US-Chiphersteller schlagen Alarm Intel, TI, Micron und Qualcomm fordern Aussetzung geplanter Halbleiterzölle

Von Sebastian Gerstl 3 min Lesedauer

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Vier der führenden US-Halbleiterunternehmen – Intel, Micron, Qualcomm und Texas Instruments – haben sich geschlossen gegen die von der US-Regierung unter Präsident Trump geplanten Importzölle auf Halbleiterprodukte ausgesprochen.

Noch unter der Biden-Regierung hatte Speicherhersteller Micron geplant, bis zu 100 Mrd. US-Dollar in den Aufbau der wohl größten Speicher-Fab der USA im Bundesstaat New York zu investieren. Diese Pläne stehen nun durch die drohenden Halbleiterzölle auf der Kippe.(Bild:  Micron)
Noch unter der Biden-Regierung hatte Speicherhersteller Micron geplant, bis zu 100 Mrd. US-Dollar in den Aufbau der wohl größten Speicher-Fab der USA im Bundesstaat New York zu investieren. Diese Pläne stehen nun durch die drohenden Halbleiterzölle auf der Kippe.
(Bild: Micron)

Im Mittelpunkt der Kritik stehen die geplanten Zölle von 25 Prozent oder mehr auf importierte Chips, Materialien und Fertigungsausrüstung. Die Unternehmen betonen zwar ihre Unterstützung für das Ziel, die Halbleiterfertigung in den USA zu stärken, sehen in den Tarifen jedoch ein kontraproduktives Signal. „Politik sollte Investitionen fördern, nicht behindern“, schreibt Intel und verweist auf seine milliardenschweren Expansionspläne für Fertigungsstandorte in den USA.

Fehlende Ausrüstung und Abhängigkeit von globalen Lieferketten

Micron, derzeit der einzige nennenswerte US-Hersteller von Speicherchips in großem Maßstab, gibt an, dass das Unternehmen in großem Maße auf importierte Fertigungsausrüstung und Rohstoffe angewiesen sei. Viele für die Speicherentwicklung und -herstellung notwendigen Ausrüstungen müssen aus dem Ausland bezogen werden, da in den US hierfür keine hinreichenden Kapazitäten oder Spezialisten existieren. Ohne Ausnahmeregelungen würden Wettbewerbsnachteile entstehen – gerade gegenüber ausländischen Anbietern, die keiner vergleichbaren Abgabenlast unterliegen.

Qualcomm, als eines der weltweit führenden Fabless-Unternehmen besonders stark von internationalen Fertigungspartnern abhängig, sieht darüber hinaus die globale Lieferkette in Gefahr. Tarife auf Vorprodukte und Chips könnten nicht nur die eigene Wettbewerbsposition schwächen, sondern auch zu Gegenmaßnahmen anderer Staaten führen. Der Konzern sieht insbesondere seine Rolle in der Entwicklung von 5G-, 6G- und KI-Technologien gefährdet.

Selbst Texas Instruments, dass im kompletten Gegensatz zu Qualcomm als eines der wenigen weltweit operierenden Halbleiterunternehmen auf eine durchgängige vertikale Integration von der Chip-Entwicklung bis hin zur eigenen Endfertigung inklusive Packaging setzen kann, schlägt in dieselbe Kerbe: Die Stärkung der US-Fertigung müsse Hand in Hand mit internationaler Wettbewerbsfähigkeit gehen. Tarife auf Vorprodukte und Komponenten könnten diese Balance zerstören und die Flexibilität amerikanischer Hersteller gefährden – mit Risiken für sowohl ökonomische als auch nationale Sicherheit.

Intel positioniert sich mit besonderer Deutlichkeit: Als eines von weltweit nur drei Unternehmen, die führende Fertigungsprozesse für High-End-Chips beherrschen, sieht sich Intel in einer Schlüsselrolle für Amerikas technologische Souveränität. In seiner Stellungnahme warnt das Unternehmen davor, dass unüberlegte Zollmaßnahmen diese Führungsposition gefährden könnten. Entscheidend sei, dass die Ursprungsregelungen für Importgüter die Wertschöpfungskette korrekt abbilden – etwa, indem bei der Herkunftsbestimmung der Standort der Waferherstellung stärker gewichtet werde. Zudem fordert Intel gezielte Ausnahmen für essenzielle Ausrüstung, Materialien und IP-basierte Produkte, um eine doppelte Belastung durch alte und neue Zölle zu vermeiden.

Einigkeit herrscht auch in der Forderung nach gezielten Ausnahmeregelungen. Neben Ausnahmen für kritische Rohstoffe und Anlagen regen die Unternehmen an, Produkte mit US-Ursprung oder solche, bei denen entscheidende Fertigungsschritte in den USA erfolgen, bei der Herkunftsbewertung zu bevorzugen. Damit könnten Verzerrungen im Wettbewerb und Investitionshemmnisse vermieden werden.

US-Unternehmen fürchten schwerere Konsequenzen als TSMC

Die Eingaben der US-Konzerne sind Teil einer öffentlichen Konsultation im Rahmen der sogenannten „Section 232“-Untersuchung zu Halbleiterimporten. Insgesamt gingen bis zum 25. Mai 2025 154 Stellungnahmen beim Handelsministerium ein – darunter nicht nur von US-Konzernen, sondern auch von internationalen Playern wie TSMC, sowie von Regierungsvertretern aus Europa, China und anderen Ländern.

Bemerkenswert: Die Eingaben von Qualcomm (15 Seiten), Intel (13 Seiten) und Micron (11 Seiten) fielen umfangreicher aus als die des taiwanesischen Branchenriesen TSMC (8 Seiten). Das verdeutlicht, wie groß die Sorge auf Unternehmensseite über die Auswirkungen der geplanten Zölle ist – und wie abgestimmt die US-Branche inzwischen dagegen mobil macht.

Die vier Unternehmen repräsentieren zusammen zentrale Segmente der Halbleiterindustrie: Prozessoren, Speicher, Analogtechnik und Design. Ihr gemeinsamer Vorstoß wird von Analysten als koordinierter Versuch gewertet, die Regierung zu einem Umdenken zu bewegen – oder zumindest belastende Zölle gezielt abzuschwächen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen wären laut Experten weitreichend. Tarife könnten sich durch die gesamte Lieferkette ziehen und die Preise für Endprodukte in vielen Industriezweigen anheben – von der Telekommunikation bis zur Automobilbranche. Unternehmen aus der Elektronikentwicklung müssten sich auf steigende Beschaffungskosten und erschwerte Planungssicherheit einstellen.

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Ob die Regierung auf den konzertierten Appell der Industrie reagiert, bleibt abzuwarten. Klar ist: Die vier Chiphersteller wollen verhindern, dass gut gemeinte industriepolitische Maßnahmen zum Bumerang werden – mit langfristigen Schäden für Innovationskraft, Standortattraktivität und technologische Führungsansprüche der USA. (sg)

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