Interview Holger Krumme, ALTER | HTV „Wir können Lagerzeiten von bis zu 50 Jahren erreichen“

Das Gespräch führte Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Eine Zeitkapsel für die Elektronik: Elektronische Bauteile bleiben in einem speziellen Lager bis zu 50 Jahre funktionsfähig. Doch die Spezialisten von HTV können mehr. Was das ist, erzählt CEO Holger Krumme im Gespräch.

Von der winzigen MCU über komplexe FPGAs bis zu ganzen Wafer-Chargen. Bei HTV in Bensheim lässt sich Elektronik unter speziellen Bedingungen bis zu 50 Jahre lagern. Doch die Experten vor Ort können noch mehr.(Bild:  ALTER | HTV)
Von der winzigen MCU über komplexe FPGAs bis zu ganzen Wafer-Chargen. Bei HTV in Bensheim lässt sich Elektronik unter speziellen Bedingungen bis zu 50 Jahre lagern. Doch die Experten vor Ort können noch mehr.
(Bild: ALTER | HTV)

In zwölf fensterlosen Lagerbereichen in Bensheim,die aus massivem Beton bestehen, werden auf einer Fläche von bis zu 10.000 Quadratmetern elektronische Komponenten bei individuellen, tiefen Temperaturen und unter unbrennbaren Umgebungsbedingungen gelagert. Von der winzigen MCU über komplexe FPGA-Bausteine bis hin zu ganzen Wafer-Chargen. Der jüngste Trend: Immer mehr Unternehmen lagern komplette 6-Zoll- und 8-Zoll-Wafer ein, da viele Produktionslinien abgekündigt werden und die Hersteller Last-Order-Aufforderungen verschicken.

Anders als bei herkömmlichen Stickstofflagerungen, die lediglich Oxidationsprozesse verlangsamen, schützt das kontinuierlich weiterentwickelte TAB-PLUS-Langzeitkonservierungsverfahren vor sämtlichen 13 identifizierten Alterungsprozessen. Dazu gehören unter anderem Whiskerbildung, Diffusion und Schadstoffabsorption. Während Stickstofflagerung nur die Oxidation verhindert, adressiert das von HTV entwickelte Spezialverfahren gerade bei modernen Halbleitern mit ihren winzigen Strukturen die entscheidenden auch internen Diffusionsprozesse, die sonst zur Degradation und auch Fehlfunktion führen würden.

Kunden aus Medizintechnik, Bahnwesen und Luftfahrt

Eine besondere Spezialität von HTV ist die Langzeitkonservierung elektronischer Komponenten, wie MCUs oder FPGAs, bis hin zu ganzen Wafer-Chargen. Um Lagerzeiten von bis zu 50 Jahren zu erreichen, sind besondere klimatische Bedingungen notwendig.(Bild:  ALTER | HTV)
Eine besondere Spezialität von HTV ist die Langzeitkonservierung elektronischer Komponenten, wie MCUs oder FPGAs, bis hin zu ganzen Wafer-Chargen. Um Lagerzeiten von bis zu 50 Jahren zu erreichen, sind besondere klimatische Bedingungen notwendig.
(Bild: ALTER | HTV)

Hier werden elektronische Komponenten durch das Verfahren für bis zu 50 Jahre haltbar gemacht. Die Kunden aus Medizintechnik, Bahnwesen und Luftfahrt freut es, wenn ihre Produkte Jahrzehnte überdauern, da deren End-of-Life-Management oft mehr als 30 % der Produktionskosten verschlingt.

Die Langzeitkonservierung ist eine Spezialität von HTV in Bensheim. Doch das in einem Industriegebiet am Rande der Stadt angesiedelte Unternehmen kann mehr. Was Industriekunden erwarten können, habe ich mit Holger Krumme besprochen. Er ist CEO bei ALTER | HTV.

Herr Krumme, HTV hat sich in den letzten Jahrzehnten stark entwickelt. Wie hat alles begonnen und wo stehen Sie heute?

