27 Prozent Produktionsrückgang Chinas Chipindustrie bricht ein

Von Henrik Bork*

Chinas Halbleiterindustrie erlebt einen dramatischen Konjunktureinbruch. Im Oktober und November ging es mit den Umsätzen so rapide abwärts wie seit vielen Jahren nicht mehr. Obwohl der Abschwung derzeit global spürbar ist, sind die Einbrüche nirgends so deutlich wie in China.

Die Umsätze des größten chinesischen IC-Auftragsfertigers SMIC sind in den letzten Monaten eingebrochen. Die Gründe dafür sind – zum Teil – hausgemacht.
Die Umsätze des größten chinesischen IC-Auftragsfertigers SMIC sind in den letzten Monaten eingebrochen. Die Gründe dafür sind – zum Teil – hausgemacht.
(Bild: SMIC)

Erst musste Chinas Führung eingestehen, dass ihre desaströse Null-Covid-Politik in Zeiten der höchst ansteckenden Omikron-Variante des Corona-Virus nicht länger zu halten ist, und jetzt das: Die eigene Halbleiterindustrie bricht ein. Damit rückt das erklärte Ziel der Chipselbstversorgung in weite Ferne.

Der größte Chip-Hersteller des Landes, die „Semiconductor Manufacturing International Corporation” (SMIC) hat für das dritte Quartal dieses Jahres ein Schrumpfen seiner Bruttogewinn-Marge auf 30 bis 32 Prozent im Vergleich zum Quartal davor (38,9 Prozent) vorhergesagt.

Aufwärts immer, abwärts nimmer: Chinas Narrativ passt nicht mehr

Der Abschwung – ein starker Gegensatz zu den Rekord-Zuwächsen ein Jahr zuvor – werde voraussichtlich bis gut ins nächste Jahr andauern, gab SMIC bekannt. „Wir sehen gegenwärtig kein Ende dieser Korrektur in einem zyklischen Abschwung, insbesondere weil die Nachfrage nach Handys und Verbraucherelektronik noch immer sehr schwach ist“, sagte Zhao Haijun, Co-CEO von SMIC, dem japanischen Wirtschaftsmagazin Nikkei Asia.

SMIC, ein chinesischer Auftragshersteller, ist stärker als andere große Chiphersteller an den chinesischen Markt gebunden, in dem vor allem die exzessiven Lockdowns im Zuge der Null-Covid-Politik des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping den Binnenkonsum stark geschwächt haben.

Chinesische Bürger wollen sich nicht länger einsperren lassen

China hat erst Ende November signalisiert, dass es schrittweise von der wirtschaftlich selbstmörderischen Null-Covid-Politik abrücken will, nachdem es im ganzen Land zu spontanen Protesten und sogar Rufen nach einem Rücktritt des Diktators gekommen war.

Doch die gerade verkündeten leichten Lockerungen der Corona-Maßnahmen kommen für die Halbleiterindustrie und die gesamte Wirtschaft des Landes sehr spät und es wird noch viele Monate dauern, bis das von Fabrikschließungen, Störungen des Frachtverkehrs und dem ständigen Einsperren vieler Arbeiter in ihren Wohnungen verursachte Chaos wieder abflauen kann.

Gestern 10.000 Wafer bestellt – heute Bestellung storniert

Die Lieferketten für viele Konsumgüter und Vorprodukte wie Mobiltelefone, Display-Treiber-ICs, Wifi-Chips für Fernsehgeräte oder Fingerabdruck-Chips und Sensoren für Smart Phones erlebten gerade ein „plötzliches Einfrieren“, so der CEO von SMIC. Kunden würden an einem Tag 10.000 Wafern bestellen und die Bestellung am nächsten Tag wieder stornieren, so Zhao.

Insgesamt ist die Chipproduktion in der Volksrepublik im Oktober um 26,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zurückgegangen. Das war die größte Schrumpfung des industriellen Outputs seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen in der chinesischen Halbleiterindustrie.

Null-Covid-Politik, Ukraine-Krieg, Inflation, Ende des Homeoffice-Booms

Der Rückgang der industriellen Produktion von Halbleitern in China war zum Teil eine Folge des von Null-Covid geschwächten Binnenmarktes, zum Teil aber auch auf die schwächere Nachfrage nach Chips im Ausland zurückzuführen. Die globale Inflation, der Krieg in der Ukraine, sowie das Ende des globalen Homeoffice-Booms mit seiner plötzlich gestiegenen Nachfrage nach Laptops und anderer Elektronik werden ebenfalls als Gründe für das Schwächeln der chinesischen Halbleiter-Industrie genannt.

Diese Makro-Trends spiegelten sich auch in einem deutlichen Rückgang der von China importierten Chips wider. Von Januar bis Oktober dieses Jahres sind die Importe von Halbleitern in den größten Verbrauchermarkt für Chips der Erde um 13,2 Prozent gesunken, zeigen chinesische Zollstatistiken.

Auch Einfuhr schwach: 70 Milliarden Chips weniger importiert

In den ersten zehn Monaten dieses Jahres hat China, wo so viele Halbleiter verbaut werden wie nirgendwo sonst auf der Erde, nur noch 458 Milliarden ICs importiert. In den ersten zehn Monaten 2021 waren es noch 527,9 Milliarden Einheiten. Dies verweist auf eine fundamentale Schwächung der chinesischen Wirtschaft durch die Corona-Maßnahmen seiner eigenen Regierung, denn Chips sind Chinas größtes Importgut, noch vor Rohöl und anderen Rohstoffen.

Im internationalen Vergleich sind die Umsätze mit Halbleitern im Oktober in Nord- und Südamerika um 11,4 Prozent, in Europa und Japan um 9,35 und 3,5 Prozent gestiegen, während sie in China um 16,2 Prozent gefallen sind, berichtet die Semiconductor Industry Association (SIA).

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Neben den schon genannten Faktoren sieht man bei SMIC in Shanghai auch einen Einfluss durch die Chip- und Hightech-Boykotte, die Washington gegen chinesische Firmen verhängt hat. „Das globale Chip-Ökosystem ist durch die US-Exportkontrollen gestört und unterbrochen worden,“ sagt Zhao von SMIC. Seine Firma ist ebenfalls auf der „Entity List“ der USA gelandet, also auf der schwarzen Liste von Firmen, denen Washington Kontakte zum chinesischen Militär nachsagt und sie deshalb mit Handelsrestriktionen belegt. SMIC bestreitet solche Kontakte. (me)

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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