Vom Übernahmekandidaten zum Konkurrenten: US-Chiphersteller Wolfspeed möchte seine begehrten Verbindungshalbleiter in der Nähe seiner wichtigen Automotive-Kunden in Europa fertigen. Das dürfte Infineon nicht gefallen: Der Leistungs-IC-Marktführer hätte Wolfspeed 2016 gerne übernommen. Währenddessen investiert BorgWarner 500 Millionen US-Dollar in Wolfspeed.
Moderne Verbindungshalbleiter wie Siliziumkarbid sind besonders in elektrischen Leistungsanwendungen wie Elektroautos gefragt, wo sie mit hoher Energieeffizienz punkten. Wolfspeed hat sich auf eben diese Halbleiter mit breiter Bandlücke spezialisiert – und plant seine geografische Expansion.
(Bild: Jaguar Land-Rover)
Bereits im März hatte Gregg Lowe, Vorstandsvorsitzender des amerikanischen Halbleiterherstellers und Infineon-Konkurrenten Wolfspeed, im Interview mit der F.A.Z. gesagt, dass er gerne eine eigene Chipfabrik in Europa bauen würde. Auch Deutschland als Standort könne er sich vorstellen – vorausgesetzt, die Finanzierungsbedingungen seien günstig, sprich: Es fließen ausreichend Subventionen.
Nun scheinen die Pläne Gestalt anzunehmen: Gegenüber dem Handelsblatt wiederholte Lowe seine früheren Aussagen mit dem Hinweis, auch Standorte in Deutschland zu prüfen. Viele seiner Kunden, die zu einem großen Teil in der Automobilindustrie tätig sind, würden sich ein Werk in ihrer Nähe wünschen. Man habe sich bereits gut ein Dutzend potenzielle Standorte angeschaut – auch in der Bundesrepublik.
Siliziumkarbid: Gefragte Leistungshalbleiter (nicht nur) für Elektroautos
Für die EU wäre ein Engagement von Wolfspeed eine weitere Möglichkeit, im Halbleitermarkt über die letzten Jahrzehnte verloren gegangenen Boden gutzumachen und so dem ehrgeizigen Ziel näherzukommen, wieder eine bedeutende Rolle bei der Chipversorgung dieser Welt einzunehmen. Speziell im Bereich von Highend-Logikchips mit Technologieknoten unter 7 nm will die EU mithilfe des europäischen Chipgesetzes (EU Chips Act), einem noch nicht verabschiedeten Mega-Investitionspaket, einen Produktionsanteil von 20 Prozent am Weltmarkt bis 2030 erzielen.
Wobei Wolfspeed ausschließlich Leistungshalbleiter herstellt – eine Halbleitervariante, bei der insbesondere Deutschland mit dem globalen Marktführer Infineon und auch dem Elektronikriesen Bosch bereits sehr gut aufgestellt ist. Wolfspeed fokussiert sich dabei auf die immer stärker nachgefragten so genannten „Wide-Bandgap“-Verbindungshalbleiter Siliziumkarbid (SiC) und Galliumnitrid (GaN), beides Materialien mit großer Bandlücke.
Vom Übernahmekandidaten zum Konkurrenten
Für Infineon wäre eine Ansiedlung von Wolfspeed ärgerlich: Der Neubiberger Konzern hatte 2016/17 versucht, den US-Konkurrenten von seinem Vorbesitzer Cree zu übernehmen und so sowohl SiC- und GaN-Knowhow zu erlangen als auch ihre Präsenz auf dem wichtigen amerikanischen Markt auszubauen. Das US-Unternehmen war damals noch ein kleinerer Anbieter mit etwa 500 Mitarbeitern, der sich auf die Verbindungshalbleiter spezialisiert hatte. Gegenüber Leistungschips auf Siliziumbasis ermöglichen SiC- und GaN-Halbleiter höhere Schaltfrequenzen bei gleichzeitig geringerem Energieverlust. Damit sind sie besonders attraktiv für den Einsatz in Elektroautos oder für schnellere Mobilfunktechniken.
Letztlich scheiterte die Akquisition an den Bedenken der US-Regierung. Konkret legte der US-Ausschuss für ausländische Investitionen CFIUS (Committee on Foreign Investments in the United States) sein Veto ein.
