Angeschlagen: Geschlossene Werkstore und Schlangen mit Arbeitslosen – der Elektronikindustrie in Südchina geht es schlecht. Drei Jahre harte Corona-Restriktionen und weltweiter Abschwung im Consumer-Elektronikmarkt zeigen Wirkung.
Gähende Leere: Wenn ein großer Produzent seine Werkstore schließt, reißt dies häufig etliche kleine und größere Zulieferer in die Pleite. Genau das passiert gerade in China.
Eine Welle von Fabrikschließungen und Entlassungen macht der Elektronikindustrie im Süden Chinas zu schaffen. Vor allem kleinere und mittelgroße Hersteller und Zulieferer in den Lieferketten für Bildschirme, Laptops, Smartphones und andere elektronische Geräte haben Schwierigkeiten, ihre Auftragsbücher zu füllen.
Geschwächt von drei Jahren absurd harter Corona-Lockdowns in China und daraus resultierenden Logistik- und Lieferproblemen gibt der andauernde Abschwung in der globalen Elektronik-Industrie vielen Unternehmen nun gerade den Rest. In der „Werkbank der Welt“ rund um Shenzhen, Guangzhou oder Dongguan stehen die Wachleute immer häufiger Zigaretten rauchend vor leeren Fabrikhallen, während die Schlangen der Arbeitslosen Fabrikarbeiter gleichzeitig immer länger werden.
Zahl der Insolvenzen seit 2022 beschleunigt
„Die Welle der Bankrotte hat sich in der Industrie in Südchina seit 2022 beschleunigt und auch große Elektronikunternehmen, die seit 30 Jahren im Geschäft waren, schließen eines nach dem anderen ihre Tore“, berichtet DigiTimes Asia in einer bedrückend zu lesenden Reportage.
Schlagzeilen machen nur die Pleiten der größten Unternehmen, während viele KMU mit Dutzenden bis Hunderten von Angestellten oft ganz im Stillen von der Bildfläche verschwinden.
Drittgrößter Laptophersteller schließt Werk
Am 18. April hat es das Werk von Wistron in Taizhou erwischt, wie das Fachportal EET China berichtet. Der weltweit drittgrößte Auftragshersteller von Laptops, der illustre Kunden wie Dell, Sony, HP, Acer und Lenovo beliefert, schickte Tausenden von Mitarbeitern einen Brief, indem die Schließung der Fabrik am 26. April angekündigt wurde.
Wenn es einen so großen Standort erwischt, in diesem Fall einen mehr als fünf Quadratkilometer großen Komplex aus Maschinenparks, Fertigungs- und Lagerhallen, in den das Unternehmen im Laufe der Jahre rund eine Milliarde Euro investiert hatte, so leiden in seiner Umgebung auch viele kleinere Zulieferer für die LCD-Monitore, LED-Leuchtpanele, Touch-Panels, Lichtleiterplatten oder Laptop-Computer, die dort gefertigt wurden.
Das ganze Jahr 2022 hatte der Markt für Laptops schon geschwächelt, mit globalen Verkäufen von 285 Millionen Einheiten, 16 Prozent weniger als zu den Spitzenzeiten in 2021. Im ersten Quartal 2023 hat sich die globale Flaute fortgesetzt.
Chinas Wirtschaft erholt sich nur langsam
Auch der heimische Elektronikmarkt in China ist seit Anfang dieses Jahres sehr träge geblieben, obwohl die kommunistische Führung Chinas zum Jahreswechsel überraschend sämtliche Maßnahmen ihrer „Null-Covid-Politik“ kurzfristig eingestellt hatte.
Trotz der allmählichen Erholung der chinesischen Wirtschaft, die nun einsetzt, bleiben viele Konsumenten noch vorsichtig und halten sich mit der Anschaffung von nicht-essenziellen Gütern zurück. Auch eine anhaltende Krise auf dem chinesischen Immobilienmarkt wirkt sich negativ auf das Konsumverhalten der Chinesen aus.
Bislang kein Ende der Pleitewelle sichtbar
Vor dem Hintergrund steigender Rohmaterial-Preise und schlechter Marktprognosen ist momentan kein Ende der Pleitewelle in Südchina absehbar. „Weitere Fertigungsbetriebe für elektronische Geräte in Südchina werden schließen müssen“, schreibt DigiTimes Asia.
Die gegen etliche chinesische Firmen wie Huawei Technologies, China Telecom und das Videoüberwachungsunternehmen Hikvision, aber auch Supercomputing-Rechenzentrumsentwickler wie Shanghai High-Performance Integrated Circuit Design Center, Sunway Microelectronics, National Supercomputing Center Jinan, National Supercomputing Center Shenzhen, National Supercomputing Center Wuxi und National Supercomputing Center Zhengzhou gerichteten US-Handelssanktionen schwächen die wirtschaftliche Lage in Südchina zusätzlich, wo die Fertigung von elektronischen Vor- und Endprodukten eine der Hauptsäulen der örtlichen Wirtschaft ist.
Großkunden wie Apple verlagern Teile ihrer Produktion weg von China
Ein Beispiel dafür sei der chinesische Hersteller OFILM, schreibt das chinesische Wirtschaftsmagazin 21jingji. Es schreibt schon seit dem zweiten Quartal 2021 rote Zahlen. Dann gab es im ersten Quartal 2023 eine extrem schlechte Nachricht. „Der Leistungsverlust von OFILM in diesem Jahr hat hauptsächlich damit zu tun, dass es als Zulieferer von der Lieferkette für Apple gestrichen wurde“, schreibt das Blatt.
Apple und andere amerikanische Unternehmen produzieren zwar weiter in China für den chinesischen Markt, haben jedoch begonnen, einen Teil ihrer Fertigung für globale Exporte nach Südostasien oder Lateinamerika zu verlagern.
Stand: 08.12.2025
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Chinesischer Anteil an US-Importen sinkt deutlich
Die rücksichtslos harten Corona-Lockdowns des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping, der persönlich „einen Krieg gegen das Virus“ ausgerufen hatte, haben viele ausländische Unternehmen China erstmals in einem neuen Licht sehen lassen. Wegen der anhaltenden geopolitischen Spannungen fürchten sie nun weitere drastische Massnahmen und beginnen mit einer schrittweisen Diversifizierung ihrer Lieferketten.
Nach und nach schlägt diese Schwächung der chinesischen Elektronikindustrie auch auf globale Statistiken durch. Waren im Juli 2020 die Exporte von elektronischen Geräten und Ausrüstungen in die USA noch für 35,2 Prozent aller US-Importe verantwortlich, war dieser Anteil bis zum November vergangenen Jahres schon auf 28,5 Prozent gesunken, während die Exportanteile von Ländern wie Vietnam und Indien steigen. (me)
* Henrik Bork ist Managing Director und Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen mit Sitz in Peking.