Fragen an die „Urgesteine“ „Interesse an Technik ist keine Frage des Geschlechts“

Das Gespräch führte Kristin Rinortner 10 min Lesedauer

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Margrit Harting hat das Image des Familienunternehmens und Steckverbinderspezialisten maßgeblich geprägt. Ein Gespräch über Offenheit, Neugier und den Mut, sich die Welt zu erobern. Aber auch über eine Karriere, die sie nie hatte.

Margrit Harting: „Mein Weg war nicht immer geplant, nicht immer sonnig und leicht, aber stimmig.“(Bild:  Harting)
Margrit Harting: „Mein Weg war nicht immer geplant, nicht immer sonnig und leicht, aber stimmig.“
(Bild: Harting)

Margrit Harting hat gemeinsam mit ihrem Ehemann Dietmar das gleichnamige Familienunternehmen zu einem globalen Technologiekonzern geformt und drückt seit fast 40 Jahren der Firma ihren Stempel auf. In dieser Zeit entwickelte sich der Steckverbinderspezialist von einem Mittelständler mit 1.300 Mitarbeitenden und einem Umsatz von 150 Mio. DM im Jahr 1987 zu einem Global Player, der im Jahr 2022 zum ersten Mal einen Umsatz von mehr als 1 Mrd. Euro und rund 6.500 Mitarbeitende verzeichnete.

„Gegensätze hebt sie auf. Partnerschaft und Führungsanspruch gehören zum Leben von Margrit Harting wie Gemütlichkeit und Glamour“, schreibt Hannes Külz im Buch „101 Frauen der deutschen Wirtschaft“. Das trifft ihre Persönlichkeit recht gut.

Im Interview mit ELEKTRONIKPRAXIS spricht sie über die Karriere, die sie eigentlich nie hatte, über Familienbande, Verantwortung, Papierzeitung, Digitalisierung, Haltung und Technik.

Frau Harting, wenn Sie auf die Anfänge Ihrer Karriere zurückblicken: Was war der Moment, in dem Sie zum ersten Mal gespürt haben, dass Elektronik die Welt grundlegend verändern wird?

Margrit Harting: Das war ungefähr Mitte der 80er-Jahre. Als Studienrätin und Leiterin der Privaten Handelsschule meines Vaters stand ich plötzlich vor der Situation, dass meine Schüler bzw. unsere Schule dringend mit Computern ausgestattet werden müssen, wenn die Ausbildung zukunftsträchtig sein sollte. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich aber noch nicht, dass meine eigene Zukunft in unserer Technologiegruppe sein würde.

Gab es ein frühes Projekt, ein Gespräch oder ein Gerät, das Sie nachhaltig geprägt hat?

Nach dem frühen Tod meines Schwiegervaters hatte meine Schwiegermutter die Führung des Unternehmens übernommen. Als mein Mann und ich heirateten, zog sie in ein Haus neben uns auf demselben Grundstück, sodass sie sehr oft zum gemeinsamen Essen oder Gedankenaustausch zu uns kam. 16 Jahre – bis zu ihrer Erkrankung – war ich also quasi „Mitglied“ im Unternehmen, ohne es tatsächlich zu sein. Diese Zeit hat mich nachhaltig geprägt.

Gab es in Ihrer Laufbahn einen Moment, in dem Ihnen klar wurde: Hier geht es nicht mehr nur um Technik, sondern um Verantwortung?

Verantwortung zu tragen, mich verantwortlich zu fühlen, Verantwortung auszuüben und Verantwortung einzufordern, ist offenbar ein wesentlicher Teil von mir. Ich war jahrelang Klassen- und Schulsprecherin, habe das Lehramt ausgeübt, war Mitglied im Stadtrat, habe mich in verschiedenen Ehrenämtern intensiv engagiert, und nicht zuletzt empfinde ich große Mitverantwortung für unser Unternehmen. Die einzige Auszeit war meine Studienzeit in Deutschland, Österreich und England. In dieser Zeit habe ich gelernt und gefeiert – oder umgekehrt … (schmunzelt).

Bei meinem Eintritt ins Unternehmen war „Verantwortung“ für mich also kein Fremdwort, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Wo endet für Sie technischer Fortschritt – und wo beginnt die Pflicht zum Innehalten?

