Green Electronics 2025 Nachhaltige Elektronikfertigung: Teurer als erwartet oder günstiger als befürchtet?

Von Susanne Braun 8 min Lesedauer

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Die Entwicklung nachhaltiger Elektronik steht vor einem Wendepunkt: Was lange als reiner Kostentreiber galt, könnte sich zum Wettbewerbsvorteil entwickeln. Die Konferenz Green Electronics 2025 zeigt: Der Weg ist herausfordernd, aber möglich.

Kolb Cleaning Technology, MTM Ruhrzinn, Stannol und Stego Elektrotechnik luden im Februar 2025 zum Technologieforum Green Electronics.(Bild:  Jochen Tack / Green Electronics)
Kolb Cleaning Technology, MTM Ruhrzinn, Stannol und Stego Elektrotechnik luden im Februar 2025 zum Technologieforum Green Electronics.
(Bild: Jochen Tack / Green Electronics)

In der öffentlichen Wahrnehmung gilt Nachhaltigkeit oft als kostspielige Zusatzlast. Im Alltag werden wir ständig mit der Entscheidung zwischen konventioneller und ökologischer Herstellung konfrontiert, nämlich beim Einkaufen. Bio-Produkte sind teurer, weil ihre Produktion aufwendiger ist. Bio-Landwirtschaft erbringt oft geringere Erträge, erfordert mehr Handarbeit und unterliegt strengen Zertifizierungen. Zudem fehlen Skaleneffekte der Massenproduktion, während Nachhaltigkeit, wie Bodenschutz oder artgerechte Tierhaltung, die Kosten treiben.

Die Entwicklung im Lebensmittelsektor zeigt jedoch einen bemerkenswerten Trend: Trotz höherer Preise ist die Nachfrage nach Bio-Produkten in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Verbraucher sind zunehmend bereit, für nachhaltig produzierte Waren mehr zu bezahlen. Diese Entwicklung wirft eine zentrale Frage auf: Könnte sich ein ähnlicher Bewusstseinswandel auch in der Elektronik- und Digitalindustrie vollziehen?

Industrie im Wandel

Genau dieses Thema stand im Mittelpunkt der Konferenz Green Electronics 2025, die im Februar in Düsseldorf stattfand. Die Veranstalter Kolb Cleaning Technology, MTM Ruhrzinn, Stannol und Stego Elektrotechnik luden in die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt ein, um an der zweiten Ausgabe der Green Electronics teilzunehmen. Das Event versammelte Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Medien, um die Zukunft der nachhaltigen Elektronikproduktion zu diskutieren. Eine zentrale Erkenntnis: Nachhaltigkeit muss nicht teuer sein und kann sich sogar als Wirtschaftsvorteil erweisen.

Ist unser Geiz denn nun wirklich geil? 

Nachhaltigkeit ist für viele zuerst immer eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Wie bereits erwähnt, gilt Nachhaltigkeit in der öffentlichen Wahrnehmung als kostspielig. Nicht zuletzt hat die Energiewende zu diesem Empfinden beigetragen, die unter anderem durch den Klimawandel getrieben wird. Natürlich ist der Einsatz für mehr Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit gut, das steht nicht zur Debatte.

Geprägt wird die Debatte um Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit allerdings von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, die nicht immer sinnvoll erscheinen. Warum ist der Strom teuer, der unsere Autos antreiben soll? Sollte E-Mobilität nicht günstiger sein, wenn sie konventionelle Verbrenner ersetzen soll?

Die Wahrheit ist, dass wir uns im Hinblick auf Nachhaltigkeit in vielen Bereichen in einer Innovations- und Investitionsphase befinden. Oftmals wird dabei nach einer Lösung gesucht, die alle Probleme gleichzeitig adressieren soll - und im besten Fall dann auch noch möglichst geringe Kosten verursacht. Diese Eier legende Wollmilchsau wird uns allerdings nicht retten; bis sie gefunden wurde, könnte es zu spät sein. Das sollte uns aber nicht lähmen oder gar abschrecken.

