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Ist Reshoring ferner Traum oder bald reale Notwendigkeit?

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Denkansätze – Sie benötigen eine 10-Jahres-Strategie

Die Bereiche „Beschaffung“ und „Produktion“ müssen neuen Bedingungen angepasst werden. Während früher der Ansatz war, die eigene Produktion zu verschlanken, müssen jetzt aber strategische Überlegungen für die nächsten Dekaden angestellt werden. Welcher Standort (in der Nähe des Marktes oder des Zulieferers) ist optimal, welche politischen oder wirtschaftlichen Risiken bestehen kurz- und mittelfristig bzw. sind langfristig nicht auszuschließen und wie sind diese zu bewerten. Daneben ist die rechtliche Sicherheit und die Unkompliziertheit der Geschäftsabwicklung von Bedeutung. Wenn es auch Länder gibt, die von ihren Lohnkosten abschrecken, so ist das Reservoir von gut ausgebildeten Fachkräften gewichtiger.

Außerdem ist einem veränderten Kundenverhalten Rechnung zu tragen. Stand noch vor wenigen Jahren die „Geiz-ist-geil-Mentalität“ im Vordergrund, so wird das jetzt zum Bumerang, weil neue Faktoren hinzukommen. Als Berichte über die Arbeitsbedingungen bei Foxconn bekannt wurden, fiel das sofort auf den Auftraggeber Apple zurück. Seit in Bangladesch die Textilfabriken brannten,

wurde plötzlich nach dem Herstellungsland auf dem Bekleidungsetikett gesucht. Es entwickelt sich also ein neues Bewusstsein bei den Verbrauchern. Andererseits erwarten die Konsumenten sofortige Belieferung, wenn sie die Kaufentscheidung treffen. Es ist also künftig nicht unbedingt das günstigere sondern das schneller verfügbare Produkt, welches den Wettbewerbsvorteil ausmachen wird.

Das bedingt aber neue Strukturen für Lieferkette, Produktion und Markt. Das Konzept eines „Welt-produktes“, das für alle Kontinente und Länder identisch ist, hat sich nur in Ausnahmefällen durchgesetzt. So sind z. B. deutsche Maschinen für chinesische Bedürfnisse vielfach zu komplex, manche Merkmale werden nicht gebraucht und daher auch nicht honoriert. Eine regionale Diversifizierung macht dagegen deutlich, dass sich der Hersteller mit den Bedürfnissen seiner Abnehmer auseinandergesetzt hat (und dabei auch den Verkaufspreis seiner Maschine neu berechnen kann).

Dies wird durch kurze Wege möglich, die engere Zusammenarbeit und Informationsaustausch zwischen Lieferanten und Abnehmern ergeben. Daraus folgen Innovationen, mit denen Wettbewerbs-vorteile geschaffen und ausgeschöpft werden. Regionale oder sogar kundenspezifischere Produkte können schneller angeboten werden und auf Bedarfsschwankungen kann flexibler reagiert werden.

Also wird die Nähe zum Absatzmarkt bedeutsamer, ist aber nicht sofort umsetzbar. Wie die Entwicklung in China zeigt, dauerte es Jahrzehnte, bis eine solide Lieferantenbasis und neue Netzwerke aufgebaut wurden. Daher ist es schwierig, eine Produktion in großem Stil kurzfristig aus China zu verschieben. Ein wichtiger Punkt kommt hinzu: während vor Jahren die Firmeninhaber vom Gedanken der Verlagerung überzeugt waren und dieses „Offshoring“ finanziell und personell vorantrieben, hat heute der chinesische Hersteller wohl kaum Interesse daran, dass seine Arbeit wieder zurückverlagert wird. Eine solche Unterstützung wäre nur dann gegeben, wenn der chinesische Betrieb selbst einen Standort in Europa oder Amerika sucht.

In Nordamerika wird jeder neue Produktionsbetrieb ausgiebig in den Medien gefeiert. Dabei wird jedoch übersehen, dass Arbeiten, die früher schlecht ausgebildete Hilfskräfte in Amerika erledigten, mehr und mehr exportiert wurden. Etwa 5,8 Millionen Arbeitsplätze gingen verloren, ein großer Teil davon durch Abwanderung, aber es kamen bislang nur wenige tausend zurück. Ein neu aufzubauender Standort hat außerdem den nicht zu unterschätzenden Nachteil, dass das Personal mit Wissen und Erfahrung nicht mehr vorhanden ist.

Die Fachleute von damals sind im Ruhestand, Nachwuchs wurde nicht mehr ausgebildet. Es fehlt geschultes Personal, welches die weiterentwickelten Maschinen bedienen könnte. Einmal verloren gegangene Fähigkeiten benötigen viele Jahre, um erneut aufgebaut zu werden. Die Globalisierung hat durch die Zersplitterung der Arbeitsschritte und deren Verteilung auf mehrere Kontinente das Basiswissen der Branche zerstört.

Nicht nur in der Leiterplattenindustrie, auch die Herstellung anderer Komponenten oder der Bau-gruppen sind davon betroffen. Der Designer oder der Qualitätsbeauftragte kann den Fachmann an der Produktionslinie nicht mehr fragen, die Rückkopplung von Informationen fehlt und so werden Probleme oft über mehrere Gerätegenerationen fortgeschrieben, bis sie – falls überhaupt – gelöst werden können.

Es gibt bislang kein Land, das die Rolle Chinas übernehmen könnte

Um das Thema zusammenzufassen: Die anstehenden Veränderungen in China werden Firmen zur Reaktion zwingen. Aber es gibt bislang kein Land, das die Rolle Chinas übernehmen könnte. Des-halb wird das Land seinen Spitzenplatz noch lange behalten, weil dort die Lieferkette vorhanden und Erfahrungen entwickelt worden sind. Reshoring wird daher wohl nur für einige Industrien in einigen Regionen wahrscheinlich, aber die Elektronik bietet sich dafür an. In den USA fehlen Fachkräfte mit Erfahrung (moderne Maschinen kann man kaufen, Erfahrung nicht). In Europa ist es nicht ganz so kritisch, weil die Ausbildung besser ist und es kein Hire & Fire gibt, was Fachwissen zerstört.

Eine Regionalisierung, d.h. Produktionsstätten „in der Nähe“, sind definitiv ratsam und Verfügbarkeit muss das Zentralthema sein. Das ist aber nur zu gewährleisten, wenn das Risiko auf mehrere Lieferanten verteilt wird. „Billig“ wird durch „verfügbar“ verdrängt – besser noch durch „regional angepasst verfügbar“.

Es ist also noch ein sehr langer Weg, bis die jetzt entstehenden Träume Realität werden können. Wie aber die Vergangenheit zeigt, werden Entwicklungen durch nicht vorhergesehene Ereignisse beschleunigt und eine etablierte Routine wird „zum Glück gezwungen“.

* Michael Gasch von Data4PCB ist Experte für Fragen zur europäischen Leiterplattenproduktion und kennt durch langjährigen Aufenthalt die asiatische Kultur.

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