Ausnahmen für Halbleiter - oder doch nicht? Trump-Zölle stiften Verwirrung im Halbleitermarkt

Aktualisiert am 09.04.2025 Von Sebastian Gerstl 8 min Lesedauer

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Nach der massiven Erhebung sogenannter reziproker Zölle hieß es von Seiten der USA noch, dass es für den Halbleitermarkt Ausnahmen geben sollte. Doch die vom Weißen Haus veröffentlichte Liste schließt einen Großteil moderner Chips und Fertigungstechnologien nicht mit ein. Mehr noch: Der US-Präsident liebäugelt weiter mit Sonderzöllen auf Halbleiter.

Erst kommen generelle Zölle, dann wieder Ausnahmen für Halbleiter - und prompt die Drohung neuer Einfuhrgebühren. Auch wenn die US-Regierung nach den am 2. April verkündeten reziproken Zollgebühren Ausnahmen für den Chipmarkt versprochen hatte, stellt sich bei näherer Betrachtung heraus, dass bei einem Hersteller wie Nvidia nur eines von fünf Produkten von den neuen Zöllen befreit ist. Und gleichzeitig liebäugelt der US-Präsident immer noch mit Sondererhebungen für den Halbleitermarkt...(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Erst kommen generelle Zölle, dann wieder Ausnahmen für Halbleiter - und prompt die Drohung neuer Einfuhrgebühren. Auch wenn die US-Regierung nach den am 2. April verkündeten reziproken Zollgebühren Ausnahmen für den Chipmarkt versprochen hatte, stellt sich bei näherer Betrachtung heraus, dass bei einem Hersteller wie Nvidia nur eines von fünf Produkten von den neuen Zöllen befreit ist. Und gleichzeitig liebäugelt der US-Präsident immer noch mit Sondererhebungen für den Halbleitermarkt...
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Die jüngsten Importzölle der Trump-Regierung sorgen in der globalen Elektronikbranche für Unruhe – trotz scheinbarer Ausnahmen für Halbleiterprodukte. Während Washington offiziell betont, dass viele Halbleiter von den neuen Zöllen verschont bleiben, zeigt sich bei näherem Hinsehen: Der Teufel steckt im Detail. Die unübersichtlichen Ausnahmeregelungen, mögliche Nachrüstungen und unklare Klassifizierungen von Komponenten belasten Hersteller, Zulieferer und Endkunden gleichermaßen. Dabei werden nicht nur eigentlich Verbündete oder technologisch nahestehende Gebiete wie Taiwan, Japan und die Niederlande hart getroffen: Selbst die US-Chipindustrie, deren Wachstum eigentlich Ziel der Maßnahmen ist, sieht sich zunehmend ausgebremst.

Ausnahmen mit Haken

Zwar atmeten viele US-Techfirmen zunächst auf, als das Weiße Haus erklärte, Halbleiter würden von den neuen Importzöllen ausgenommen. Nach der Ankündigung der Zölle veröffentlichte das Weiße Haus eine Liste der Produkte, die nach eigenen Angaben nicht betroffen sind - darunter auch eine Reihe an Halbleiterprodukten. Doch bei näherer Betrachtung dieser Liste wird klar: Diese Ausnahme gilt nur für einen recht überschaubaren Anteil an digitalen Bauelementen, beispielweise einzelne Transistoren, Dioden oder Operationsverstärker. Fortschrittlichere Produkte wie etwa Server für Künstliche Intelligenz, Lithografieanlagen zur Chipherstellung, SoCs oder ein Großteil der auf dem Markt erhältlichen Graphic Processor Units (GPUs) fallen dagegen nicht unter die Ausnahmen – und werden damit erheblich teurer. Analysten wie Stacy Rasgon von Bernstein Research sprachen gegenüber dem Wired-Magazin bereits von einem „gemischten Effekt“, der für viele Unternehmen eher nachteilig sei.

Wie sich diese Einschränkungen auswirken, lässt sich am besten am Chiphersteller Nvidia ablesen, dessen maßgeblich von GPU betriebenes Portfolio in den letzten Jahren durch den KI-Boom stark beflügelt worden war. Viele ihrer Produkte, darunter das für KI-Training essenzielle DGX-System, unterliegen nun Zöllen von bis zu 40 Prozent. Nvidia verlor seit Jahresbeginn rund ein Drittel seines Börsenwerts – eine direkte Folge der Unsicherheit.

