Deutschland rühmte sich einst mit „Made in Germany“. Doch sind wir auf dem besten Weg, uns kaputtzusparen. Günstigere Produktion und Arbeitskraft im Ausland können und dürfen nicht die Begründung – respektive Ausrede – dafür sein, dass mit Denkern und Ingenieuren die letzte Ressource gegen Null schwindet: unser Know-how! Der Supergau kann durch eine Änderung des Zeitgeists verhindert werden.
Sparen führt zum Stillstand: Produktion und Arbeitsplätze dürfen nicht Opfer des Sparens werden. Deutschland muss wieder bahnbrechende Entwicklungen hervorbringen.
Schleichend über Jahre trat sie ein, die Veränderung, die kaum bemerkt wurde. „The show must go on“ – allerdings leider nur die Show, das heißt der Schein. Das Ergebnis zeigte sich dann in vielen produzierenden Betrieben: Statt Weihnachtsendspurt gab es vorgezogenen Urlaub. Was für die Arbeitnehmer eine gerne angenommene Sache ist, sollte für die Unternehmensführung eine rote Lampe aufleuchten lassen: Die fetten Jahre sind an vielen Stellen vorbei!
Wirklich überraschend kommt dieser Entwicklungszyklus jedoch nicht. Zehn, 15 oder 20 Jahre alte Technologieprognosen zeigen in einer Gegenüberstellung zu ebenso alten Wirtschaftsstudien, dass all die großen Makroökonomen ihrer Zeit mit ihrer Wirtschaftsvorausschau Recht behalten sollten: Stagnation, dann Rückgang.
Zuviel Komfortzone führt zu Stillstand
„In der deutschen Wirtschaft fehlen Mut und Antrieb. Es muss eine Änderung des Zeitgeistes her“, zu diesem kritischen Schluss kommt Klaus Wammes, Geschäftsführer von Wammes & Partner.
(Bild: Wammes & Partner)
Am Beispiel der Displays zeigt ein genauerer Blick die möglichen Hintergründe: Seit etwa fünf Jahren wurden keine wirklich großen Sprünge mehr erzielt. Es gab zwar immer wieder neue Detailentwicklungen. Zum Beispiel wurden LEDs kleiner dank der Micro-LED-Technik, das Thema OLED wurde ein bisschen spezifischer mit Quantum-DOT-Portierung und auch LC-Displays wurden noch ein wenig aufgemotzt. An anderen Stellen gab es ebenfalls Verbesserungen. Bahnbrechend und das vorherige ersetzend war von diesen Entwicklungen jedoch noch keine.
Wirklich neue Techniken respektive Technologien könnten dabei die aktuellen Probleme mit dem anstehenden PFAS-Bann lösen. Schließlich gilt: Ohne PFAS gibt es dann auch keine schönen Displays heutiger Technologie mehr! Leider gilt aber auch: Neue Technologien können auch neue strategische Abhängigkeiten bringen, wie zum Beispiel bei den aktuell angekündigten Mikro- und Nano-LED-Displays aus maßgeblich chinesischer Produktion. Hier gilt es proaktiv zu gestalten, statt abzuwarten und zu reagieren.
Es fehlen Mut und Antrieb
Dabei gäbe es allein im Umfeld dieser Technologie großes Potenzial! Es fehlt lediglich der Mut und Antrieb, sich ein wenig weiter aus dem Fenster zu lehnen und über den Tellerrand des „sicheren Einkommens“ zu denken – mit anderen Worten: wirklich und grundlegend zu forschen und auszuprobieren. Gesucht werden nicht noch ein wenig günstigere Flachbildschirme oder noch ein wenig höhere Auflösung.
Gesucht werden beispielsweise Entwicklungen, die buchstäblich in die Tiefe gehen, wie echtes 3D, Holografie und wirklich volumetrische Darstellungen. Nur so kann nicht nur eine völlig neue Qualität erreicht werden, sondern auch neue echte Anwendungsfelder erschlossen, sozusagen enabled, werden. Das so etwas möglich ist, wenn der Druck nur groß genug ist, zeigen Beispiele aus der Medizin: mRNA, zunächst gegen Corona und künftig gegen viele weitere bisher nicht wirklich heilbare Krankheiten.
Nicht allein auf das Budget schauen
Ein Ausflug in die Informatik zeigt es: Von Siri und Alexa über Chat GPT bis hin zur Prozessautomatisierung – künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch und hält Einzug in Wohnzimmer, Büros und Produktionshallen. Zugegeben, mancherorts wird übertrieben, zu viel Geld verbrannt und Ergebnisse angepriesen, die noch nicht einmal in der Entwicklung sind – Stichwort Meta. Wie immer macht die Dosis das Gift! Aber, oder besser gerade deshalb, spielen an anderer Stelle plötzlich auch kleinere Firmen und Teams vermehrt mit und zeigen, was sie können. Reine Budgetressourcen scheinen also doch nicht der allein ausschlaggebende Faktor zu sein.
