Seitenblicke Wie ein Atomkraftwerk verschwindet
Bis ein Atomkraftwerk aus der Landschaft verschwindet, vergehen oft Jahrzehnte. Der Abbau ist kompliziert, das Prozedere langwierig, die Kosten sind enorm. Der nach Fukushima beschlossene Atomausstieg und die gleichzeitige Stilllegung vieler Anlagen stellen die Betreiber vor gewaltige Probleme.
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Mit dem Ende der DDR kam auch das Aus für das örtliche Atomkraftwerk über Lubmin. Das Kraftwerk nahe Greifswald wurde aus Sicherheitsgründen abgeschaltet, denn die fünf Druckwasserreaktoren sowjetischer Bauart genügten den Anforderungen des bundesdeutschen Atomrechts nicht. Nur mit viel Geld hätte man sie umrüsten können. Im Dezember 1990 ging der letzte Block vom Netz.
Aus dem einstigen Betreiber, dem Kombinat Kernkraftwerke “Bruno Leuschner”, gingen die Energiewerke Nord GmbH (EWN) hervor. Ehemalige Mitarbeiter der Meiler in Lubmin und im brandenburgischen Rheinsberg sind seit Jahren damit beschäftigt, die Kraftwerke abzureißen. Denn inzwischen kümmert sich das Unternehmen um Stilllegung, Rückbau und Entsorgung von Kernkraftwerksblöcken.
16 Reaktoren werden in Deutschland derzeit stillgelegt. In den Monaten nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 nahm die Bundesregierung ihre Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke zurück und beschloss einen schrittweisen Atomausstieg bis 2022. Acht Reaktoren gingen sofort vom Netz.
Wobei die Zahlen schnell Verwirrung stiften: Landläufig gelten etwa die beiden Reaktoren im baden-württembergischen Philippsburg als ein Kraftwerk, rechtlich sind es aber zwei. Block 1 wurde 2011 abgeschaltet. Block 2 hingegen ist eines von neun Kraftwerken, die noch am Netz sind. Sie sollen in den nächsten sieben Jahren abgeschaltet werden: 2015, 2017 und 2019 jeweils eines, 2021 und 2022 jeweils drei.
Die Frage ist also hochaktuell: Wie baut man eigentlich ein Atomkraftwerk ab?
“Ob man sich schon beim Bau der Anlagen Gedanken darüber gemacht hat, dass sie irgendwann wieder zurückgebaut werden müssen, weiß ich nicht”, sagt Marlies Philipp, Ingenieurin und Sprecherin bei EWN. “Für unsere Anlage trifft das nicht in allen Fällen zu.” Zum Beispiel gab es in manchen Bereichen bereits eigens Luken in den Wänden für die Demontage. An anderen Stellen mussten Arbeiter für den Abbau dagegen erst solche Löcher in die Wände schneiden.
Mittlerweile ist das Verfahren in Deutschland erprobt. Es läuft in verschiedenen Phasen ab: Auf den normalen Betrieb folgt mit der Abschaltung einer Anlage der sogenannte Nachbetrieb. Erst danach kommt die Stilllegung, in der der eigentliche Rückbau beginnt. Am Ende steht die Entlassung aus der Atomaufsicht. Nach dem Gebäudeabbau ist schließlich jener Zustand erreicht, der als “grüne Wiese” umschrieben wird. Die Verantwortung für sämtliche Schritte des Abbaus liegt beim Betreiber.
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