Intel und ich Von den ersten Transistoren bis zur geplatzten Fabrik

Von Michael Eckstein 7 min Lesedauer

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Im Kaleidoskop zum 60. Jubiläum der ELEKTRONIKPRAXIS werfen die Redakteure einen Blick in ihr eigenes Geburtsjahr und die damaligen Technik-Meilensteine. Ex-Kollege Michael Eckstein blickt auf das Jahr 1968 und auf die Geschichte von Intel.

Ein Chip, der 
Geschichte schrieb: 
Der Intel 4004 wurde ursprünglich als einer von vier Chips für eine Auftragsarbeit der japanischen Nippon Calculating Machine Corp. entworfen und in der Rechenmaschine Busicom 141-PF verbaut. Als das Gerät floppte, kaufte Intel das Design für den Prozessor für 60.000 US-Dollar wieder zurück. (Bild:  Intel)
Ein Chip, der 
Geschichte schrieb: 
Der Intel 4004 wurde ursprünglich als einer von vier Chips für eine Auftragsarbeit der japanischen Nippon Calculating Machine Corp. entworfen und in der Rechenmaschine Busicom 141-PF verbaut. Als das Gerät floppte, kaufte Intel das Design für den Prozessor für 60.000 US-Dollar wieder zurück.
(Bild: Intel)

Das Jahr 1968 war ein Jahr der Aufbrüche. Studenten gingen auf die Straße, Stanley Kubrick schickte mit „2001: Odyssee im Weltraum“ einen denkenden Computer ins Kino, und Apollo 8 umrundete zu Weihnachten erstmals mit Menschen an Bord den Mond. Ich kam in diesem Jahr zur Welt – und im kalifornischen Mountain View entstand eine Firma, die später die Welt verändern sollte: Intel.

Die Anfänge von Intel: Aus dem Stall der „Verräterischen Acht“

Intels Stammbaum beginnt bei einem schwierigen Genie. Der Transistor-Miterfinder William Shockley hatte Mitte der 1950er-Jahre junge Talente in sein Labor gelockt – und sie mit seinem Führungsstil wieder vertrieben. 1957 kündigten acht von ihnen gemeinsam. Shockley nannte sie verbittert die „Traitorous Eight“, die Verräterischen Acht.

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Mit dem Geld des Unternehmers Sherman Fairchild gründeten die Acht Fairchild Semiconductor. Darunter waren Robert Noyce und Gordon Moore. Noyce entwickelte dort 1959 den ersten monolithisch gefertigten integrierten Schaltkreis – praktikabler als die Lösung, die Jack Kilby kurz zuvor bei Texas Instruments gebaut hatte.

Fairchild wurde zur Keimzelle eines ganzen Tals: Ehemalige Mitarbeiter gründeten reihenweise eigene Firmen, die Gegend bekam den Spitznamen Silicon Valley. 1968 zogen auch Noyce, damals Geschäftsführer, und Forschungschef Moore weiter und gründeten am 18. Juli 1968 die Firma N M Electronics – benannt nach den Initialen der Gründer. Den sperrigen Namen änderten sie schnell in Intel, kurz für „Integrated Electronics“.

Die ersten Intel-Produkte waren keine Prozessoren, sondern Speicherchips: Im Jahr 1969 der SRAM 3101, 1970 der DRAM 1103, der die Magnetkernspeicher verdrängte. Der erste Mikroprozessor entstand 1971 über einen Umweg – als Auftragsarbeit für den japanischen Rechnerhersteller Busicom: das war der 4004.

Der Visionär, der Forscher und der Macher: Noyce, Moore und Grove

Offiziell hat Intel zwei Gründer. Tatsächlich prägte ein Trio die Firma – und jeder brachte besondere Fähigkeiten mit. Robert Noyce (1927–1990) war der Charismatiker. Der Physiker und Miterfinder des integrierten Schaltkreises konnte Kunden und Mitarbeiter mitreißen. Er führte Intel bis 1975 und galt später als inoffizieller „Bürgermeister des Silicon Valley“.

Gordon Moore (1929–2023) war der Wissenschaftler. Geboren in San Francisco, studierte er Chemie in Berkeley und Physik am Caltech. Bei Intel beurteilte er neue Technologien und trieb sie voran. Von 1975 bis 1987 war er CEO, danach lange Vorstandschef. Er starb im März 2023 mit 94 Jahren auf Hawaii.

Andy Grove (1936–2016) war der Macher. Als András Gróf in Budapest geboren, floh er 1956 in die USA. Bei Fairchild war er Moores Stellvertreter, bei Intel der dritte Mitarbeiter. Grove hielt den Laden am Laufen, pflegte eine Kultur der „konstruktiven Konfrontation“ und führte Intel von 1987 bis 1998 als CEO. Sein Buchtitel „Nur die Paranoiden überleben“ wurde zum Firmenmotto – ein Satz, an den man sich später noch erinnern wird.

