Steckverbinder aus Espelkamp Harting: Von der Kochplatte zum Weltmarktführer

Von Antonio Funes 6 min Lesedauer

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Was 1945 mit Kochplatten, Bügeleisen und anderen Alltagsprodukten begann, entwickelte sich zu einem weltweit führenden Anbieter industrieller Verbindungstechnik. Ein Rückblick auf die Geschichte von Harting, den Han-Steckverbinder und drei Generationen einer Unternehmerfamilie.

Unternehmensgeschichte: Wilhelm und Marie Harting gründeten 1945 in Minden die „Wilhelm Harting Mechanischen Werkstätten“. Aus dem kleinen Betrieb entwickelte sich ein weltweit führender Anbieter industrieller Verbindungstechnik. Die Illustration ist von historischen Porträts der beiden Gründer inspiriert.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Unternehmensgeschichte: Wilhelm und Marie Harting gründeten 1945 in Minden die „Wilhelm Harting Mechanischen Werkstätten“. Aus dem kleinen Betrieb entwickelte sich ein weltweit führender Anbieter industrieller Verbindungstechnik. Die Illustration ist von historischen Porträts der beiden Gründer inspiriert.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Harting. Dieser Name steht seit vielen Jahrzehnten für eine Erfolgsgeschichte rund um elektrische Bauteile, insbesondere Steckverbindungen für Industriekunden. Wir blicken im Jahr 2026 auf die Historie des über 80 Jahre alten Unternehmens aus Nordrhein-Westfalen und seinen Gründer, Wilhelm Harting, zurück. Heute beschäftigt Harting weltweit mehr als 7.000 Menschen und erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2024/25 einen Umsatz von rund 1,1 Milliarden Euro. Eine Besonderheit ist die Rechtsform der Konzernobergesellschaft: Die Harting Stiftung & Co. KG mit Sitz in Espelkamp ist eine Kommanditgesellschaft, bei der eine Stiftung die Rolle der persönlich haftenden Gesellschafterin übernimmt.

Die Stadt liegt jeweils etwa 35 Kilometer östlich von Osnabrück respektive nördlich von Bielefeld. Gegründet wurde Harting allerdings am 1. September 1945 in Minden, das etwa 20 Kilometer südöstlich von Espelkamp liegt. Bereits im Jahr 1950 wurde der Sitz nach Espelkamp verlegt, wo Harting nunmehr mehrere Produktionsstätten sowie Vertriebsbüros hat. In Minden befinden sich wiederum Räumlichkeiten für den Vertrieb der Connectivity-Produkte.

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Durch Tochtergesellschaften und weitere Produktions- und Entwicklungsstätten ist Harting in mehr als 40 Ländern vertreten, auf die sich etwa mehr als die Hälfte der gut 6.000 Beschäftigten verteilt. Standorte sind dabei unter anderem in den Niederlanden, Großbritannien, USA, Indien, Frankreich und Vietnam.

Anfänge mit Alltagsprodukten

Die erfolgreichste frühe Produktidee des Gründers Wilhelm Harting stellt auch zugleich noch immer das Kerngeschäft von Harting dar: Steckverbindungen. Inzwischen zählt der Konzern zu den größten deutschen Herstellern im Bereich von Steckverbindungen für elektrische Anwendungen und ist international ein großer Anbieter für industrielle Verbindungstechnik rund um Steckverbindungen mit Strom- oder Datenfluss.

Dies alles begann am 1. September 1945 in einer 100 Quadratmeter großen Halle in Minden, in der die „Wilhelm Harting Mechanischen Werkstätten“ beheimatet waren. Zunächst stellte Harting eine ganze Weile lang Alltagsprodukte her. Angesichts des bei Unternehmensgründung gerade erst beendeten Zweiten Weltkriegs wurden etwa Kochplatten, Anzünder und Bügeleisen stark nachgefragt und dementsprechend von Harting angeboten.