Technischen Fortschritt liebe ich – sobald ich merke, dass er mir hilft, den Alltag leichter zu machen. Dann ist alles gut. Leider erlebe ich zu oft, dass die Technik mich verlässt. Sie funktioniert mal wieder nicht; Änderungen werden ohne Not durchgeführt. Die Gewohnheit der Gerätebedienung wird unterbrochen, ich brauche Hilfe, das macht mich ungewollt langsam und verdirbt mir – ungewollt – den Spaß an der Arbeit. Handy, Computer, Auto, Radio – muss ich noch mehr aufzählen? Und meistens passiert das noch am Wochenende, wenn ich die Mitarbeiter in Ruhe lassen will … Die Technik soll dem Menschen dienen – nicht umgekehrt!

An welchem Punkt Ihrer Karriere haben Sie ernsthaft gezweifelt, ob die Richtung noch die richtige ist?

Nachdem absehbar war, dass meine Schwiegermutter aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ins Unternehmen zurückkehren würde, hat mein Mann mich gebeten, ihren Platz einzunehmen. Also wurde ich ab sofort zur Geschäftsführerin ernannt. Mein Büro war einst auch ihr Büro, mein Mann wollte es so. Insofern habe ich keine Karriere gemacht; stattdessen musste ich allen ab Tag 1 zeigen, dass ich dieser Position auch würdig war! Gezweifelt habe ich aber nie. Es war mir eine große Freude, nach einigen Jahren von Kindererziehung und Heimgestaltung endlich wieder herausfordernde, neue Aufgaben zu übernehmen. Schon im ersten Zeugnis in der Grundschule hatte meine Lehrerin vermerkt „Margrit ist für ihr Alter sehr verständig.“! Das ist es wohl …

Gab es eine technologische Entwicklung, der Sie lange skeptisch gegenüberstanden – und die Sie heute anders bewerten?

In unserer Vision – die ich sehr zielführend mitentwickelt habe – heißt es zu Beginn: „Wir wollen die Zukunft mit Technologien für Menschen gestalten.“ Das Neue muss also nicht nur das Alte ersetzen, sondern es muss einen Mehrwert haben. Dann bin auch ich ein Fan davon.

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Welche Geschichte würden Sie im Rückblick gerne noch erzählen – und wäre sie heute noch relevant?

Ich hatte schon erwähnt, dass wir 16 Jahre mit meiner Schwiegermutter engen Kontakt hatten. Ich habe immer gerne und interessiert den Gesprächen zugehört oder an diversen Firmenveranstaltungen teilnehmen dürfen. Ich weiß heute, dass mich diese Jahre unglaublich geprägt haben; übrigens zum Wohl unserer Familie und zum Nutzen des Unternehmens, wie sich erst später – unerwartet – herausstellen sollte. Die Jahre haben mich gelehrt, dass das Unternehmen die Diva ist. Ihr hat sich alles unterzuordnen!

Wie viel Haltung darf, wie viel Haltung muss ein Unternehmer aus Ihrer Sicht haben?

Das Hauptziel eines Unternehmers sollte doch immer der Erfolg seiner Idee sein. Dazu benötigt er Mitarbeiter. Und schon beginnt seine Verantwortung über das Eigenwohl hinauszuwachsen. Er hat feste Überzeugungen und Grundsätze. In einem Familienunternehmen ist die Haltung also Ausdruck seines Wertekanons. Schon 1996 haben wir unsere „Vision“ geschrieben und freuen uns, dass ihre Bedeutung und Sinnhaftigkeit auch heute noch gültig sind.

Wer war der beeindruckendste Ingenieur oder Unternehmer, dem Sie je begegnet sind – und was machte ihn besonders?

Über die Jahrhunderte hat es viele Ingenieure gegeben, die bahnbrechende Erfindungen gemacht haben, die uns Menschen das Leben erleichtern: sei es Johannes Gutenberg, James Watt, Carl Benz, Konrad Zuse, Alexander Graham Bell, und, und, und. Begegnet bin ich leider – wegen meiner späten Geburt – keinem von ihnen. Die beeindruckendste Persönlichkeit, weder Ingenieur noch Unternehmer, war Joachim Gauck, unser ehemaliger Bundespräsident. Begegnungen mit ihm waren immer bereichernd, berührend, wärmend und Hoffnung verbreitend.