Das Gesetz, das keines ist und die selbsterfüllende Prophezeiung

Berühmt wurde Moore schon drei Jahre vor der Intel-Gründung. 1965 schrieb er, noch bei Fairchild, einen Beitrag für die Fachzeitschrift Electronics. Seine Beobachtung: Die Zahl der Bauelemente auf einem integrierten Schaltkreis verdoppelt sich jedes Jahr. 1975 korrigierte er den Takt auf zwei Jahre. Die oft zitierten 18 Monate gehen auf seinen Intel-Kollegen David House zurück.

N(t) = N0 x 2(t/2)

Mit N = Zahl der Chips und t = Zeit.

Das Moore'sche Gesetz ist kein Naturgesetz, sondern eine empirische Faustregel – und eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Die Branche richtete ihre Roadmaps danach aus – und strengte sich an, sie einzuhalten. Genau das machte sie so wirkmächtig.

Wie gut die Faustregel trägt, zeigt ein Vergleich. Der 4004 von 1971 hatte rund 2.300 Transistoren. Heutige Spitzenchips für KI-Rechenzentren kommen auf weit über 100 Milliarden. Das entspricht grob einer Verdopplung alle zwei Jahre – über mehr als fünf Jahrzehnte.

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Ein Gedankenspiel: Seit meiner Geburt sind 58 Jahre vergangen, also 29 Verdopplungen nach Moore. Hätte sich mein Geburtsgewicht von rund 3,5 kg nach dem Moore’schen Gesetz entwickelt, brächte ich heute knapp zwei Millionen Tonnen auf die Waage. Gut, dass es nur für Silizium gilt.

Der PC mit dem 16-Bit-Prozessor 8086: Beige, bleischwer, faszinierend

Meine erste bewusste Begegnung mit Intel hatte eine Nummer: 8086. Der 16-Bit-Prozessor von 1978 begründete die x86-Architektur, die bis heute in fast jedem PC steckt. Genau genommen saß im ersten IBM-PC von 1981 sein Sparbruder 8088 mit 8-Bit-Datenbus – aber für einen Teenager machte das keinen Unterschied.

Die Rechner in den 1980er-Jahren waren keine Schönheiten. Man vergnügte sich mit bürobeigen Kisten, entweder bleischwere Desktop-Klötze oder Tower, die man besser nicht allein die Treppe hochtrug. Obendrauf thronte ein Röhrenmonitor, ebenso gewichtig, der 80 mal 25 ASCII-Zeichen darstellen konnte. Ein lautes Lüftergeräusch gab es gratis dazu. Und trotzdem: Von diesen Maschinen ging eine Faszination aus. Man tippte einen Befehl, und irgendwo im Inneren gehorchten Zehntausende Transistoren.

Moore zum Anfassen: Vom Hörsaal in die Redaktion

Im Elektrotechnikstudium und später im Beruf waren Intel-basierte PCs das omnipräsente Werkzeug. Man arbeitete sich durch die Generationen der Mikroprozessoren: 386, 486, Pentium. Jeder Wechsel brachte spürbar mehr Tempo – quasi Moore zum Anfassen. Im Jahr 1994 sorgte ein Divisionsfehler im Pentium für Schlagzeilen – und Intel musste lernen, wie empfindlich Kunden auf fehlerhafte Designs reagieren.

Als Fachredakteur rückte ich dann näher an das Unternehmen heran. Pressekonferenzen, Entwicklerforen, Hintergrundgespräche mit Firmenvertretern: Ich durfte die Entwicklung von Intel und seinen Technologien nicht nur nachlesen, sondern hautnah miterleben. Was dabei auffiel: Bei Intel redeten lange Zeit Ingenieure mit Ingenieuren. Man sprach über Strukturbreiten, Gate-Materialien und Yields – nicht über Quartalsziele.

Als Intel nicht mehr paranoid genug war: Die Stolpersteine

Bis in die 2000er-Jahre war Intel ein von Ingenieuren geführtes Unternehmen – und der unangefochtene König der Mikroprozessoren. Wer x86 sagte, meinte Intel. Die Firma entwarf ihre Chips nicht nur, sie fertigte sie auch in eigenen Fabriken und war dabei meist mindestens eine Prozessgeneration voraus.

Doch dann verschoben sich die Spielregeln: Der taiwanische Auftragsfertiger TSMC, 1987 gegründet, baute Chips für alle, die selbst keine Fabrik betreiben wollten. Mit jedem Kunden wuchsen Volumen, Erfahrung und Investitionskraft. Apple, Nvidia, Qualcomm und ausgerechnet der alte Rivale AMD ließen dort fertigen.

Intel dagegen stolperte. Das Smartphone-Zeitalter verschlief man weitgehend. Der 10-nm-Prozess verspätete sich um Jahre, während TSMC davonzog. 2020 kündigte Apple an, die Macs künftig mit eigenen Arm-Chips auszustatten – gefertigt bei TSMC. Kritiker sahen die Ursache für den Intel-Niedergang auch in der Führung: Zunehmend hatten Manager mit Blick auf Margen und Aktienkurs das Sagen statt Techniker. Andy Grove hätte vermutlich gesagt: Man war nicht mehr paranoid genug.

