Exit-Strategie Manager auf dem Weg in den Ruhestand, der wahrscheinlich nie kommt
Wer in Rente geht, sollte sich nicht zur Ruhe setzen, jedenfalls nicht sofort und nicht vollsta¨ndig. Davon ist Autor Henning von Vieregge überzeugt. Durch Arbeit, bezahlt oder unbezahlt, bleibt man mitten im Leben.
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Die Floskel heißt „wohlverdienter Ruhestand“. In den Verabschiedungsreden ist dann gerne davon die Rede, das man in diesem besonderen Fall des Herrn X oder der Frau Y besser von „Unruhestand“ spreche, wisse man doch, dass der Betreffende als vielseitig interessierter Mensch noch viel vor habe.
Beliebte Abschiedsgeschenke sind, je nach Karrierehöhe des zukünftigen Pensionärs im Wert variierend. Reiseführer zu vermuteten Wunschzielen, Gartenscheren oder Laptops. Der zukünftige Ex-Kollege versichert in seiner zumeist als überlang empfundenen Abschiedsrede, die nur selten angemessen humorig gelingt, er gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wie es ihm wirklich geht, weiß der Ruheständler im Werden selber noch nicht.
Der Übergang aus der letzten Vollbeschäftigung geschieht in eine Lebensphase, die Alternsforscher als dritte, historisch neue und somit von Rollenbildern wenig geprägte bezeichnen. Sie hat sich im demografischen Wandel vor die Alterszeit der Hinfälligkeit und des Sterbens geschoben, die unsere Bilder vom Alter nach wie vor prägt.
Ich habe bei meinen Interviews mit Generationsgenossen, überwiegend leitende Angestellte aus der Wirtschaft, auch Beispiele eines sorgfältig geplanten Übergangs getroffen. Dies sind aber die Ausnahmen.
So wie jenes Geschäftsführers einer Werbeagentur, der einige Jahre mit seinem ausgesuchten Nachfolger Schreibtisch an Schreibtisch gearbeitet hat. Nun, nach der Übergabe, und einem auskömmlich dotierten Übergangsvertrag, arbeitet der ehemalige Chef als freier Berater vom neuen Wohnort südlich von Freiburg. Da war oder ist Weiterbeschäftigung zur Genugtuung des Aussteigers und einiger Kernkunden der Agentur geworden.
In einem anderen Fall hat sich ein Verbandsgeschäftsführer von Berlin zurück an seinen alten Wirkungsort Bonn verabschiedet um. von dort aus in fugenlosem Übergang ein juristisches Spezialfach, in dem er sich zeitlebens einen Ruf erarbeitet hatte, nun hauptberuflich, wenn auch in frei bestimmter Zeiteinteilung, zu betreiben.
Diese Beispiele lassen sich kontrastieren mit Berichten von großer Verunsicherung, ratlosem Herumstochern, bestenfalls einer intensiven mehrjährigen Zeit von Versuch und Irrtum, wie sie der bekannte Therapeut Klaus Dörner für sich eindrücklich beschreibt . Alles theoretische Wissen habe ihm nichts genutzt.
Halten wir fest: Es würde nicht eine umfängliche Ratgeberliteratur geben, wäre dieser Übergang in die bis dahin unbekannte, unerprobte Arbeitslosigkeit ein leichter, vergnüglicher Weg. Generationsgenossen sind mit Loriot gealtert. Sein Film „Papa ante Portas“ prägt unser aller Bild vom schwierigen Übergang. Und zwar nicht nur bei den Betroffenen sondern auch bei Partnern und Kindern.
„Du bist wie Papa ante Portas“, dieser Satz liegt bereit, gleich wenn das Ereignis eingetreten ist. Wir sehen den Manager Dr. Lohse alias Loriot als mächtig aufgeplusterten Direktor durch das Unternehmen schreiten. Er richtet Chaos an und genießt seine Macht, seine Untertanen vulgo Mitarbeiter die Beseitigung zu befehlen. Kurz darauf ist er unversehens vor die Tür gesetzt, bis zuletzt unfähig zu begreifen, wie auf einen wie ihn verzichtet werden kann. Die freien Kräfte des Managers sind nun in ganztägigem Einsatz Familienangelegenheiten gewidmet, die bis dahin bestens dank der Abwesenheit des Hausherrn klappten. Es dauert eine Filmhandlung lang bis der Geschasste neuen Lebenssinn findet und der Familien- und Ehefrieden wieder hergestellt ist.
„Ich möchte einen guten Übergang hinbekommen. Kann mir jemand den Königsweg sagen?“ fragte ein Teilnehmer eines Kongresses über „Alter als Vermögen“ an der European Business School Ende April diesen Jahres bewusst naiv in die Runde. Vertreter von Organisationen wie Senior Experten Service, Wirtschaftspaten sowie frisch gegründete regionale Nachbarschaftsinitiativen offerierten umgehend Mitarbeitsmöglichkeiten. Hinweise auf Vermittlungsagenturen von Freiwilligenarbeit und deren Netzangebote folgten.
Generationsgenossen gaben Ratschläge: „Nutzen Sie die Chance, das zu tun, was Sie schon immer tun wollten, was Sie mit Leidenschaft erfüllt“, ist einer. „Fragen Sie sich, was Sie in Ihrem Lebenswissen am besten weiterbringt“, ergänzte eine Teilnehmerin. „Lassen Sie sich Zeit“ folgte. Alle mit Emphase vorgetragen und mit Beifall bedacht. So ist das mit Ratschlägen: Sie sind nicht falsch und nicht neu, rasch gesagt, rasch benickt und, das macht sie zu Evergreens, bleibend schwer umzusetzen. Schon vom Ratgeber selbst, der von sich weiß, es geht ihm wie dem Arzt, der seinen Patienten vehement vom Rauchen abrät und anschließend vor der Tür steht und raucht.
Der Fragesteller nach dem Königsweg signalisierte, eingedeckt von so viel Zuwendung, seine Zufriedenheit und nahm auch den abschließenden Hinweis des Moderators schmunzelnd hin: „Es gibt angesichts der ausgeprägten Differenzierung, verstärkt im Alter, keinen Königsweg für alle, nur einen für Sie.“ So ist es wohl.
Fragen wir uns, solcherart belehrt und ernüchtert, warum der Übergang speziell für Manager so schwierig ist. Und ich füge an: Er ist für die Generation der 68er bis weit in die Babyboomer hinein, also derjenigen, die heute zwischen 70 und 50 sind, besonders schwierig, paradoxerweise.
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