchen: Schieben Sie kein Verständnis für das Streikrecht vor, wenn Sie naturgemäß ohnehin keins haben, geschweige denn sich Mühe zu geben, eins durchblicken zu lassen. Im Gegenteil: Es ist bei jeder Gelegenheit immer dieselbe Polemik zu hören, welche seit Jahr(zehnt)en einfach nur austauschbar klingt.

Nicht falsch verstehen: Ihre Interessenvertretung ist an sich genauso legitim. Aber "bei allem Respekt" für Lobbyarbeit: Bitte lassen Sie doch einfach in diesem Atemzug die moralische Zweigleisigkeit in Ihren Stellungnahmen sein, welche eher höhnisch als glaubhaft ankommt. Erst recht wenn nach dem “Aber” nur Argumente folgen, die beweisen, dass Sie das Streikrecht eben nicht respektieren.

Man kann nicht nicht kommunizieren, ver.di!

Liebe Gewerkschaft ver.di: Werben Sie überhaupt endlich einmal für Verständnis für Ihre Geiselnahme unter den Betroffenen! Man darf nicht vergessen, dass die meisten Leidtragenden ebenso Arbeitnehmer sind und eben nicht in den Genuss einer gewerkschaftlichen Vertretung kommen.

Ihre Streikankündigung liest sich leider wie ein Amtsblatt aus dem Landratsamt. Diese Nicht-Kommunikation hat nicht minder Fremdschäm-Potenzial und nimmt dem Streik ordentlich Momentum heraus. Sich nur bei den Autofahrern zu entschuldigen, also die Erwähnung “der angespannten Situation mit Blick auf die hohen Benzin- und Dieselpreise” klingt mindestens genauso höhnisch wie das Arbeitgeberbekenntnis zum Streikrecht, wenn Sie mit keiner Silbe etwa Messebesucher, geschweige denn alle ÖPNV-Fahrgäste an sich, erwähnen.

Bitte kaufen Sie sich eine PR-Agentur.

Dagegen sein ist leider etwas zu einfach

Liebe Geiseln, also wir Betroffene, bitte lassen Sie etwas mehr Solidarität durchklingen. Ich weiß, diese geht schnell flöten, wenn man selbst direkt betroffen ist. Doch wir sind fast alle Arbeitnehmer, stehen also prinzipiell auf derselben Seite. Zudem sollten gerade wir Journalisten so weit blicken können, um zu erkennen, warum überhaupt ein Streik an sich legal ist, anstatt stets nur Verbandszitate zu hieven. Ja, über die Verhältnismäßigkeit lässt sich in jedem Einzelfall natürlich streiten. Nur passiert das leider viel zu oft viel zu undifferenziert. So auch in diesem Fall.

Offen gesagt, möchte ich den Betroffenen den kleinsten Vorwurf machen, solange ver.di sich so eklatant weigert, uns kommunikativ abzuholen. Während die Verbandpräsidenten mit ihren "deutlichen Worten" zitiert werden, liefert ver.di ja keine.

Warum dagegen sein leider etwas zu einfach ist

"Aber ein Streik direkt zur Messe ist schon heftig!"

  • Ein Streik muss wehtun. Sonst könnte man ihn als Busfahrer gleich auf 2 bis 5 Uhr früh beschränken oder mit "Dagegen"-Fähnchen trotzdem zur Arbeit erscheinen. (Spoiler: Wird prinzipiell auch gemacht, interessiert dann nur niemanden.)

"Ich bin dagegen, weil ich Leidtragender eines Konflikts bin, mit dem ich nichts zu tun habe!"

  • Ein Streik trifft immer die Falschen. Sind Sie Arbeitnehmer, wird auch indirekt für Sie verhandelt. Ja, das gilt auch für Sie im besser bezahlten mittleren Management.

"So ein Streik zur Messe wirft international ein schlechtes Licht auf Deutschland!"

  • Lasse ich nicht gelten. Auch in anderen Ländern gibt es Streiks, Gewerkschaften und Arbeitnehmerrechte. Seien wir also besser froh, dass wir zu den Ländern gehören, wo es so etwas gibt.

"So ein Streik schadet der Wirtschaft in ohnehin konjunkturell schwierigen Zeiten!"

  • Gibt es den "richtigen" Zeitpunkt überhaupt? Oder anders gegengefragt: Erhöhen Arbeitgeber in konjunkturell besseren Zeiten von selbst die Löhne? Genauso könnte man dagegenhalten: Niedrige Löhne schaden der Wirtschaft, weil weniger Konsum stattfindet.

Egal ob bei Lokführern, Piloten oder Busfahrern: Warum führen wir eigentlich immer wieder dieselbe Grundsatzdiskussion, ohne sie jemals zu Ende zu bringen?

In diesem Sinne: (So) Kommen Sie gut nach Hannover!

Und weil Sie bis hierhin gelesen haben, schließe ich mit etwa Service für die Selbsthilfegruppe aller Messebesucher und -aussteller, der auch ich angehöre.

Wann wird gestreikt?

Am Montag, 20. April, und Dienstag, 21. April, also den ersten beiden Messetagen. Der Streik läuft jeweils ganztägig, von etwa 3 Uhr morgens bis Betriebsschluss.

Was fährt nicht?

  • ÜSTRA-Stadtbahnen (Linien 1–13, 17): an beiden Tagen komplett stillgelegt
  • ÜSTRA-Busse: an beiden Tagen komplett stillgelegt
  • Regiobus: am 21. April zusätzlich betroffen, inklusive Schülerverkehr. Am 20. April fahren Regiobusse noch regulär.

Was fährt trotzdem?

  • S-Bahnen und Regionalbahnen verkehren planmäßig und werden sogar aufgestockt (siehe unten). Auch der DB-Fernverkehr ist nicht betroffen.
  • sprinti (On-Demand-Shuttle der Region Hannover)
  • sprintRad (Bikesharing)
Angebot Details
S-Bahn-Verstärkung Drei Verbindungen pro Stunde zwischen Hauptbahnhof und Messebahnhof/Laatzen (6:30–20:00 Uhr), darunter zusätzliche Fahrten der S8
Shuttle-Busse 12 Gelenkbusse und 4 Stadtbusse vom Hauptbahnhof und der Station Bismarckstraße zum Messegelände (6:00–19:00 Uhr)
Hotel-Shuttles Zusätzliche Busse von größeren Hotels zum Messegelände
Taxis und Ridesharing Verfügbar, mit angekündigtem erhöhtem Aufkommen
E-Scooter und Leihräder Regulär nutzbar

Die Deutsche Messe hat außerdem angekündigt, Guides zur Orientierung und zusätzliche Verpflegung auf dem Messegelände bereitzustellen.

Kurzum: Wer zur Messe will, sollte auf S-Bahn oder die Shuttle-Busse ab Hauptbahnhof setzen – oder gleich mit dem Auto, Taxi oder Rad kommen.

(mc)

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