Es gibt wohl kaum einen Konsumenten, der bisher nicht von Billig-Online-Händlern wie Temu gehört hat. Im Hinterkopf bleibt bei einer Bestellung der meist in China produzierten Waren immer der Zweifel an der Qualität, etwa von Elektronikprodukten. Der Reiz der niedrigen Preise ist mehrheitlich doch größer. Wie der ZVEI herausgefunden hat, rächt sich die Sparsamkeit oft schnell. Und dann gibt es, wenig überraschend, noch weitere Probleme.
Deutsche und europäische Elektronikhersteller müssen sich mit vielfältigen Herausforderungen auseinandersetzen - eine davon ist günstig produzierte Elektronik, die mit nur einem Click über Online-Plattformen erhältlich ist.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
Der deutschlandweit bekannte, große Elektronik-Händler MediaMarktSaturn machte seine Werbung einst mit den Worten „Geiz ist geil“ auf. Es gab kein Vorbeikommen an den niedrigpreisigen Angeboten für Elektronikwaren; Printprodukte, Stadtplakate und Fernsehwerbung waren voll vom Versprechen, dass sich bei dem Händler im Vergleich zu anderen besonders günstige Produkte ergattern ließen. Der Werbeslogan aus den frühen 2000er-Jahren „spiegelte einen Teil des deutschen Zeitgeistes wider und benannte eine Tendenz im deutschen Konsumentenverhalten, in dem vor allem der Kaufpreis einer Ware zählte, während Merkmale wie Qualität, Langlebigkeit, Funktionsumfang, Betriebskosten, Service im Fachhandel oder Produktionsbedingungen in den Herstellungsländern in den Hintergrund traten. Die Tendenz vieler Käufer, ausschließlich auf den Kaufpreis zu achten, führte zu der Bezeichnung ‚Geiz-ist-geil-Mentalität‘“, heißt es in der Wikipedia. Man könnte fast sagen, dass der Konzern mit seiner Werbebotschaft die Gesellschaft nachhaltig beeindruckt hat. Und das vielleicht nicht im positivsten Sinne.
Inzwischen findet der Krieg um die Kunden, die beim Erwerb eines Produktes möglichst viel für möglichst wenig erhalten wollen, vornehmlich im Internet statt. Seit Jahren drängen Handelsplattformen aus dem Ausland ins Kaufbewusstsein. Amazon war einer der Vorreiter auf dem Gebiet. Mit billigen Preisen für elektronische Waren und Bekleidung locken inzwischen dank erfolgreicher Kampagnen auf sozialen Medien chinesische Online-Händler wie Temu oder Alibaba, Shein aus Singapur oder Wish aus Amerika.
Einige Umstände einen diese Mitbewerber: Viele, wenn nicht sogar die meisten, Produkte werden profitabel in Billiglohnländern hergestellt, ohne Rücksicht auf die Qualität, auf die folgenden Kosten, manchmal selbst ohne Rücksicht auf menschenrechtliche Umstände. Von der Nachhaltigkeit mal ganz zu schweigen, denn oft wird diesen Händlern vorgeworfen, dass die günstigen Produkte unglaublich schnell nicht mehr funktionieren – wenn überhaupt. Eine aktuelle Umfrage des ZVEI, Verband der Elektro- und Digitalindustrie, zeigt, wie minderwertig die gelieferten Waren mitunter sind – und dass Geiz unglücklicherweise immer noch geil ist.