Ab 1950 mit dem Wechsel des Standortes nach Espelkamp in die dort gelegenen ehemaligen Munitionslagerhallen begann Harting damit, Schallplattenspieler und Musikboxen auf den Markt zu bringen. Denn das deutsche Wirtschaftswunder verlangte nach Unterhaltung. Zu den Produkten für Privatkonsumenten kamen noch weitere Produkte dazu – ab 1951 verkaufte Harting beispielsweise bis zum Jahr 1957 etwa 5.000 medizinische Geräte wie das Piezotherm, ein Ultrakurzwellen-Therapiegerät.

Harting entwickelte außerdem mehrere Generationen von Zigarettenautomaten, bei denen elektrische Antriebe zunehmend die zuvor üblichen mechanischen Ausgabemechanismen ersetzten. Den ersten derartigen Automaten, bei dem die Zigarettenpackung automatisch in einen Ausgabebereich fällt, um sie zu entnehmen, bot Harting 1959 für Innenräume an und war damit in Europa Pionier. Üblich waren damals noch Automaten mit Schubladen oder Drückhebeln, die die Packung mechanisch freigaben. Die sogenannte ZA-Serie war ein großer Erfolg und machte Harting zum Marktführer. 1986 kam noch der Semtron, das erste voll elektrische Modell für den Außeneinsatz, ins Portfolio dazu.

Der Han-Stecker als Erfolgsgeschichte

Wir gehen zurück in das Jahr 1956, als Harting den ersten eigenen Steckverbinder, den Han-Steckverbinder, präsentierte. Dieser steht beim Erfolg der Firma weit vor den bereits genannten Produkten und stellt die Grundlage für die Geschichte Hartings als Weltkonzern dar. Das Kürzel „Han“ steht dabei für „Harting-Norm“ – auf das Patent im Jahr 1956 folgte der Eintrag von Han als Markenzeichen im Jahr 1957.

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Wichtig war für die Kunden, die ihrerseits keine privaten Haushalte, sondern fertigende Betriebe waren, eine zum einen leicht verwendbare, aber zum anderen trotzdem sichere und vor allem robuste Steckverbindung. Sie musste den ruppigen Alltag und viele An- und Absteckvorgänge durchhalten, durfte sich dabei gleichzeitig aber auch nicht zu leicht ungewollt lösen. Die Produktqualität stand daher an oberster Stelle, und genau dies wollte Wilhelm Harting bieten. Sein Credo: Qualität bedeutet, dass die Kunden und nicht die Waren zurückkommen.

Im Jahr 1960 kamen elektromechanische und elektromagnetische Bauelemente zum Sortiment dazu, die sich ebenfalls an Industriekunden richteten, aber auch beispielsweise für die schon genannten Zigarettenautomaten und weitere Harting-Produkte gedacht waren. Nach und nach erweiterte Harting das Portfolio der Steckverbindungen und weiterer Bauteile. Ab den 1960er-Jahren erschloss Harting mit Steckverbindern nach DIN 41612 neue Anwendungsbereiche in der Elektronik. Die Norm beschreibt Steckverbinder für Leiterplatten und Baugruppenträger. Ende der 1970er-Jahre begann schließlich die Expansion mit eigenen Auslandsgesellschaften. Hinzu kamen Lösungen für größere Platinen. In den 1980er-Jahren wurde auch durch neue Materialien die Robustheit vieler Baugruppen erhöht, wobei Harting jeweils stets auch neue Stecker, Buchsen, Gehäuse und weitere Bauteile anbot.

Allein in der Sparte der industriellen Rechtecksteckverbinder führt Harting aktuell mehr als 480 Han‑Module, unterteilt in Teile mit Eignung bis 10 Ampere sowie von 16 bis 400 Ampere, Datenübertragungs-Module und weitere Modulsorten. Dabei setzt Harting auf einzelne Bauteile, aus denen die Industriekunden individuelle Gesamtsteckerlösungen zusammensetzen können. Dies ist seit 2018 auch direkt auf der Unternehmenswebsite durch den firmeneigenen Online-Konfigurator möglich.

