In den Vorstandsetagen europäischer Auto- und Elektronikunternehmen wächst die Sorge, dass der Streit um Nexperia zu Engpässen führen könnte. Die chinesische Regierung hat Exportbeschränkungen verfügt, die weltweit Kunden wie Mercedes, VW, BMW, Bosch, Apple und auch Tesla betreffen.
Der Chipkrieg zwischen USA und China wird jetzt auf dem Rücken von Nexperia ausgetragen und könte weitreichende Folgen haben.
(Bild: Nexperia)
Das Unternehmen Nexperia, das sein Hauptquartier im niederländischen Nijmegen hat, aber rund 80 Prozent seiner Halbleiter in der Volksrepublik China produziert, steht nun von zwei Seiten unter Druck. Am 12. Oktober 2025 hatte die niederländische Regierung in einem für Friedenszeiten eher ungewöhnlichen Schritt erklärt, die Kontrolle über Nexperia zu übernehmen, nachdem die US-Regierung einen Tag zuvor ihre globalen Exportrestriktionen auf chinesische Firmen wie Nexperia ausgeweitet hatte.
Nexperia war 2018 für 3,6 Milliarden US-Dollar von Philips an den chinesischen Elektronikkonzern Wingtech verkauft worden. Der nun von der Regierung in Den Haag aufs Korn genommene und von einem niederländischen Gericht im Eilverfahren suspendierte Nexperia-CEO Zhang Xuezheng ist auch der Gründer des Mutterunternehmens Wingtech.
Der jetzige Fall – mit US-Exportbeschränkungen für Halbleiter-Ausrüstungen und Software für Nexperia, sowie mit chinesischen Exportbeschränkungen für die von Nexperia produzierten Chips – ist gleich aus mehreren Gründen eine alarmierende Entwicklung für die europäische Industrie.
Legacy-Chips im Fokus
Jetzt weitet sich der globale Halbleiter- und Technologie-Konflikt zwischen Washington und Peking zum ersten Mal von fortgeschrittenen Halbleitern und High-Tech-Ausrüstungen wie Lithografie-Maschinen von ASML auf relativ günstige, sogenannte Legacy-Chips aus. 60 Prozent des Umsatzes aus der Halbleiter-Produktion von Nexperia ist in der ersten Hälfte dieses Jahres mit sogenannten Mainstream-Chips für die Autoindustrie erwirtschaftet worden. Dazu zählen Leistungs-MOSFETs für Bordnetze, Dioden für Steuergeräte, Transistoren und auch einige hochwertigere Komponenten aus Galliumnitrid und Siliziumkarbid.
Obwohl es sich hier nicht um fortgeschrittene Hochleistungs- oder KI-Chips handelt, kommt die Autoindustrie nur schlecht ohne die Chips von Nexperia aus. Das Unternehmen zählt zu den größten Herstellern solcher Legacy-Chips. Sie werden auch für die Herstellung von Smartphones, Solarpanelen und vieler anderer Elektronikprodukte gebraucht. Was passiert, wenn solche Standardkomponenten plötzlich rar werden, ist führenden Managern der europäischen Auto- und Konsumgüterindustrie seit der Unterbrechung der Lieferketten durch die Corona-Schutzmaßnahmen gut bekannt.
Warum der Schritt der Niederlande?
Was genau zu der selbst von der niederländischen Regierung als „äußerst außergewöhnlich“ bezeichneten Intervention in ein Privatunternehmen geführt hat, dafür kursieren sehr unterschiedliche Erklärungen, je nachdem, wem man zuhört. Den Haag hat für seine Entmachtung des chinesischen CEOs ein aus der Zeit des Kalten Krieges stammendes Notstandsgesetz bemüht, das „Gesetz über die Warenverfügbarkeit“, das seit seiner Verabschiedung im Jahr 1952 noch nie genutzt worden war.
Der Schritt sei auf „jüngste und akute Hinweise auf schwerwiegende Mängel in der Unternehmensführung und auf entsprechende Handlungen“ innerhalb des chinesisch geführten Unternehmens Nexperia zurückzuführen, hieß es in einer Erklärung des niederländischen Wirtschaftministeriums. Das Ministerium berief sich auf dieses verstaubte Gesetz, um am 30. September dieses Jahres sämtliche globale Vermögenswerte und Personalentscheidungen von Nexperia unter Regierungskontrolle zu stellen.