Die Rückkehr des Ingenieurs – und der Traum von Magdeburg

Im Jahr 2021 schien die alte Intel-DNA zurückzukehren. Pat Gelsinger übernahm das Ruder, ein echtes Urgestein: Mit 18 Jahren war er 1979 bei Intel eingestiegen, später leitete er die Architektur des 80486 und wurde CTO des Konzerns. Nach Jahren bei VMware kam er als CEO zurück – mit dem Versprechen, Intel wieder zur Technologie-Spitze zu führen.

Sein Plan hieß IDM 2.0. Intel sollte nicht nur eigene Chips bauen, sondern als Auftragsfertiger auch für andere – man wollte praktisch TSMC auf dessen eigenem Feld angreifen. Dafür kündigte Gelsinger Fabriken in den USA und Deutschland an: Europa sollte zum zentralen Fertigungsknoten werden. Herzstück war Magdeburg: Zwei hochmoderne Halbleiterwerke sollten dort entstehen, rund 3.000 direkte Arbeitsplätze inklusive.

Die angedachten Investitionen waren enorm: Aus anfangs kalkulierten 17 Milliarden Euro wurden rund 30 Milliarden – auch weil Energie- und Baukosten stark gestiegen waren. Die Bundesregierung sagte 9,9 Milliarden Euro Förderung zu. Die Corona-Pandemie mit ihren Lieferkettenbrüchen und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine mit der folgenden Energiekrise veränderten die Kalkulation grundlegend – und die Realisierung der Pläne wurde immer unwahrscheinlicher .

Auch, weil Intels eigene Lage sich verschlechterte. Die Verluste wuchsen, im Herbst 2024 wurde Magdeburg um zwei Jahre verschoben. Ende 2024 musste Gelsinger gehen; sein Nachfolger Lip-Bu Tan verordnete einen harten Sparkurs. Im Juli 2025 folgte das endgültige Aus für die Expansion in Europa. Tan begründete es damit, dass Intel zu früh zu viel investiert habe, ohne ausreichende Nachfrage. Übrig blieben 400 ha Ackerland in der Börde – und ein herber Rückschlag für den European Chips Act.

Zwei Achtundsechziger, die in die Jahre gekommen sind

Abgeschrieben ist Intel damit nicht. Anfang 2026 kamen die Panther-Lake-Prozessoren auf Basis des 18A-Prozesses auf den Markt, gefertigt in den USA. Laut Tan steigt die Ausbeute inzwischen um sieben bis acht Prozentpunkte pro Monat, und erste externe Kunden klopfen an. Ob daraus eine echte Wende wird, müssen die nächsten Jahre zeigen – in Magdeburg jedenfalls nicht.

Rückblickend sind Intel und ich, zwei Achtundsechziger, in die Jahre gekommen. Wir haben Höhenflüge erlebt und Rückschläge eingesteckt, jeder für sich hat seinen Kurs korrigiert, manches Ziel verfehlt und andere erreicht. Aus einer Speicherchip-Firma mit einer Handvoll Leuten ist ein Weltkonzern geworden, aus dem Teenager vor dem Röhrenmonitor ein Ingenieur, Journalist und letztlich Manager.

Vielleicht ist das die schönste Lehre aus 58 Jahren mit Intel: Technologische Führung lässt sich nicht vererben, sie will täglich neu erarbeitet werden. Paranoid muss man deswegen aber nicht werden – hier lag Andy Grove falsch. Was zählt, ist vielmehr eine gesunde Portion Neugier. (kr)

Quellen

• [1] Intel – Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Intel

• [2] 50 Jahre Intel – die 68er-Revolution in der IT-Welt (IT-Business, 2018) https://www.it-business.de/50-jahre-intel--die-68er-revolution-in-der-it-welt-a-734966/

• [3] Intel-Mitbegründer Gordon Moore und das Gesetz, das die Mikroelektronik beherrscht (Elektronikpraxis, 2024) https://www.elektronikpraxis.de/intel-mitbegruender-gordon-moore-und-das-gesetz-das-die-mikroelektronik-beherrscht-a-431ee27670b9bb539865cc7659b9a4cf/

• [4] Endgültiges Aus für Intel-Chipfabrik in Magdeburg (Table.Briefings, 2025) https://table.media/ceo/news/endgueltige-aus-fuer-chipfabrik-in-magdeburg

• [5] Intel gibt Pläne für Fabrik in Magdeburg auf (ZDF heute, 2025) https://www.zdfheute.de/wirtschaft/unternehmen/intel-absage-chipfarbik-magdeburg-100.html

• [6] Intel CEO says foundry business is gaining momentum (CNBC, 2026) https://www.cnbc.com/2026/05/18/intel-ceo-says-foundry-is-gaining-momentum-as-customer-interest-grows.html

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