Im Fall der erneuerbaren Energie benötigen wir inzwischen nicht nur den Ausbau der Erzeugungs-, sondern den Fokus auf die Speicherkapazitäten bei gleichzeitiger Verringerung des Stromverbrauchs unserer alltäglich genutzten Technologie. Denn tatsächlich wird der weltweite Stromverbrauch nicht sinken, nur weil wir mehr Strom produzieren. Mit Blick auf die Kosten für künstliche Intelligenz wird die Menschheit vielmehr noch mehr Strom benötigen.

Der wahre Preis des Zögerns

Was den wenigsten klar ist, ist der soziale Einfluss, den die Parole „weiter wie bisher“ mit sich bringt, wie Prof. Dr. Rüdiger Hahn von der Heinrich Heine Universität Düsseldorf im Rahmen seines Vortrags „Erfolgsfaktor Nachhaltigkeitsmanagement?“ bei der Green Electronics hervorgehoben hat. Studien belegen, dass uns der Klimawandel bares Geld kostet. Der Rückgang von Biodiversität und Ökosystemen kostet jährlich bis 2030 2,3 Prozent des globalen BIP. Eine Tonne CO₂ zieht über 1.000 US-Dollar soziale Kosten nach sich. Oder anders: Wäre es seit 1960 nicht zur Erderwärmung gekommen, läge das globale BIP 37 Prozent höher.

Sind das nicht ziemlich schlagende Argumente für einen Paradigmenwechsel auch in der Elektronik- und Digitalindustrie, in der Geiz nicht mehr geil ist? Und Prof. Dr. Hahn stellt eine ganz essenzielle Frage, der wir uns stellen sollten: Müssen Unternehmen Gewinne maximieren - oder genügt es nicht einfach, Gewinne zu machen?

Kann Elektronik Bio sein?

Zurück zur Bio-Denkweise aus der Lebensmittelbranche: Bio-Produkte sind teurer, weil ihre Produktion aufwendiger ist. Doch die Kunden sind willens, diese Mehrkosten zu tragen. Kann das dann nicht auch auf die Elektronikindustrie zutreffen? Die Antwort ist komplexer als ein einfaches Ja oder Nein. Zwar sind nachhaltige Fertigungsprozesse nicht immer billiger, aber sie können langfristig wirtschaftliche Vorteile bringen – sei es durch Resilienz in der Lieferkette, Markenbildung oder die Nutzung recycelter Materialien.

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Unternehmen, die frühzeitig in nachhaltige Prozesse investieren, könnten sich nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich besser aufstellen. Kontron wirbt etwa offensiv mit in Europa entwickelten und hergestellten 5G-Modulen. Diese Botschaft ist im Marketing inzwischen Gold wert und es wäre großartig, könnten das noch viele weitere Unternehmen aus Deutschland und Europa auf ihre Fahnen schreiben. In Zeiten geopolitischer Unsicherheiten und fehlender Lieferkettenresilienz suchen Kunden immer häufiger nach Lieferanten und Produktionen in der Nähe. Es gibt jedoch Haken. Nachhaltigkeit geht im großen Stil nicht von heute auf morgen. Und in vielen Fällen kann ein Unternehmen einfach nicht grüner als ohnehin schon werden.

Herausforderungen der Transformation

Die Produktion eines EMS beispielsweise kann zeitnah niemals grün werden, solange die Lieferkette nicht grün ist. Nahezu alle Elektronikhersteller, seien es Bestücker, Endgerätehersteller oder die Hersteller von Maschinen und Anlagen, haben sehr wenig Einfluss auf ihren Scope-1-CO₂-Abdruck. Scope 1 bezieht sich auf direkte Treibhausgasemissionen, die ein Unternehmen selbst verursacht. Einzig Halbleiter und MEMS-Hersteller verfügen über direkte Hebel, um ihre CO₂-Bilanz zu beeinflussen, etwa durch die Wiederverwendung von industriell aufbereitetem Wasser.