Was ist im Laufe der Jahrzehnte in der Branche verloren gegangen?

Die rasante Entwicklung der Digitalisierung hat dazu geführt, dass persönliche Begegnungen und Gespräche rapide abgenommen haben. Das bedauere ich sehr, denn im Austausch von „Angesicht zu Angesicht“ erfährt man doch viel mehr voneinander als über den Bildschirm. Andererseits ist die Möglichkeit der Teams-Meetings gerade in einem weltweit etablierten Unternehmen ein riesiger Vorteil, auf den wir gar nicht mehr verzichten können. Persönlich lese ich lieber nach wie vor die „Papierzeitung“ und schreibe wichtige Briefe mit der Hand.

Margrit Harting

Die Diplom-Handelslehrerin studierte von 1965 bis 1973 Betriebswirtschaftslehre an verschiedenen Universitäten in Deutschland, Österreich und England und unterrichtete bis 1979 an der Privaten Handelsschule Dr. Kohlhase in Rahden. 1987 trat sie als Geschäftsführerin in die Harting Technologiegruppe ein, verantwortete zentrale Unternehmensbereiche und steuerte die Ressorts Personal, Qualitätsmanagement, Werksanlagen, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. 1990 wurde sie geschäftsführende Gesellschafterin und 1996 generalbevollmächtigte Gesellschafterin. Seit 2018 ist die Senior-Chefin Vorstand und Gesellschafterin der Harting Stiftung & Co. KG. Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande und des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse.

Was ist neu hinzugekommen, das Sie wirklich schätzen?

Eine große Veränderung habe ich vor fast 20 Jahren in unserer Ausbildung vorgenommen. Über Jahrzehnte war es üblich, die gewerblichen Azubis in sogenannten „Lehrwerkstätten“ unterzubringen; Orte, die naturgemäß laut sind, derbe Gerüche und Schmutz verbreiten etc. Das – so konnte ich beobachten – führte zu einer gewissen überheblichen Haltung der Industriekaufleute gegenüber ihren „Kollegen“ in der Werkstatt. Diese Einstellung hat mich ziemlich betroffen gemacht.

Unser Unternehmenserfolg entsteht durch das professionelle Zusammenspiel von Handwerk und „Papierarbeit“. Diejenigen, deren Arbeitsplatz das Büro oder heute auch das Home-Office ist, müssen wissen, wie unsere Produkte entstehen. Sie müssen ihnen in allen Facetten einmal nah gewesen sein, um die Kollegen in der Produktion entsprechend zu schätzen und zu respektieren. Diese Überlegungen haben dazu geführt, dass wir 2008 unser NAZHA eröffnet haben: Neues Ausbildungszentrum HARTING – als bewusster Ort des Miteinanders: gewerbliche, technische und kaufmännische Auszubildende kommen zusammen, um voneinander und miteinander zu lernen. Funktioniert bestens zu meiner großen Freude!

Wenn Sie Mitarbeitern heute zuhören: Was klingt vertraut – und was ist Ihnen fremd?

Wenn ich heute Mitarbeitern zuhöre, ist vieles vertraut: der Wunsch nach Sinn, nach Mitgestaltung, nach Zusammenarbeit. Fremd ist mir nur die „Rundum-Duzerei“. Ein Habitus, der aus dem Englischen ohne Verstand übernommen wurde. Und weil jeder „in“ und „modern“ sein möchte, konnte diese Umgangsform sich erfolgreich etablieren. Nun, ja …

Welcher berufliche Irrtum hat Sie im Nachhinein am meisten weitergebracht?

Mein größter Irrum war wohl, dass ich nicht wollte, was mein Vater wollte: das Kind studiert BWL. Dieser Ruf war so früh und deshalb so nachhaltig, dass ich gar nicht dazu kam zu überlegen, was ich selber eigentlich wollte. Rückblickend war es ein Segen, denn das Studium war später die Basis dafür, dass ich ohne Angst und Zögern dem Ruf meines Mannes folgen konnte. Interessanterweise hatte mein Vater übrigens an der Wand seiner Privaten Handelsschule in Rahden schon seit 1956 die Worte schreiben lassen: „Die Welt, mein Feld.“ Er stand für Offenheit, Neugier und den Mut, sich die Welt zu erobern. Diese Haltung hat mich geprägt, fachlich wie menschlich. In der Rückschau empfinde ich den Spruch fast wie eine Vorhersehung.