Temu: 69 Prozent der Käufer wissen um Risiken bei Produktsicherheit und Inhaltsstoffen - und kaufen dennoch
Einer Umfrage zufolge, die mit dem Marktforschungsinstitut GfK durchgeführt wurde, wissen mehr als zwei Drittel der Temu-Käufer, dass dort erworbene Produkte nicht den geltenden Bestimmungen Europas entsprechen. „Das betrifft Belange wie die Produktsicherheit, zulässige Inhaltsstoffe oder den Arbeitsschutz. Trotzdem wollen 51 Prozent auch weiterhin über die Online-Plattform einkaufen. Nur sieben Prozent der Befragten wenden sich ab. Ausschlaggebend für einen Kauf bei Temu ist vor allem der günstige Preis. Abstriche bei der Qualität werden offenbar in Kauf genommen: Zwei von fünf der befragten Nutzer haben schlechte Erfahrungen mit der Online-Plattform gemacht. Bei 15 Prozent der Käufer gingen Produkte schnell kaputt und bei jedem zehnten funktionierten sie gar nicht erst“, teilt der ZVEI mit.
Susanne Harring, Vorsitzende des ZVEI-Fachverbands Elektro-Haushalt-Kleingeräte und Geschäftsführerin von De’Longhi Deutschland, schließt aus den Ergebnissen der Umfrage, dass rund 23 Prozent der befragten Käufer auf Temu Elektrogeräte erworben haben. Das solle man kritisch sehen. Harring dazu: „Der Erfolg der Plattform sollte aber auch kritisch betrachtet werden. Zum großen Teil basiert Temu auf dem Verkauf billiger Produkte mit extrem kurzer Lebensdauer. Vielfach ist das unterhaltsam verpackt mit Gamification und Belohnungsmechaniken. Aber Nachhaltigkeit, Reparaturfähigkeit oder die Möglichkeit für Kontakt mit einem Service sind bei Temu oft nicht vorhanden. Darüber hinaus sind Verstöße gegen die Produktkonformität und fehlende, beziehungsweise gefälschte Sicherheitskennzeichnungen wie das CE-Zeichen weitere Probleme, die gegenüber unseren Mitgliedern einen klaren Wettbewerbsverstoß darstellen.“
Das sind freilich harte Worte für einen aufstrebenden Händler. Deswegen habe sich ein Sprecher von Temu beim Hightech-Medium PoS-MAIL gemeldet. Hier die Antwort eines Temu-Unternehmenssprechers, die eigenen Angaben zufolge PoS-MAIL als Reaktion auf den ZVEI-Bericht zugegangen ist. „Temu verpflichtet sich zur Einhaltung der Gesetze und Vorschriften in allen Märkten, in denen wir tätig sind“, erklärte ein Unternehmenssprecher. „Wir stellen die gleichen hohen Anforderungen an unsere Lieferanten: Sie müssen relevante Dokumente vorlegen, bevor ihre Produkte in unser Sortiment aufgenommen werden, und sie werden stichprobenartig und kontinuierlich überwacht, um sicherzustellen, dass alle Vorschriften eingehalten werden. Alle Produkte, die als nicht konform gemeldet werden oder bei denen der Verdacht besteht, dass sie nicht konform sind, werden zur Überprüfung aus dem Sortiment genommen. Seit der Markteinführung in der EU im vergangenen Jahr haben wir unsere Qualitätskontrollsysteme kontinuierlich verfeinert. In Fällen, in denen Produkte nicht den EU-Anforderungen entsprachen, haben wir die Artikel sofort aus dem Verkauf genommen und in enger Zusammenarbeit mit den Lieferanten Korrekturen vorgenommen. Temu ist ein Newcomer in Europa, der hier vor etwas mehr als einem Jahr seine ersten Märkte erschlossen hat. In dieser Zeit haben wir uns das Feedback von Kunden, Regulierungsbehörden und Verbraucherschutzgruppen genau angehört. Wir haben unsere Dienstleistungen aktiv an die lokalen Gepflogenheiten und Präferenzen angepasst und verpflichten uns uneingeschränkt zur Einhaltung der Gesetze und Vorschriften der Märkte, in denen wir tätig sind.“
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group GmbH & Co. KG, Max-Planckstr. 7-9, 97082 Würzburg einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Auch wenn man sich bei Temu mehr darum bemühen möchte, EU-Richtlinien gerecht zu werden, sind die Auswirkungen auf die Hersteller von Consumer Electronics dennoch nicht zu leugnen.