Den Haag berief sich auf nicht näher erläuterte „Hinweise“, die eine „Bedrohung für die Kontinuität und den Schutz entscheidender technologischer Kenntnisse und Fähigkeiten auf niederländischem und europäischem Boden“ andeuten, so die Mitteilung. Man müsse sicherstellen, dass im Falle einer Krise die Versorgung der heimischen Industrie mit solchen Gütern sichergestellt sei, hieß es sinngemäß.
Wissenstransfer nach China?
Medienberichten in China zufolge waren nicht belegte Anschuldigungen gegen den Nexperia-CEO erhoben worden, er wolle kritisches Know-how des Unternehmens nach China transferieren. Einige der Kommentatoren in China nennen dies einen fadenscheinigen Vorwand der Europäer, ähnlich wie die Amerikaner im Fall TikTok oder wie die englische Regierung im Fall der Newport Wafer Fab (NWF), den Transfer chinesischer Vermögenswerte in westliche Hände zu erzwingen.
Das ist nach derzeitigem Wissensstand weder zu beweisen, noch zu widerlegen. Die Intervention erfolgte genau einen Tag, nachdem die US-Regierung ihre High-Tech-Exportbeschränkungen weltweit auf die Tochterunternehmen von an der Börse notierten chinesischen Unternehmen ausgeweitet hatte. Aus chinesischer Sicht handelt es sich nicht um eine zeitliche Koinzidenz, sondern um ein weiteres Beispiel dafür, wie die Niederlande dem diplomatischen Druck aus Washington nachgeben und sich zum Instrument des Trump’schen Handelskrieges machen lassen. „Das niederländische Wirtschaftsministerium folgt der amerikanischen Regierung ganz offensichtlich wie ein zahmes Lamm“, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg einen Manager von Wingtech.
Stand: 08.12.2025
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Ein kolossaler Diebstahl?
Nachdem ein niederländisches Gericht zunächst ohne jegliche Anhörung gegen Nexperia eingeschritten war und später nach einer Anhörung nur einen Tag für ein Urteil gegen das derzeit noch in chinesischem Besitz befindliche Unternehmen benötigte, schrieb die chinesische Volkszeitung von einem „Raub unter dem Deckmantel des Rechts“.
Ein chinesischer Regierungssprecher sprach von „diskriminierenden Praktiken“, einer „Politisierung der Handelspolitik“ und sagte, sein Land sei entschlossen, „seine legitimen Rechte und Interessen zu wahren“. Dieser letzte Satz verweist auf den zweiten Grund, warum dieser Streit für die europäische Industrie brandgefährlich ist.
Peking, das sich schon lange darüber ärgert, dass es auf Druck aus Washington hin keine hochwertigen Lithografie-Maschinen des niederländischen Monopol-Herstellers ASML mehr geliefert bekommt, könnte nun zu Vergeltungsmaßnahmen gegen die gesamte europäische Halbleiter-Industrie greifen, sagen gut informierte Beobachter in China. Noch seien die Lager gut gefüllt mit diesen MOSFETs und Transistoren von Nexperia. Doch was passieren könnte, wenn China deren Export auch nur für wenige Wochen oder Monate aussetzt, das beschreiben chinesische Kommentatoren mit Erinnerungen an das „Chaos“ zu Covid-19-Zeiten mit „chaotischen Lieferplänen“ oder „Werksschließungen“.
Sollte sich China gegen eine größere Vergeltungsmaßnahme gegen Europa entscheiden und die Nexperia-Exporte langfristig aussetzen, so stünde die „weltweite Industrieproduktion vor einem Tsunami“, warnt ein Kommentar auf dem chinesischen Nachrichtenportal Caijing Toutiao. Die Gefahr, dass der US-chinesische Chipkrieg dank des Übereifers der niederländischen Regierung nun auch voll die europäische Industrie mit in seinen destruktiven Strudel zieht, ist gerade ein gutes Stück wahrscheinlicher geworden. (sb)