KI als Exportschlager Token sind Chinas neuer Exportschlager – und der Preisvorteil hat System

Von Henrik Bork 5 min Lesedauer

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Chinesische KI-Modelle gewinnen international an Bedeutung, und diese Entwicklung wird vor allem von den niedrigen Kosten angetrieben. Dahinter steht ein komplexes Zusammenspiel aus Energiepreisen, Infrastruktur und Modellarchitektur.

KI kann in China günstig arbeiten und die Ergebnisse rasant in alle Welt liefern.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
KI kann in China günstig arbeiten und die Ergebnisse rasant in alle Welt liefern.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Ein Informatikstudent in San Francisco tippt einen Prompt in sein KI-Chatfenster. Die Antwort kommt in weniger als zwei Sekunden zurück. Der Student freut sich, denn das chinesische LLM DeepSeek und dessen Chatbot sind viel günstiger als ChatGPT oder Claude.

Sein Prompt ist dafür als Lichtimpuls durch ein Glasfaserkabel unter dem Pazifik nach China gerast, dort in einem Rechenzentrum von einem chinesischen KI-Modell verarbeitet worden und dann in Form von Wörtern zurück nach San Francisco auf seinen Bildschirm gereist.

Der Student hat dafür einen Bruchteil dessen bezahlt, was ihn ein amerikanisches Modell gekostet hätte. Viele chinesische Modelle sind preiswert, bieten aber dennoch eine vergleichbare, für viele Rechenaufgaben akzeptable Leistung.

Das chinesische Techportal Huxiu hat die Preise verglichen. „Zum Beispiel kostet die Verarbeitung von einer Million Input-Token bei bestimmten MiniMax- und Zhipu-Modellen aus China nur 0,3 US-Dollar, während vergleichbare Produkte wie Claude Opus rund 5 US-Dollar kosten, also etwa das 16,7-Fache.“

Weil viele chinesische KI-Modelle zudem als Open-Source- oder Open-Weight-Modelle veröffentlicht werden, ist ihre Nutzung auch bei Startups und größeren Unternehmen in den USA zunehmend beliebt. Die meisten KI-Modelle in den Vereinigten Staaten sind dagegen nicht frei zugänglich.

Exportschlager Token

Aus diesen Gründen entwickelt sich gerade ein massenhafter Export von Token aus China in die USA und andere Weltregionen. Es ist eine Art indirekter Export von Rechenleistung und Energie, denn die Preise für Token werden zu einem großen Teil durch die Strompreise in Rechenzentren bestimmt.

„Jedes Mal, wenn ein globaler Entwickler ein chinesisches Modell aufruft, kauft er faktisch einen Token-Dienst, der mit Chinas Strom, Recheninfrastruktur und algorithmischer Effizienz erzeugt wurde“, beschreibt das chinesische Wirtschaftsmagazin Shidai Caijing diesen neuen Exportschlager der Volksrepublik China.

Dabei ist nicht mehr von trivialen Datenströmen die Rede. Im Februar 2026 verarbeiteten chinesische KI-Modelle auf der internationalen Plattform OpenRouter erstmals mehr Token als amerikanische, berichtete das Branchenportal Shenchao TechFlow. In der Woche vom 9. bis 15. Februar 2026 lieferten chinesische Modelle 4,12 Billionen Token aus, amerikanische nur 2,94 Billionen. Vier der fünf weltweit meistgenutzten KI-Modelle stammen inzwischen aus China.

Der zweite wesentliche Kostenfaktor sind die Amortisationskosten für GPUs. Auch die sind in China günstiger. 2025 sind die grenzüberschreitenden Transaktionen im Bereich der Rechenleistung weltweit auf umgerechnet 240 Milliarden Euro angestiegen, 68 Prozent mehr als im Jahr davor, schreibt die amerikanische Marktforschungsfirma IDC.

Günstigere Energiepreise

Der Hauptgrund für die günstigeren Token sind die geringeren Energiekosten in China. Die sind zum Teil von der Regierung vorgegeben, weil sie ja auch wichtige Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der chinesischen Fertigungsindustrie haben. Mittlerweile können sie aber auch deshalb so niedrig gehalten werden, weil China so viel wie kein anderes Land der Erde in den Ausbau von Solar- und Windkraft und anderen erneuerbaren Energien investiert.

Im internationalen Vergleich ergibt sich so ein starker Anreiz, auf chinesische Token zuzugreifen. „Chinas Kostenvorteil ist erheblich. Die Industriestrompreise in den östlichen Regionen liegen bei 0,34 bis 0,45 Yuan pro Kilowattstunde (vier bis sechs Eurocent), während grüner Strom in den westlichen Regionen nur 0,15 bis 0,28 Yuan pro Kilowattstunde (zwei bis vier Cent) kostet“, schreibt das chinesische Wirtschaftsportal.