Green Electronics im Februar 2025 in Düsseldorf.(Bild:  Jochen Tack / Green Electronics)
Green Electronics im Februar 2025 in Düsseldorf.
(Bild: Jochen Tack / Green Electronics)

Die hergestellten Produkte lassen sich oftmals ebenfalls nicht einfach vergrünen. Die nachhaltige Leiterplatte gibt es nicht, wie Dr. Nils Nissen vom Fraunhofer IZM in seinem Vortrag zur grüneren Elektronik aus Deutschland und zum Kompetenzzentrum ICT festhielt, denn die Leiterplatte ist stark individualisiert und in den meisten Fällen ein komplexes Materialgemisch. Es gibt Alternativen und viele Ansätze für umweltfreundliche Leiterplatten. 

Wie wäre es mit abbaubaren oder biobasierten Materialien, mit einem Verzicht auf Lot, Ersatz von Lacken, Einsatz additiver Fertigung? Leiterplatten aus Glas klingen vielleicht innovativ, doch die energieintensive Glasproduktion stellt ihre Nachhaltigkeit infrage. Am Ende des Tages ist vielleicht das Material, aus dem eine Leiterplatte besteht, standardisiert, aber die Leiterplatte selbst und die Herausforderungen, die sie bewerkstelligen muss, sind es nicht. Entsprechend benötigen die Hersteller eine große Vielfalt.

Kleine Schritte, große Wirkung

Vielleicht lässt sich die große Leiterplatte in ihrer Nachhaltigkeit nicht klein denken. Doch es gibt sie, die kleinen Ansätze und Ideen, die eine schrittweise Änderung herbeiführen können. Eine Produktion mit weniger Chemikalien, mit weniger Verschnitt. Leiterplatten, die auf Reworks ausgelegt sind. Die Reduktion energiehungriger Prozesse und der Ersatz kritischer Materialien. Spannend, und darauf kommen wir später noch einmal zu sprechen, ist die Nutzung von Rezyklaten oder Rohstoffen aus europäischen Rohstoffquellen.

Am Ende des Tages können selbst kleine Aktionen in der Masse viel bewegen. Die Fertigung in Deutschland hat große Chancen, hält Dr. Nissen fest, wenngleich die Regelungsdichte, die Energiekosten und die Personalkosten langfristig gesehen hoch bleiben werden. Aufgrund des Energiemix-Trends und drohender, globaler Lieferketteninstabilität ist der Standort Deutschland inzwischen wieder attraktiver, als er noch vor zehn Jahren war.

Die Abhängigkeit von globalen Lieferketten

Michael Dera von der Deutschen Rohstoffagentur zeigt auf, welche Rohstoffmengen für eine erfolgreiche Energiewende benötigt werden.(Bild:  Jochen Tack / Green Electronics)
Michael Dera von der Deutschen Rohstoffagentur zeigt auf, welche Rohstoffmengen für eine erfolgreiche Energiewende benötigt werden.
(Bild: Jochen Tack / Green Electronics)

Michael Schmidt vom Arbeitsbereich Rohstoffwirtschaft der Deutschen Rohstoffagentur lenkte den Blick mit dem Vortrag „Rohstoffe für die Energiewende“ auf die globalen Lieferketten und den Rohstoffbedarf für die Energiewende bis zum Jahr 2030. Seine These: Eine nachhaltige Energiewende ist kaum umsetzbar, ohne sich von kritischen Rohstofflieferanten wie China abhängig zu machen.

Wie kann Europa seine technologische Souveränität denn noch sichern? Im Jahr 2023 machten Waren aus China fast 50 Prozent des deutschen Imports aus. Knapp 99 Prozent dieser Importe waren Lithium-Ionen-Batterien. Produkte aus dem Photovoltaik-Ökosystem und auch zunehmend Windenergieanlagen kommen aus China. Und aktuell stammen etwa 85 Prozent der in Europa verwendeten PCBs aus China. Ist der Zug denn schon abgefahren? Vielleicht. Dennoch sollte es ein Anliegen sein, ihn zu stoppen.

