Interview Bosch Alle Fakten zur ISO 26262

Redakteur: Martina Hafner

Die ISO 26262 soll als Norm zur funktionalen Sicherheit von Straßenfahrzeugen die IEC 61508 in der Autoindustrie ablösen. Die wichtigsten Fakten zur Norm verrät der Experte von Robert Bosch Jürgen Sauler im Gespräch mit ELEKTRONIKPRAXIS.

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Welche Motivation hat die Autoindustrie für einen eigenen Sicherheitsstandard wie die ISO 26262?

Formaljuristisch ist heute bei der Entwicklung elektrischer und elektronischer Systeme für Straßenfahrzeuge der generische Standard für funktionale Sicherheit IEC 61508 umzusetzen. Allerdings ist diese Norm für die Automobilbranche ungeeignet, da sie nicht vollständig anwendbar ist. Um aus dieser rechtlichen Grauzone herauszukommen, wird seit 2003 zuerst in Deutschland und Frankreich und seit 2005 international an der Norm ISO 26262 gearbeitet. Sie stellt die automobilspezifische Ableitung der IEC 61508 dar und wird diese zu ihrem Veröffentlichungszeitpunkt ablösen.

Welche Probleme sieht die Automobil-industrie in der IEC 61508?

Die Ursprünge der IEC 61508 liegen in der chemischen Industrie. Dort ist der Grundgedanke ein „Equipment under control“ (EUC), zum Beispiel eine chemische Anlage. Die potenziellen sicherheitskritischen Fehlfunktionen einer solchen Anlage werden durch externe Sicherheitsmechanismen, wie z.B. Überdruckventile, minimiert. Die Sicherheit eines Straßenfahrzeugs hängt dagegen von der korrekten Ausführung des Systems selbst ab, d.h. die Sicherheit ist in das System hineinzuentwickeln. Das System muss „aus sich selbst heraus“ sicher sein. Die IEC 61508 geht implizit davon aus, dass die Anlagen Einzelstücke bzw. Miniserien sind. In der Automobilindustrie ist Massenfertigung der Standard. Die neue ISO 26262 berücksichtigt deshalb auch den Aspekt der Produktion sowie eine verteilte Entwicklung, wie sie in der Automobilbranche üblich ist.

Kurz gesagt: Was ist die ISO 26262 und womit befasst sie sich?

Die ISO 26262 besteht insgesamt aus 10 Bänden und beschreibt die Anforderungen an den gesamten Produktlebenszyklus sicherheitsrelevanter elektrischer/elektronischer Systeme für Straßenfahrzeuge. Das beginnt mit der Konzeptphase, geht über System-, Hardware- und Softwareentwicklung und Produktion bis hin zu Service und Außerbetriebnahme. Nehmen Sie als Beispiel einen Airbag, in dem ein Gasgenerator, der auch unter das Sprengstoffgesetz fällt, eingebaut ist. Sie müssen sicherstellen, dass bei der Entsorgung des Airbags niemand zu Schaden kommt. Band 2 „Management of Functional Safety“ definiert lebenszyklusübergreifend Anforderungen an das Management und die Organisation. Band 8 beschreibt neben den unterstützenden Prozessen wie Konfigurations- oder Anforderungsmanagement Methoden zur Qualifizierung von Tools, Hardware- und Softwarekomponenten. In Band 9 sind Analysemethoden beschrieben und Band 10 enthält eine informative Guideline zur Anwendung des gesamten Standards.

Für welche Straßenfahrzeuge wird die ISO 26262 künftig gelten?

Ursprünglich sollte die ISO 26262 für alle Straßenfahrzeuge gelten, allerdings wurde der Anwendungsbereich auf PKWs bis zu 3500 kg eingeengt. Allerdings wird die Anwendung für andere Fahrzeuge nicht ausgeschlossen. Das hat zur Folge, dass für alle anderen Straßenfahrzeuge wie LKW oder Motorräder nach wie vor die IEC 61508 die formal gültige Norm ist. Wir verstehen die ISO 26262 als eine sinnvolle Interpretation der IEC 61508 für alle Straßenfahrzeuge und deshalb werden wir sie auch für Produkte, die in allen Straßenfahrzeugen eingesetzt werden anwenden.

Was bedeutet die ISO 26262 für die Softwareentwicklung?

Die Anforderungen an die Entwicklung von Software sind in Band 6 beschrieben. Bis auf zwei oder drei Ausnahmen beziehen sie sich auf den Entwicklungsprozess. Der ISO 26262 liegt ein V-Cycle als Referenzmodell zugrunde. Dieses reicht von der Ermittlung der Sicherheitsanforderungen an die Software über Architekturentwurf, Software-Unit-Design und Test, hierarchischer Integration bis hin zur Validierung der Software. Sie werden hier keine Überraschungen finden: Vergleichbare Vorgehensweisen sind in jedem Standardwerk über Softwareengineering beschrieben. Die große Herausforderung liegt nicht in den einzelnen Maßnahmen, sondern in der Durchgängigkeit über den gesamten Entwicklungsprozess für Software. Die Rückmeldungen aus den verschiedenen Entwicklungsbereichen bei Bosch gehen dann auch in die Richtung, dass verstanden und akzeptiert wird, was in den verschiedenen Phasen gefordert wird. Wenn Sie sich überlegen, was die Aufgabe einer Standardisierung ist, nämlich in diesem Fall den aktuellen Stand der Technik zur Entwicklung von Software festzuschreiben, dann hätten wir bei einem anderen Ergebnis diese Arbeit auch nicht richtig gemacht.

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