BorgWarner investierte eine halbe Milliarde US-Dollar in Wolfspeed
Letzten Monat hat Wolfspeed auf dem Investorentag des Unternehmens eine mehrjährige Kapazitätserweiterung im Wert von 6,5 Milliarden Dollar angekündigt, die die Installation zusätzlicher Werkzeuge in der hochmodernen 200-mm-Fertigung des Unternehmens in Mohawk Valley und den Bau einer 445 Hektar großen Siliziumkarbid-Materialfabrik in North Carolina umfasst. Damit soll die bestehende Materialkapazität des Unternehmens um mehr als das Zehnfache steigen. Die erste Bauphase soll bis Ende des Geschäftsjahres 2024 abgeschlossen sein.
Mitte November 2022 hatte BorgWarner, Anbieter innovativer und nachhaltiger Mobilitätslösungen für den Fahrzeugmarkt, bekannt gegeben, im Rahmen einer strategischen Partnerschaft 500 Millionen US-Dollar in Wolfspeed zu investieren und sich damit eine jährliche Kapazität von bis zu 650 Millionen US-Dollar für Siliziumkarbid-Bauelemente zu sichern. „Siliziumkarbid-basierte Leistungselektronik spielt für unsere Kunden eine immer wichtigere Rolle, da unser Geschäft mit Elektrofahrzeugen weiter an Fahrt gewinnt“, sagt Frédéric Lissalde, Präsident und CEO von BorgWarner. Er hofft auf eine zuverlässige Versorgung mit hochwertigen Siliziumkarbid-Bauelementen, die für die Wachstumspläne des Unternehmens im Bereich Wechselrichter „von großer Bedeutung“ seien.
Stand: 08.12.2025
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Gemeinsame Entwicklung von neuen Siliziumkarbidprodukten
Im Rahmen der Zusammenarbeit prüfen Wolfspeed und BorgWarner außerdem eine engere Zusammenarbeit, um die Technologieentwicklung zu beschleunigen. „Wir freuen uns über die Möglichkeit, gemeinsam mit Wolfspeed, dem Marktführer im Bereich Siliziumkarbid, an der Entwicklung der nächsten Generation von Siliziumkarbidprodukten zu arbeiten“, sagt Lissalde. Gemeinsam wolle man Innovationen vorantreiben, den weltweiten Übergang zu Elektrofahrzeugen beschleunigen und BorgWarners Vision einer sauberen, energieeffizienten Welt fördern.
Nach eigenen Angaben ist der Zugang zu einer speziellen Versorgung mit Siliziumkarbid-Bauelementen für BorgWarners Wachstumsplan für Wechselrichter und die Ziele von BorgWarners „Charging Forward“-Strategie von großer Bedeutung. Diese formuliert als Ziel einen Umsatz von 4,5 Milliarden US-Dollar mit Elektrofahrzeugen im Jahr 2025 – im Jahr 2021 waren es weniger als 350 Millionen US-Dollar. Basierend auf neuen Geschäftsabschlüssen und Akquisitionen, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Ergebnisse des dritten Quartals bekannt gegeben wurden, ist BorgWarner der Ansicht, dass das Unternehmen bereits auf dem besten Weg ist, bis 2025 einen Umsatz von etwa 4 Milliarden US-Dollar mit Elektrofahrzeugen zu erzielen.
Wolfspeed-Aktie nach Talfahrt auf Erholungskurs
Die Aktie des hochspezialisierten Chipherstellers konnte sich lange gegen die seit Monaten grassierende Schwäche im Halbleitersektor stemmen. Schließlich machte die nicht zuletzt für die Elektromobilität wichtige SiC-Technik das Unternehmen zum Liebling der Aktionäre. Nach einer steilen Rally im Sommer näherte sich das Papier sogar wieder dem Allzeithoch vom November 2021 an – das gelang nur wenigen anderen Halbleiterwerten.
Doch Ende Oktober, nach dem Verkünden seiner Geschäftszahlen für das erste Quartal seines Fiskaljahres, ging es für die Aktie steil bergab: Sie fiel von knapp 115 US-Dollar innerhalb weniger Tage auf knapp über 81 US-Dollar. Dabei konnte Wolfspeed die Umsatzschätzungen von Analysten sogar leicht übertreffen: Es wies Umsätze von 241,3 Milliionen US-Dollar aus, prognostiziert waren 239,77 Millionen.
Der Grund für den Absturz war, dass das Unternehmen seine Prognosen für das zweite Quartal 2023 auf 215 bis 235 Millionen US-Dollar heruntergeschraubt hatte – Analysten waren von über 250 Millioinen US-Dollar ausgegangen. Bis zum massiven Investment von BorgWarner konnte sich das Papier wieder auf rund 90 US-Dollar erholen, wo es seitdem verharrt. (me)