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Grundstücke gehören dem Staat und können allenfalls gepachtet werden. Die noch vor wenigen Jahren so willkommenen Fabriken wurden seinerzeit in Vororten gebaut, um bequemen Zugang für die Arbeiter zu bieten. Da eine auf Dekaden ausgelegte Stadtplanung damals aber nur in Ansätzen vorhanden war, liegen die Fabriken heute in Wohngebieten und sind für die Anwohner – aufgrund fehlender Filter- und Reinigungsanlagen – inzwischen zum Ärgernis geworden. Daher ist es nicht überraschend, wenn Firmen aufgefordert werden, die Produktion zu verlagern, am besten weit vor die Stadt.
Westliche Verbraucher haben sich in vielen Jahren daran gewöhnt, dass genügend Lieferanten um den Bedarf kämpfen und sich dabei gegenseitig unterbieten. Ein zunächst zur fortlaufenden Verbesserung geplanter Prozess, bei dem die erzielten Einsparungen geteilt werden sollten, verkam schon nach kurzer Zeit zum Preisdiktat des wirtschaftlich stärkeren Unternehmens. Durch dieses kurzsichtige Verhalten mussten viele Hersteller in Nordamerika und Europa schließen. Von 1990 bis 2013 gingen in der europäischen Leiterplattenindustrie 73% aller Betriebe verloren, eine Entwicklung, die der EMS-Industrie voraussichtlich noch bevorsteht.
Der Trend zum Reshoring trifft hier auf sehr dünne Basis
Der jetzt einsetzende Trend, dass eine Rückverlagerung (Reshoring) aus Asien zumindest nicht mehr ausgeschlossen wird, trifft allerdings auf eine sehr verdünnte Basis. Großabnehmer haben die früher übliche Praxis, einen Ausweichlieferanten zu haben, aufgegeben, um ein stärkeres Druckmittel bei Preisverhandlungen zu haben. Wie zu vermuten war, dürfte sich das jetzt als fatal erweisen, wenn z. B. noch mehr chinesische Betriebe von wirtschaftlichen oder technischen Problemen, Zwangsschließungen oder Naturereignissen betroffen werden.
Wenn wirtschaftlich schwache Unternehmen nicht mehr um jeden Preis gehalten werden, kommt es vermehrt zu Insolvenzen. Daher ergeben sich kurzfristig Versorgungslücken, denn oft wurden die in Europa verbliebenen Unternehmen nur in Notsituationen mit Aufträgen – aber meist nur auf fernöstlichem Preisniveau – bedacht. Sobald sich die Lage in Asien wieder änderte, waren diese Aufträge wieder verschwunden.
Wegen fehlender regelmäßiger Aufträge suchten sich die verbliebenen Unternehmen neue Abnehmer und Branchen. Wurden im Jahr 2000 nur 23% der in Europa gefertigten Leiterplatten in die Industrie-Elektronik geliefert, sind es inzwischen > 60%. Zwar ist das absolute Niveau nur um 2% gewachsen, doch ist die europäische Gesamtfertigung nunmehr auf etwas mehr als einem Drittel des damaligen Volumens zurückgefallen. Damit wird es immer weniger wahrscheinlich, dass in einem gravierenden Engpass ein europäischer Lieferant einspringen kann.
Eine Rückverlagerung trifft außerdem auf grundsätzliche Überlegungen: Ist sie wirtschaftlich, gibt es einen lokalen Markt und ist sie durchführbar? Wahrscheinlich hätten mehr Projekte ein Potential, wenn wirklich alle Zusatzkosten in die „billigen Einkäufe“ eingerechnet würden. Meist werden nur Einkaufspreise und Transportkosten addiert und das Ergebnis wird mit heimischen Beschaffungskosten verglichen.
Gesamtkosten gehen weit über Preise und Transport hinaus
Für eine echte Ermittlung der Gesamtkosten müssten sehr viel mehr Faktoren in diese Rechnung einbezogen werden. Dazu gehören zusätzliche Qualifikations- und Überwachungskosten, längere Transportwege, eine unflexible Terminplanung, aufwendiges Betreuungsmanagement, Kommunikations- und Reisekosten, um nur einige zu nennen. Alle genannten Einzelkosten sind für sich genommen sicherlich nicht erheblich, in Summe gleichen sie aber oft den vordergründigen Einkaufsvorteil wieder aus.
Höhere Energiekosten sowie niedrige Automatisierung und Produktivität sind weitere Nachteile, die vermehrt nur dann in Kauf genommen werden, wenn für den lokalen oder regionalen Markt produziert wird.
In allen Verlagerungsüberlegungen standen und stehen fast immer die (niedrigen) Lohnkosten im Vordergrund, doch ist der Lohnanteil in den meisten Produkten geringer als angenommen. Seit 2008 verdoppelten sich die Löhne in China und qualifizierte Mitarbeiter sind immer schwerer zu finden. Nach dem Chinesischen Neujahr (Januar oder Februar) kommen viele Mitarbeiter nicht mehr zurück. Die Notebook-Fertigung in Chongqing musste dieses Jahr die fehlenden Arbeiter durch Studenten ersetzen, trotzdem konnten die vorliegenden Bestellungen nur zu 60% ausgeführt werden.
Ein anderes, kostenmäßig unterschätztes Problem sind Naturereignisse (u. a. Vulkanausbrüche, Erdbeben, Vogelgrippe, Überschwemmungen). Meist ist die Haltung vieler Einkäufer bestenfalls „es wird mich schon nicht treffen“. Gleiches trifft auf politische Entscheidungen zu. Wenn die Währung aufgewertet oder überraschend eine Exportsteuer erhoben wird bzw. Gesetze rückwirkend erlassen werden, ist das Risikomanagement vieler Firmen im Hinblick darauf meist unterentwickelt und nicht vorbereitet.
Schließlich sind die viel zu selten beachteten Kulturunterschiede zwischen Geschäftspartnern Auslöser für den Abbruch der Beziehungen. Während Europäer nach einer Diskussion auf der kompletten Umsetzung der Ergebnisse beharren, sind genau diese Ergebnisse für Asiaten zunächst eine Diskussionsgrundlage, die man in gegenseitiger Harmonie umsetzt – oder auch nicht. So kann es durchaus sein, dass der Europäer der Ansicht ist, dass feste Vereinbarungen gebrochen wurden, der Asiate dies aber nicht so sieht und daher dem Abnehmer nach mehreren Beanstandungen lapidar mitteilt: „sorry, we stopped this item“.
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