Zölle auf Equipment: Ein Bumerang für die USA

Besonders problematisch ist die Tatsache, dass auch das Equipment zur Halbleiterfertigung nicht von den Zöllen ausgenommen ist. Hochspezialisierte Lithografiemaschinen – meist aus den Niederlanden (ASML) oder Japan (z.B. Litho Tech, Rapidus) – sind davon betroffen. Ohne diese Maschinen ist kein wettbewerbsfähiger Ausbau der US-Chipproduktion möglich. Zwar existieren in den USA auch Hersteller von Anlagen für die Halbleiterproduktion, beispielsweise LAM Research. Gerade wenn es aber um hochfortschrittliche Maschinerie für die derzeit modernsten Technologieknoten geht, beispielsweise EUV-Lithografie (Extreme Ultraviolet Lithography), befinden sich die US-Amerikanischen Anbieter derzeit eher im Hintertreffen - oder sind nicht in der Lage, einen sprunghaft steigenden Bedarf in kurzer Zeit aufzufangen. So ließ Intel erst kürzlich seine Anlagen in Oregon mit Fertigungstechnologie von ASML ausstatten, um den Risikobetrieb seines fortschrittlichsten Intel 18A Fertigungsprozess aufnehmen zu können.

Unternehmen wie Branchenverbände befürchten, dass hierdurch die Rückverlagerung der Halbleiterproduktion in die USA, wie sie der CHIPS-and-Science-Act vorsieht, erheblich behindert wird. Experten sprechen von einem klassischen Dilemma: Während die US-Regierung mit diesen Maßnahmen die Absicht verkündet, bestimmte heimische Branchen zu schützen, werden durch eben diese Maßnahmen gleichzeitig andere Glieder derselben Lieferkette massiv geschwächt.

Besonders hart trifft es den Sektor für Künstliche Intelligenz. Die meisten Ausnahmen auf Halbleiterprodukte treffen nur auf die einzelne Bausteinebene zu. Doch Produkte wie Hochleistungs-GPUs, die in Rechenzentren zum Einsatz von KI-Modellen zum Einsatz kommen, sind meist bereits in komplette Systeme verbaut, ehe sie in den USA für den Einsatz ankommen. Doch eben diese Endprodukte fallen nun unter die neuen Importzölle und erhalten keine Ausnahmeregelung.

Der angestrebte Ausbau des High-End-Technologiemarkts wird hier besonders schwer getroffen. Das könnte nicht nur den Bau neuer Rechenzentren verlangsamen, sondern auch die Entwicklung von Schlüsseltechnologien wie Cloud Computing, Quantencomputing und militärischen Anwendungen behindern. Auch Embedded-Systeme könnten ähnlich getroffen werden, sind Elemente wie System-on-Chips (SoCs), Compute-Module oder Industrie-PCs ebenfalls in den Ausnahmeregelungen enthalten.

Unklare Einordnung schafft Chaos

Ein weiteres Problem: Die Anwendung der Zölle orientiert sich am sogenannten Harmonized Tariff Schedule (HTS), einem komplexen System zur Wareneinordnung. Doch viele Produktkategorien sind in der Praxis schwer abzugrenzen. So entschied der US-Zoll 2020, dass zwei Nvidia-GPUs nicht unter die vorteilhafte - und von den neuen Zollbestimmungen ausgenommene – Kategorie HTS 8542.31 (Electronic integrated circuits: processors and controllers) fallen. Statt dessen werden sie unter der Kategorie 8473.30 (Parts and accessories of automatic data-processing machines or for other machines) eingestuft. Diese unterlag bereits zuvor höheren Einfuhrgebühren und fällt auch nicht unter die neuen Ausnahmeregelungen.