Familienmitglieder als Kern für den Erfolg

Wir blicken nun noch auf die Personen, die bei der Geschichte von Harting eine entscheidende Rolle spielen. Allen voran sind dies Wilhelm Harting und seine Frau Marie, die das Unternehmen 1945 gründeten, sowie in der Nachfolge weitere Familienmitglieder, die dafür sorgten, dass Harting nicht nur wuchs, sondern noch immer ein Familienunternehmen ist.

Wilhelm Harting wurde am 15. Juni 1908 geboren, verstarb aber schon 1962 im Alter von nur 53 Jahren. Für fünf Jahre übernahm Marie Harting daraufhin die Unternehmensführung, bis 1967 ihr Sohn Dietmar nach einem Studium der Elektrotechnik und Wirtschaftswissenschaften mit Abschluss als Diplom-Kaufmann in das Familienunternehmen einstieg. Damals überschritt Harting die Marke von 1.000 Mitarbeitern.

Dietmars jüngerer Bruder Jürgen kam 1969 als Diplom-Ingenieur noch mit ins Boot, sodass fortan drei Familienmitglieder die Geschicke des Unternehmens leiteten. Jürgen Harting, der für die technischen Produktbereiche der Firma zuständig war, kam allerdings 1973 im Alter von nur 32 Jahren ums Leben. 1989 verstarb schließlich auch Marie Harting, und zwar im Alter von 77 Jahren. Zwei Jahre zuvor war bereits Margrit Harting, die Ehefrau von Dietmar Harting, zur Geschäftsleitung dazugestoßen. Sie öffnete das Unternehmen bezüglich neuer Marktsegmente sowie der Außenwirkung inklusive eines moderneren und freundlicheren Auftretens.

Weitere Generationen festigen die Marktposition

In der Phase, in der das Ehepaar Dietmar und Margrit Harting in die Hauptverantwortung kam, wuchs auch deren 1974 geborener Sohn Philip auf. Er machte von 1995 bis 1998 eine Ausbildung zum Industrieelektroniker. Von 1998 bis 2005 studierte er zudem Wirtschaftsingenieurwesen sowie Betriebswirtschaftslehre. Nach dem Studium trat er bei Harting ein und übernahm 2015 schließlich von seinem Vater Dietmar den Vorstandsvorsitz. Dietmar Harting war zuvor neben der Unternehmensleitung auch anderweitig engagiert. Er war unter anderem bezüglich der Repräsentation deutscher Industrieunternehmen im Ausland unterwegs, auch berufen von den Bundeskanzlern Helmut Kohl und Gerhard Schröder. Zudem erhielt er zusammen mit seiner Frau Margrit im Jahr 1998 das Bundesverdienstkreuz am Bande, im Jahr 2009 folgte das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.

Nicht vergessen wollen wir Maresa Harting-Hertz, die 1977 geborene jüngere Schwester von Philip Harting. Sie studierte wie ihr Bruder ebenfalls Betriebswirtschaftslehre. Nach einer Anstellung als steuerliche Beraterin in Berlin kam sie 2007 zurück nach Nordrhein-Westfalen und trat bei Harting in eine leitende Position ein und gehört dem Vorstand an. Zunächst war sie für Finanzen und Einkauf zuständig, heute verantwortet sie den globalen Einkauf, das Facility Management und das internationale Steuermanagement.

Alles in allem zeigt die Geschichte der Familie Harting, wie ein erfolgreiches Familienunternehmen über viele Jahrzehnte wachsen kann, und das basierend auf einer eigentlich eher simplen Idee, nämlich Steckverbindungen. Im Jahr 2022 wurde diese Konsistenz auch mit einer Auszeichnung belohnt: Das Informationsnetzwerk DDW (Die Deutsche Wirtschaft) setzte Harting auf Rang eins aller deutschen Mittelstandsunternehmen, wobei 10.000 Firmen mit in die Wertung genommen worden waren. (sb)

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