Vergleiche von Strompreisen sind notorisch schwierig, das sei dazu gesagt. Man müsste erst definieren, wovon genau die Rede ist, und das würde den Rahmen dieses Artikels hier sprengen. Auch schwanken sie sowohl in China als auch in Europa erheblich. Die industriellen Energiepreise lagen aber nach Angaben der Bundesnetzagentur für deutsche Unternehmen ohne Vergünstigungen bei rund 17 bis 18 Cent pro Kilowattstunde. Es lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass die Energiepreise in den USA und Europa meist um ein Vielfaches höher sind als in China.

Dabei sind die Stromkosten nur einer von mehreren Faktoren, die chinesische Token so günstig machen. Ausschlaggebend seien vor allem die Synergien aus günstigen Energiekosten und günstiger Hardware für Rechenzentren, der Kosteneffizienz von KI-Modellen und des gut ausgebauten Stromnetzes, sagen Experten wie etwa Shi Yuxia von der China Academy of Information and Communications Technology.

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KI-Architektur als Hebel

Ein Kostenvorteil liegt schon in der Architektur der KI-Modelle selbst. Chinesische Entwickler verwenden gerne leichtgewichtige „Mixture of Experts“-Architekturen, kurz MoE. Statt bei jeder Anfrage das gesamte neuronale Netz zu aktivieren, wecken MoE-Modelle nur die spezifischen Pfade, die für eine bestimmte Aufgabe nötig sind. Das senkt die Rechenkosten pro Token drastisch.

Seit Anfang 2025, als DeepSeek mit seinem offenen Modell R1 weltweit die gesamte KI-Branche aufschreckte, ist unter chinesischen Anbietern ein Preiskrieg ausgebrochen. Token sind in der Folge auch deshalb immer billiger geworden. Ein weiterer Kostenvorteil ergibt sich daraus, dass Chinas Regierung gezielt die Synergien aus Ökostrom und KI-Rechenleistung fördert. Neue KI-Rechenzentren werden neuerdings gerne direkt neben Windturbinen in der Wüste Gobi oder Solarparks in der Taklamakan-Wüste gebaut.

Der selbst im innerchinesischen Vergleich unschlagbar billige grüne Strom wird dort gar nicht mehr ins Netz eingespeist und entsprechend bepreist, sondern betreibt direkt die KI-Rechner. „Das Modell der direkten Anbindung an grünen Strom verbindet Rechenzentren direkt mit nahegelegenen Solar-, Wind- und Energiespeicheranlagen und ermöglicht so eine Punkt-zu-Punkt-Versorgung. Das verringert Übertragungsverluste und senkt die Energiekosten“, schreibt das chinesische KI-Fachportal AI Xintianxia. „Bis Februar 2026 waren landesweit 84 solche Projekte genehmigt, mit einer gesamten erneuerbaren Kapazität von 32,59 Millionen Kilowatt“, so das Fachmedium.

Ultrahochspannungsleitungen

Ein dritter Faktor, der Chinas Verquickung von künstlicher Intelligenz und grünem Billigstrom in vielen Fällen überhaupt erst ermöglicht, ist ein Netz von vielen Tausend Kilometern von Ultrahochspannungsleitungen, sogenannten UHV-Trassen, die grünen Strom aus den Wüstenregionen Chinas in die dicht bevölkerten Küstenprovinzen im Osten und Süden des Landes transportieren.

Das Regierungsprogramm „Dong Shu Xi Suan“ (Östliche Daten, Westliches Rechnen) nutzt diese Trassen neuerdings auch, um Rechenzentren gezielt mit günstigem Ökostrom zu versorgen. Die chinesische Regierung hat angeordnet, dass neue Rechenzentren mindestens 80 Prozent ihres Stroms aus grünen Quellen beziehen müssen. Sie fördert damit ihrem jüngsten Regierungsbericht zufolge gezielt einen sich selbst verstärkenden industriellen Kreislauf aus günstiger Energie, der mehr Bedarf nach Rechenleistung entstehen lässt, was wiederum den Ausbau der grünen Infrastruktur fördert.

Die Innere Mongolei und die benachbarte Provinz Ningxia entwickeln sich mit ihren vielen Wind- und Solarparks und nun in unmittelbarer Nachbarschaft gebauten nagelneuen KI-Rechenzentren zu einem Cluster, das chinesische Medien als „Xishu Gu“ oder „Westliches Daten-Valley“ bezeichnen.

Wenn Jensen Huang, CEO von Nvidia, mit seiner Aussage recht behält, dass für KI soeben die Ära der Token begonnen hat, dann ist China ziemlich gut in diese neue Ära gestartet. Die Voraussetzung für eine schnelle und sinnvolle Skalierung der KI in der Industrie und in der Gesellschaft ist eine gute Infrastruktur: Energie, Rechenzentren, leistungsfähige Modelle. Und nach Möglichkeit die Verknüpfung dieser Ressourcen auf eine Art und Weise, die Synergien freisetzt. China bewegt sich entlang all dieser Achsen in die richtige Richtung. Studenten in Kalifornien oder Freiburg müssen über all das nicht nachdenken, profitieren aber dennoch davon. (sb)

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