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Das Beispiel zeigt: Selbst bei scheinbar klaren Ausnahmeregelungen herrscht große Unsicherheit. Bei über 1.300 gelisteten Nvidia-Produkten sind weniger als 20 Prozent von den Zöllen befreit, wie aus den eigenen Klassifizierungen des Unternehmens hervorgeht. Für Hersteller bedeutet das: Jeder Import ist mit zusätzlichem bürokratischen Aufwand und potenziellen Kostenrisiken verbunden.

Taiwan und weitere US-Verbündete unter Druck

Auch Amerikas wichtigste Verbündete leiden unter den neuen Maßnahmen. Taiwan, Heimat des weltgrößten Auftragsfertigers TSMC, muss auf die meisten seiner Exporte in die USA nun 32 Prozent Zoll zahlen. Nur rund 10 Prozent der taiwanischen US-Exporte – nämlich reine Halbleiter – sind von den Zöllen ausgenommen. Server und ICT-Komponenten, die in den USA dringend benötigt werden, fallen nicht darunter.

Taiwans Präsident Lai Ching-te traf sich deshalb kurzfristig mit führenden Tech-Managern, darunter mutmaßlich auch TSMC und Foxconn, um über die Folgen der US-Zölle zu beraten. Das Land kündigte Angaben von Reuters und Bloomberg zufolge ein Hilfspaket in Höhe von 2,67 Milliarden Dollar an, mit denen von den erhöhten Zollgebühren durch Subventionen unterstützt werden sollen, um die entstehenden Mehrkosten aufzufangen – ein klares Zeichen für die Tragweite der Maßnahmen. Ferner versucht der Inselstaat, auf dem Verhandlungsweg die neu auferlegten Hürden zu beseitigen: Wie Reuters meldet hat Präsident Lai Ching-te am Sonntag angekündigt, eine gegenseitige komplette Aufhebung von Zöllen als Grundlage für Gespräche mit den USA anzubieten. Als Versprechen für die Verhandlungen bot er an, Handelsschranken zu beseitigen anstatt Gegenmaßnahmen zu ergreifen, und erklärte, dass taiwanesische Unternehmen ihre Investitionen in den USA erhöhen werden.

Südostasien verliert an Attraktivität

Eine weitere Ironie der neu erhobenen Zölle: Hatte die US-Handelspolitik der letzten Jahre verfolgt, seine Lieferketten unabhängiger von China zu machen, haben die neu erhobenen reziproken Zölle wahrscheinlich den genau gegenteiligen Effekt. Wegen der seit 2016 verstärkten Handelsschranken gegenüber der Volksrepublik haben viele US-amerikanische Firmen ihre Produktionsstätten in Südostasien verstärkt in Länder wie Vietnam oder Thailand verlagert. Nun soll nach den neuen Erhebungen Vietnam mit einem neuen „reziproken“ Zoll von 46% veranschlagt werden, Thailand mit 36%. China hingegen, dass bereits über eine wesentlich bessere technologische Infrastruktur verfügt, wird „nur“ mit einem Zoll von 34% versehen. Das macht eine Verlagerung der Produktion aus China heraus unattraktiv und erhöht die bestehende Abhängigkeit nur noch weiter.

(Update vom 8.4.): China reagierte auf die Ankündigung mit reziproken Zöllen, dass auf amerikanische Waren fortan ebenfalls ein Gegenzoll von 34% erhoben werden würde. Trump konterte daraufhin erneut: Im Laufe des 8. Aprils verkündete er, dass auf China ein zusätzlicher Zoll von 50% aufgeschlagen werde. Zusammen mit den Strafzöllen von 20%, die bereits zu Jahresbeginn gegen die Volksrepublik in den USA eingeführt wurde, liegt der Zollsatz auf chinesische Waren damit bereits bei zusätzlichen 104%.

Bedeutet das nun, dass eine Produktion in Südostasien, einst das attraktive Land für günstige Elektronikfertigung, sich aus amerikanischer Sicht zunehmend weniger rechnet? Einerseits ja: Zwar kommen alternative Standorte wie Malaysia (neue Zölle von 24%) oder Indien (26%) in dieser Vergleichsrechnung noch Vergleichsweise glimpflich davon. Die Produktion würde sich aber trotzdem noch erheblich verteuern, wie Analysten anhand des aktuellen iPhone-Spitzenmodells vorgerechnet haben, dessen Endfertigung derzeit zum Teil in Indien und mit Komponenten aus Taiwan erfolgt: Der Preis eines aktuellen iPhone Pro High-End-Modells könnte demnach von 1.600 US-Dollar auf 2.300 US-Dollar steigen.

