Elektrische Rekorde der Natur Wenn sich der Tintenfisch elektrisch unsichtbar macht

Ein Gastbeitrag von Dr. Anna-Lena Gutberlet Lesedauer: 3 min

Keine Chance für Fressfeinde: Nähert sich ein Fressfeind, nutzen Sepien eine „Tarnkappe für elektrische Felder“. So werden sie zum Beispiel für den feinen Elektrosinn von Haien unsichtbar.

Tarnkünstler Oktopus: Die hochintelligenten Tiere können ihre elektrische Ausstrahlung bei Gefahr stark reduzieren
Tarnkünstler Oktopus: Die hochintelligenten Tiere können ihre elektrische Ausstrahlung bei Gefahr stark reduzieren
(Bild: © Sascha Caballero – stock.adobe.com)

Tintenfische sind Meister der Tarnung. Nähert sich ein Feind, sorgen spezielle Zellen in ihrer Haut dafür, dass sie optisch mit dem Hintergrund verschmelzen. So werden sie für Fressfeinde unsichtbar. Das ist für die Kopffüßer besonders wichtig, denn ihr Körper ist weich und sie besitzen keine körperlichen Abwehrmechanismen, die sie zu einer leichten Beute für Raubtiere machen.

Die beste optische Tarnung nützt jedoch nichts, wenn einer der Hauptfressfeinde empfindliche Sensoren für die schwachen elektrischen Felder besitzt, die jedes Tier durch Stoffwechselvorgänge und feinste Bewegungen im umgebenden Wasser erzeugt. Diese bioelektrischen Felder liegen im Bereich weniger Mikrovolt und sind nicht mit den bis zu 800 V zu vergleichen, die ein Zitteraal erzeugt.

Serie: Elektrische Rekorde der Natur

Elektrizität, Magnetismus und viele andere Phänomene der Physik beflügeln seit Jahrhunderten den Erfindergeist der Menschen. Besonders beeindruckend sind die Errungenschaften der Elektronik, die unsere Welt in ungeahnter Geschwindigkeit verändert. Doch wir Elektroniker sind nicht die einzigen und schon gar nicht die ersten Anwender.

Die Tier- und Pflanzenwelt nutzt die verschiedensten physikalischen Effekte und Mechanismen schon seit Millionen von Jahren für eine Vielfalt von Funktionen und erreicht dabei beeindruckende bis unglaubliche Höchstleistungen. Die beeindruckendsten Rekorde der Natur stellen wir unseren Lesern in einer eigenen Rubrik vor.

Den Schwerpunkt bildet die Elektrizität. Aber auch Mechanismen aus anderen Naturwissenschaften werden wir beleuchten, wenn sie Lebewesen besondere Fähigkeiten verleihen. Last but not least werden wir auch extreme elektrische Phänomene der Natur vorstellen, die außerhalb der Biologie eine wichtige Rolle Spielen.

Wenn Sie rekordverdächtige Beispiele und Themen kennen, die wir recherchieren könnten, oder Sie einen eigenen Beitrag schreiben möchten, sind Sie herzlich eingeladen, diese Serie zu unterstützen. Bitte wenden Sie sich dazu an Hendrik Härter.

Die Tarnkappe aufsetzen, wenn der Hai kommt

Bild 1: Tintenfische sind Meister der Tarnung. Sie verfügen über eine spezielle Tarnhaltung, ber der sie wie eingefroren wirken. Dabei sind sie von einem selbst erzeugten elektrischen Feld umgeben.
Bild 1: Tintenfische sind Meister der Tarnung. Sie verfügen über eine spezielle Tarnhaltung, ber der sie wie eingefroren wirken. Dabei sind sie von einem selbst erzeugten elektrischen Feld umgeben.
(Bild: Bedore et al / Duke University)

Biologen der Duke University in Durham haben untersucht, wie sich der Tintenfisch Sepia Officinalis vor dieser Bedrohung schützt. Da sich Kopffüßer stark auf ihre optischen Sinne verlassen, „durften“ die Tiere Videos anschauen: Einzeln in Meerwassertanks gehalten, spielten die Biologen den Kopffüßern Sequenzen von sich nähernden Meeresbewohnern – Zackenbarsch, Hai und Krabbe – vor und beobachteten die Reaktion der Tintenfische. Gleichzeitig untersuchten sie das elektrische Feld in der unmittelbaren Umgebung der Tintenfische.

Tintenfische nutzen eine Art „elektrische Tarnkappe“

Und tatsächlich: Die Reaktion war unterschiedlich, je nachdem, ob es sich um einen Fressfeind oder einen harmlosen Meeresbewohner handelte (siehe Video). Näherte sich ein Fressfeind wie Hai oder Zackenbarsch, nutzten die meisten Tintenfische eine Art „elektrische Tarnkappe“: Sie pressten sich flach an den Beckenboden, reduzierten ihre Atemfrequenz auf ein Minimum und bedeckten ihre Körperöffnungen mit den Armen.

In dieser Position verharrten sie, bis der Hai verschwunden war – das Video der Krabbe hingegen löste keine Reaktion aus. Mit diesem bisher unbekannten Tarnmechanismus reduziert der Tintenfisch die von ihm ausgehenden bioelektrischen Reize: Das elektrische Feld sank von normalerweise 10 bis 30 µV im Ruhezustand um 89 Prozent auf bis zu 6 µV.

Bei Gefahr stoßen sie eine dunkle Tintenwolke aus

Doch reicht diese Tarntechnik tatsächlich aus, um einen Hai von einem Angriff abzuhalten? Um dies zu testen, tauchten die Biologen steuerbare Elektroden, die den Tintenfisch simulierten, in ein Becken mit Schwarzspitzenhaien (Carcharhinus limbatus) und Hammerhaien (Sphyrna tiburo): Wurde der ruhende Tintenfisch mit 30 µV simuliert, griffen etwa zwei Drittel der Haie den Elektroköder an, beim schwächeren Feld von 6 µV war es nur noch ein Drittel.

Hilft auch diese „elektrische Tarnkappe“ nicht, einen Angriff abzuwehren, bleibt den Kopffüßern nur noch die Flucht: Sie schießen plötzlich los und stoßen dabei eine dunkle Tintenwolke aus – allerdings könnten durch die entstehenden Strömungen, die elektrischen Felder und den Geschmack der Tinte weitere Haie angelockt werden.

Referenzen

[1] Proceedings of the Royal Society B, Biological Sciences, 2015: doi: 10.1098/rspb.2015.1886

[2] Tintenfische nutzten elektrische Tarnung. Scinexx.de.

[3] Camousfaged cuttlefish employ electrical stealth. From Duke Education.

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