Kurzum: Statt Phlegma und „das haben wir so noch nie gemacht“ ist Aufbruch und Lust auf Neues gefragt! Nur so kann der Standort Deutschland, der nicht unbedingt der größte Rohstoffstandort ist, zumindest mit einer Währung mithalten: Know-how. Wenn wir aber nur bei den etablierten Ansätzen, Strategien und Methoden bleiben, dreht sich die Maschine weiter nur im Kreis. Hilfreich ist der Gedanke, dass alle bisherigen Gründe, warum etwas nicht funktionieren kann, gleichzeitig die Beschreibung von Chancen für neue Möglichkeiten mit sich bringen.
Es gibt keine optimalen Projekte mehr
Damit ist das nächste Problem angesprochen: Das typische Produktgeschäft von Systemintegratoren, die Subsysteme von Dritten einkaufen und damit Verantwortung und Risiko verkaufen, um diese Subsysteme zu eigenen Produkten mit reduziertem Risiko zu kombinieren. Das für die Gesamtlösung notwendige Know-how ist dann aber nicht mehr beim Inverkehrbringer vorhanden. Seit vielen Jahren wird immer deutlicher, dass die Bereitschaft, sich in Fachthemen einzuarbeiten, sie wirklich zu verstehen und dafür Aufwand zu betreiben, immer geringer wird.
Das Tagesgeschäft, das so genannte business as usual, sieht diese Aufgaben nicht mehr vor. Längst geht es nicht mehr darum, dass ein Projekt optimal ist, sondern dass es innerhalb einer vorgegebenen Zeit und eines vorgegebenen Budgets abgeschlossen wird. Ausgefeilte Qualitätssicherungssysteme sorgen für immer gleiche Ergebnisse ohne Abweichungen! Sie sichern aber nicht Funktion, Anwendbarkeit, Sinnhaftigkeit oder Notwendigkeit. Das heißt, auch ein Schwimmreifen aus Beton könnte problemlos alle Qualitätszertifikate erhalten!
Stand: 08.12.2025
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Mehr Pflicht als Vernunft
Wirklich wegweisende Leuchtturmprojekte stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Die Pflicht scheint wichtiger geworden zu sein als die Vernunft. Letztere wird gerne abgegeben – zusammen mit der Verantwortung. Dabei erlebt ein alter Spruch meines Großvaters seit Jahren wieder Hochkonjunktur: „Für jede Mark, die ich irgendwo einsparen kann, ärgere ich mich später um 3“. Oft genug ist in der Geschichte aus „sich kümmern wollen“ ein „sich kümmern müssen“ geworden. „Wollen“ bringt inhaltliche Neugier, „sollen“ die Suche nach dem geringsten Aufwand.
Das Ergebnis sind dann beispielsweise Displays, die in der angedachten Anwendung beim Kunden nicht das tun, was sie sollen. Nebenbei bemerkt: Die Kosten, diese dann zu verbessern, sind um ein Vielfaches höher als der zuvor reduzierte Aufwand rechtfertigt.
Fazit: Es fehlt an bahnbrechenden Entwicklungen
Ja, es gibt Neues, siehe Elektromobilität oder KI. Und um auch eine Lanze für die Display-Branche zu brechen: Einige Unternehmen haben sehr wohl verstanden, dass es um das eigene Know-how ein bisschen dünn geworden ist. Sie haben verstanden, dass es sinnvoll sein könnte, wieder weiter in die Tiefe zu gehen. Weg von reinen Profit Center, hin zu den vermeintlichen Cost-Centern, à la Grundlagen- und Vorentwicklung, wie es früher hieß.
Aber im Gros der Industrie fehlt es bisher an wirklich bahnbrechenden Entwicklungen, an der inhaltlichen Neugier oder mindestens an der Lust dafür. Der allgemeine Trend geht sehr stark in Richtung des bekannten Pareto-Prinzips: Mit 20 Prozent kann erreicht werden, dass sich allermeist 80 Prozent Ergebnisse realisieren lassen. Damit auch die letzten 20 Prozent funktionieren, bedarf es aber weiterer 80 Prozent Aufwand – und dafür reicht die Eigenmotivation und/oder die jeweiligen Rahmenbedingungen nicht mehr aus.
Dabei sind Ideen haufenweise vorhanden. Nur stellen sich noch zu wenige der Herausforderung solche Ideen trotz Phlegma, Konsum und Gegenwind auch anzupacken und umzusetzen. Aber: Der entsprechende Druck wird kommen – siehe Corona. Auch hier hatte Murphy wieder Recht behalten: „what can happen – will happen“. Gehen wir es an!
* Klaus Wammes ist als Geschäftsführer der Wammes & Partner GmbH mit seinem Unternehmen spezialisiert auf die Forschung und Produktion in der Optoelektronik. Durch mehr als 100 Patente und über 30 Jahre Erfahrung in Entwicklung und Herstellung von Flachbildschirmen und Displays für extreme Anwendungsbereiche ist er im EDCG (Electronic-Displays-Center-Gundersheim) zu einer Anlaufstelle für Fragen und TroubleShooting rund um elektronische Displays geworden – in allen Applikationen und für alle Hersteller.