Andererseits: Selbst wenn die Endfertigung in den USA erfolgt, müssten in vielen Bereichen weiterhin Komponenten und Materialien aus dem Ausland bezogen werden. Ein gutes Beispiel hierfür wären etwa Seltene Erden oder die bereits erwähnten Fertigungsanlagen, aber auch Halbleiter- und Speicherprodukte aus Japan, Südkorea oder Taiwan. Selbst Speicherhersteller Micron, selbst ein US-Unternehmen, fertigt seine Produkte zum größten Teil in Ländern wie China, Taiwan, Japan, Malaysia und Singapur. Je nach Ursprungsland müssten hierfür unterschiedliche Zölle aus unterschiedlichen Regionen berechnet werden. Für viele fertigende Unternehmen ist es daher am Ende günstiger und mit weniger Aufwand verbunden, ihre Produkte weiterhin im Ausland zu fertigen - und nur das Endprodukt in die USA zu importieren. Wo es in jedem Fall mehr kosten wird. Dem Ziel, mehr Fertigung in die Vereinigten Staaten zurückzuholen, wirken diese flächendeckenden Zölle in solchen Fällen also genau entgegen.(/Ende des Updates)

Jason Hsu, ehemaliger taiwanischer Parlamentarier und Senior Fellow am Hudson Institute, warnt vor „chaotischen Zuständen“ in den globalen Lieferketten. Der Versuch, die Industriepolitik mit Strafzöllen zu steuern, könne „langfristige und schmerzhafte Konsequenzen“ nach sich ziehen.

Widersprüchliche Kommunikation stiftet Chaos

Für zusätzliche Verunsicherung sorgt dabei einmal mehr die widersprüchliche Kommunikation aus dem Weißen Haus und von Präsident Donald Trump selbst. Der US-Präsident hatte schließlich bereits Ende Januar angekündigt, auf Halbleiter aus dem Ausland potentielle Zölle von 25, 50 oder sogar 100 Prozent. erheben zu wollen. Während nun das Weiße Haus zumindest auf einige Halbleiter-Produkte die genannten Ausnahmen verkündete, polterte Trump auf einer Pressekonferenz am 3. Tag gegenüber Reportern, dass seine versprochenen Halbleiterzölle „schon sehr bald“ kommen werden - nur einen Tag nach der Verkündung der flächendeckenden reziproken Zölle und der vom Weißen Haus angekündigten Ausnahmeliste. Dasselbe gilt für den Pharmasektor. Während weitere Details noch ausstehen, sorgte die Ankündigung alleine schon für große Nervosität bei Unternehmen und Investoren - und ließ den Börsenkurs einziger Tech-Lieblinge aus den USA weiter abstürzen.

Dies schaffe, wie Handelsexperte Mark Wu von der Harvard Law School gegenüber Wired aussprach, ein „unberechenbares Umfeld“, das Planungen nahezu unmöglich mache. Vor allem mache all dies die Aussicht auf Gegenmaßnahmen von Handelspartnern, die sich durch die US-Zölle benachteiligt sehen, nur noch wahrscheinlicher.

Was als Schutzmaßnahme für die heimische Industrie gedacht war, droht zum Hemmschuh für genau jene zu werden. Die US-Halbleiterindustrie steckt mitten in einem Umbruch, angetrieben von geopolitischen Spannungen, technologischem Wandel und einem globalen Investitionsboom. Doch anstatt Planungssicherheit zu schaffen, befeuert die neue Zollpolitik Unsicherheit – und gefährdet das Ziel, die USA als führenden Chipstandort zu etablieren.

Für Hersteller, Zulieferer und Entwickler in der Elektronikbranche bedeutet das: Noch mehr Komplexität, höhere Kosten – und vor allem weniger Verlässlichkeit. In einem Markt, der auf Tempo, Skalierbarkeit und globale Netzwerke angewiesen ist, könnte genau das zur größten Schwäche werden.(sg)

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