Preisverfall und Vertrauensverlust
Unter den ZVEI-Mitgliedern wurde sich anschließend nach der Betroffenheit durch die Temu-Marktaktivität erkundigt. Rund 40 Prozent der Unternehmen, die im ZVEI Mitglied sind, haben an dieser Umfrage teilgenommen. Größtenteils werden Elektro-Haushalts-Kleingeräte (60 Prozent (unter anderem Personal Care, Kaffee-/Teezubereitung, Bodenpflege, Mixer)), Consumer Electronics (40 Prozent (unter anderem Kopfhörer, Lautsprecher, Zubehör)) und Elektro-Haushalt-Großgeräte (28 Prozent) hergestellt. 40 Prozent der befragten Unternehmen, sind von der Marktaktivität entweder betroffen (32 Prozent) oder gar stark betroffen (8 Prozent).
Unabhängig davon, wie stark die Unternehmen den Einfluss von Temus Marktaktivitäten auf ihr Geschäft einschätzen, gehen 92 Prozent davon aus, dass sich die Lage verschärfen wird. Der Markteintritt Temus hat bereits deutliche Spuren hinterlassen. Konkrete Folgen für das Geschäft der an der Umfrage teilnehmenden ZVEI-Mitglieder sind laut den Angaben der Unternehmen die folgenden – Mehrfachnennungen waren dabei möglich:
60 Prozent bemerken einen Preisverfall,
48 Prozent bemerken einen generellen Vertrauensverlust in Produkte und die Produktgruppen,
40 Prozent bemerken Absatzeinbußen,
28 Prozent bemerken sonstige Auswirkungen,
16 Prozent bemerken eine Stärkung durch die Positionierung als vertrauenswürdige, qualitative Marke
und 0 Prozent bemerken eine Absatzsteigerung durch steigendes Verbraucherinteresse an durch die Plattform beworbenen Produkte.
Die Hersteller von Consumer Electronics (70 Prozent) und Haushalts-Großgeräten (71 Prozent) schätzen den Preisverfall überproportional ein, während insbesondere Hersteller von Groß- und Kleingeräten für den Haushalt einen generellen Vertrauensverlust befürchten, und zwar mit 71 und 77 Prozent. In den Augen der Unternehmen werden vor allem die Verbraucherschutzaspekte in Bezug auf Temu und Co. problematisch gesehen. So befürchten 92 Prozent mangelnde Produktsicherheit, 80 Prozent fehlende Produktkonformität und 64 Prozent den Einsatz von verbotenen Stoffen.
Maßnahmen erwünscht - doch wie stark sollen die ausfallen?
Speziell von der Politik und dem Staat wünschen sich die Unternehmen, die an der Umfrage teilgenommen haben, eine angemessene Reaktion auf den Druck, den Plattformen wie Temu auf die Produktion ausüben. Ganz weit vorn dabei ist der Wunsch nach der Stärkung des Zolls und der Marktaufsicht (beides mit 96 Prozent).
Spannend: Zuvor wurde die Sorge um den fehlenden Verbraucherschutz mit Blick auf Temu-Produkte ganz besonders hervorgehoben. Zur Erinnerung: 92 Prozent der befragten Unternehmen befürchteten mangelnde Produktsicherheit. Da ist es ein wenig überraschend, dass weniger als 50 Prozent der befragten Teilnehmer mehr Aufklärung für die Verbraucher fordern. Tatsächlich ist der Ruf nach stärkeren Sanktionen (60 Prozent) lauter, als der Wunsch danach, den Kunden auf potenzielle Gefahren aufmerksam zu machen. Daraus lassen sich für jeden seine eigenen Schlüsse ziehen, insbesondere mit Blick auf Themen wie Obsolenz-Management und Gewinnmargen. (sb)