Gibt es eine Entscheidung, die Sie im Laufe Ihrer Karriere getroffen haben und heute anders fällen würden?

Eine Entscheidung, die ich heute gravierend anders treffen würde, gibt es nicht. Mein Weg war nicht immer geplant, nicht immer sonnig und leicht, aber stimmig.

Welchen Rat, den man Ihnen zu Beginn Ihrer Karriere gegeben hat, haben Sie ignoriert – und sind Sie heute froh darüber?

Einen Rat, den ich zu Beginn meiner Zeit im Unternehmen hätte ignorieren können, gab es eigentlich nicht – weil mir niemand einen gegeben hat. Ich habe keine Karriere gemacht, mir wurde die Position der Geschäftsführerin übertragen. Es gab keine Anleitung, keine Schonfrist, keine Hilfestellung. Ich musste sofort Verantwortung übernehmen und loslegen. Vielleicht war genau das meine größte Chance.

Was möchten Sie der nächsten Generation mitgeben – nicht als Rat, sondern als Erfahrung?

Ich bin dankbar und stolz, dass meinem Mann und mir der Übergang in die 3. Generation gelungen ist. Ein langer Weg – beginnend mit der Geburt. Wenn ich ehrlich bin, er dauert an und wird wohl auch nicht enden – es sei denn, der liebe Gott macht einen Punkt. Seit dem Übergang der Verantwortung auf unsere Kinder ist das die größte Herausforderung an uns Senioren: die Wandlung von Mutter und Vater zur Chefin und zum Chef, dann zur Senior-Chefin und zum Senior-Chef. Eine Raketenexpedition zum Mond ist fast nichts dagegen – für beide Seiten übrigens. Aber wir vier schaffen es.

Wenn man Ihre Zeit bei Harting in einem Satz zusammenfassen müsste: Welcher wäre das?

Meine aktive Zeit bei Harting in einem Satz? (lacht) Mein Mann hat mir vertraut und mir Verantwortung übertragen, und ich hatte die große Freiheit, daraus meine Aufgabe zu machen. Mit Freude und Leidenschaft habe ich sozusagen den Ausbau der „Software“ übernommen und meinem Mann nur zu gern die Entwicklung der „Hardware“ überlassen.

Wie war es damals als Frau in eine von Männern dominierte Technik-Branche quasi über Nacht einzutreten? Und was haben Sie daraus für Lehren gezogen?

Als Studienrätin hatte ich ja schon viel Erfahrung sammeln können im Umgang mit Männern und Frauen jeden Alters. Wichtig war mir nie das Geschlecht, sondern immer die Persönlichkeit und die Leistungsbereitschaft.

Was ich daraus gelernt habe: Interesse an Technik ist keine Frage des Geschlechts. Das erleben wir sehr deutlich bei unserem Projekt KiTec (Kinder entdecken Technik, Anm. d. R.), das wir seit 15 Jahren durchführen. Grundschulkinder lernen handwerklich und spielerisch, wie Technik funktioniert, entwickeln eigene Projektexponate und entdecken so ganz nebenbei ihre Freude am Gestalten. Es ist immer wieder überraschend zu sehen, wie viele Mädchen sich für technische Themen begeistern. Neugier, Talent und Freude am Gestalten sind nicht männlich oder weiblich – sie entstehen dort, wo man Räume öffnet und Möglichkeiten bietet.

Welches elektronische Gerät aus alten Zeiten steht heute noch bei Ihnen zu Hause?

Das ist ein altes Radio. Es ist technisch überholt, aber es hat eine Seele. Es funktioniert, wenn man es einschaltet, und es erzählt Geschichten. Das ist es wohl, was gute Technik für mich ausmacht – Verlässlichkeit, Charakter und eine gewisse Zeitlosigkeit.

Frau Harting, vielen Dank für dieses Gespräch.

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