Die versteckten Risiken unserer Abhängigkeit etwa im Bereich der PCBs hat Dirk Stans von Eurocircuits unabhängig von der Green Electronics hervorgehoben. Asiatische PCB-Lieferanten locken mit Preisen von wenigen Euro pro Stück, die nicht nur durch günstigere Löhne ermöglicht, sondern oft auch durch fragwürdige Umwelt- und Sozialstandards. Zudem werden kritische Daten über europäische Design- und Produktionsprozesse gesammelt, die langfristig die Innovationskraft und Unabhängigkeit der europäischen Industrie gefährden könnten. Sollte das nicht Ansporn sein, den Spieß umzudrehen und unsere technologische Souveränität zurückzuerlangen? Wiederholen wir an der Stelle noch einmal die Frage von Prof. Dr. Hahn: Müssen Unternehmen Gewinne maximieren - oder genügt es nicht einfach, Gewinne zu machen?

Erste Schritte statt Perfektion

Die Konferenz Green Electronics bot nicht nur kritische Analysen, sondern zeigte auch Lösungen. Siemens präsentierte digitale Zwillinge als Werkzeug zur Energieeinsparung in der Fertigung, während das Kompetenzzentrum Green ICT auf die Möglichkeiten von ressourcenschonender Elektronikproduktion hinwies. Auch Absatz der Veranstaltung zeigt etwa MTM Ruhrzinn mit der Kooperation mit dem EMSler Prettl, dass kleine Fortschritte sinnvoller als Stillstand sind. Allein schon die Trennung von bestückten und nicht bestückten Leiterplatten, die im Abfall landen, hilft bei der Sortenreinheit der Materialien und im Anschluss beim Recycling der Produktionsabfälle.

Selbstverständlich bleiben dennoch Herausforderungen bestehen. Es gibt bisher wenige konkrete Lösungsansätze, die branchenweit umsetzbar sind - die Branche ist von Produktion und Abläufen her ebenso individuell wie eine Leiterplatte. Und die Elektronikindustrie hierzulande sollte noch viel mehr die Werbetrommel rühren, um ihre Vorteile als Partner noch viel deutlich hervorzuheben. Das stellte übrigens auch Dr. Mareike Haaß von in4ma ihrer Analyse der Marketingbemühungen deutschsprachiger EMSler hinsichtlich Nachhaltigkeit fest.

Wir erwähnten bereits: Die kleinen Schritte sind der Schlüssel zu einer nachhaltigen Elektronikindustrie in Europa, nicht die großen Komplettpakete, die sich nur in den wenigsten Fällen anwenden lassen. Die Diskussion über nachhaltige Elektronikfertigung muss stetig vorangebracht werden.

Fazit: Kleine Schritte auf einem langen Weg

Nachhaltigkeit in der Elektronikfertigung ist eine Herausforderung mit vielen Hürden, aber kein unmöglicher Weg. Kleine Maßnahmen wie der Einsatz von recyceltem Lötmetall oder energieeffizientere Produktionsprozesse sind bereits wertvolle Fortschritte. Die Konferenz Green Electronics hat gezeigt, dass das Bewusstsein für nachhaltige Lösungen wächst. Klar ist: Wer nicht jetzt handelt, riskiert langfristig wirtschaftliche Nachteile. Langfristig braucht es nicht nur neue Technologien, sondern auch politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die nachhaltige Elektronikproduktion fördern. Nur so kann Europa seine Unabhängigkeit in der Fertigung sichern und gleichzeitig umweltbewusster wirtschaften. (sb)

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Die Leiterplatte ist das Fundament jedes elektronischen Systems und sichert dessen Funktionalität, Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig definieren branchenspezifische Anforderungen den Innovationskurs der Leiterplatten und elektronischen Baugruppen. Die Technologietage Leiterplatte bieten Hardware-Entwicklern, Leiterplatten- und Baugruppendesignern und Entscheidern eine einzigartige Plattform. Erstklassige Vorträge, Best-Practice-Beispiele und praxisnahe Diskussionen zeigen, wie innovative und zuverlässige elektronische Baugruppen zukunftssichere Elektronik ermöglichen.

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