Seitenblicke

Wie ein Atomkraftwerk verschwindet

Seite: 3/5

Anbieter zum Thema

Vor der Stilllegung stellt sich zudem eine zentrale Frage: Sofortiger Rückbau oder sicherer Einschluss mit späterem Abriss? Beim sicheren Einschluss entfernen Arbeiter zunächst Brennelemente und radioaktive Stoffe wie Kühlmittel oder Gase. Dann wird die Anlage versiegelt. In diesem Zustand bleibt das Kraftwerk meist für mehrere Jahrzehnte.

Dieses Vorgehen bietet die Vorteile, dass die radioaktive Belastung später geringer ist und sich die Technik in der Zwischenzeit fortentwickelt haben könnte. “Man lässt die Zeit für sich arbeiten”, sagt Hurtado. “Die Radionuklide zerfallen ja, und je länger diese hochkontaminierten Komponenten nicht angefasst werden, umso geringer ist der Aufwand für die Dekontamination.” Auch die noch immer ungeklärte Endlagerfrage könnte dann, so die Hoffnung, einer Lösung nähergekommen sein.

Allerdings werden die Mitarbeiter, die das Kraftwerk bis ins Detail kennen, nach Jahrzehnten womöglich nicht mehr arbeiten. Beim sofortigen Rückbau könnten sie dagegen noch helfen. Das zügigere Verfahren bietet zudem einen Sicherheitsvorteil: In der kürzeren Zeit ist die Gefahr geringer, dass ein unvorhergesehenes Ereignis wie etwa eine Naturkatastrophe auftritt. “Aus Risikosicht ist es besser, wenn die stark kontaminierten Teile bereits zerkleinert in Behältern vorliegen, vielleicht sogar möglicherweise schon in die Endlagerstätte gebracht werden”, meint Hurtado.

Den sicheren Einschluss wählte man etwa in Niederaichbach. Das bayerische Versuchskraftwerk bei Landshut wurde 1974 abgeschaltet, aber erst 1987 bis 1995 abgerissen. Es ist eines von drei Versuchskraftwerken in Deutschland, die inzwischen komplett rückgebaut sind.

Bis vor kurzem konnten Betreiber ihre Reaktoren einzeln nacheinander zurückbauen. Doch nach Fukushima ist die Situation eine andere: Gerade im Zuge der Energiewende werden sie für mehrere Standorte den sichere Einschluss wählen, glaubt Hurtado. “Für den einen oder anderen Reaktor wird uns wahrscheinlich nichts anderes übrig bleiben, denn es wird eine Herausforderung sein, so viele Anlagen dieser großen Leistungsklasse gleichzeitig zurückzubauen. Wenn wir bedenken, dass wir dafür auch die entsprechende Logistik brauchen, um diese Mengen entsprechend lagern zu können, ist ein sofortiger Rückbau von allen Anlagen gleichzeitig schwierig.”

In Lubmin entschied sich EWN noch für den sofortigen Abbau. 24 Jahre nach Abschaltung des Kraftwerkes ist der Rückbau der fünf Druckwasserreaktoren in der Endphase. Bislang wurden 1,8 Millionen Tonnen Abfall entsorgt.

(ID:43257175)