Elektronische Komponenten unter speziellen Bedingungen bis zu 50 Jahre lagern: Das ist eine Spezialität von HTV in Bensheim. Holger Krumme ist CEO von ALTER | HTV und das Unternehmen startete als Testdienstleister für Elektronik-Bauteile und -Komponenten.(Bild:  ALTER | HTV)
Elektronische Komponenten unter speziellen Bedingungen bis zu 50 Jahre lagern: Das ist eine Spezialität von HTV in Bensheim. Holger Krumme ist CEO von ALTER | HTV und das Unternehmen startete als Testdienstleister für Elektronik-Bauteile und -Komponenten.
(Bild: ALTER | HTV)

Wir sind vor fast 40 Jahren als Testdienstleister für Elektronik-Bauteile und -Komponenten gestartet. Seitdem haben wir uns kontinuierlich weiterentwickelt. Heute zählen fast 150 Mitarbeiter zu unserem Team, und wir sind seit zwei Jahren als Teil des TÜV Nord Konzerns in der Business Unit IT & Seminconductor als Teil der Alter Technology tätig. Obwohl sich unser Name mittelfristig noch ändern wird, operieren wir derzeit unter dem Dach von Alter Technology, haben aber Standorte in Deutschland, genauso wie in Spanien, Frankreich und Großbritannien.

Welche Dienstleistungen bieten Sie speziell in Ihrer Business Unit an?

Redakteur Hendrik Härter im Gespräch mit Holger Krumme. Bei HTV werden nicht nur elektronische Bauteile und Komponenten getestet, sondern auch Sicherheitsprotokolle zertifiziert und analysiert.(Bild:  ALTER | HTV)
Redakteur Hendrik Härter im Gespräch mit Holger Krumme. Bei HTV werden nicht nur elektronische Bauteile und Komponenten getestet, sondern auch Sicherheitsprotokolle zertifiziert und analysiert.
(Bild: ALTER | HTV)

Neben dem Testen und der Programmierung oder Flashen von Bauteilen bieten wir auch digitale Dienstleistungen an, etwa bei der Cyber Security. Wir zertifizieren und analysieren Sicherheitsprotokolle, um die Components gegen Cyber-Bedrohungen abzusichern. Unsere Business Unit umfasst auch Bereiche wie künstliche Intelligenz und deren Zertifizierung.

Sie sprachen von der Programmierung und Langzeitlagerung von Bauteilen. Was macht Ihr Vorgehen hier besonders?

Tägliches Flashen und Programmieren von bis zu mehreren hunderttausend Bauteilen gehört zu unserem Tagesgeschäft. Unser Alleinstellungsmerkmal ist jedoch die Langzeitlagerung. Die bisher üblichen Stickstofflagerungen verhindern nur einige Alterungsprozesse wie die Oxidation. Um alle Prozesse zu kontrollieren, haben wir unser innovatives TAB-PLUS-Verfahren (Thermisch-Absorptive Begasung) entwickelt. So können wir Lagerzeiten von bis zu 50 Jahren erreichen.

Können Sie die Herausforderungen der Langzeitlagerung näher erläutern?

Die Hauptherausforderung ist der Schutz der Bauteile vor Materialbeeinträchtigung durch Prozesse wie Diffusion und Schadstoffabsorption. Moderne Bauteile haben viel kleinere Strukturen, bei denen sogar geringfügige Materialveränderungen zu Funktionsbeeinträchtigungen führen können. Unser Verfahren ist gezielt darauf zugeschnitten, diese Prozesse individuell zu adressieren, abzumildern und bestenfalls zu stoppen.

Welche Kunden profitieren von diesen Dienstleistungen?

Hersteller von hochwertigen Investitionsgütern wie Maschinen, Medizingeräten und die Automobilindustrie zählen zu unseren Hauptkunden. Für sie ist es entscheidend, dass kritische Bauteile über Jahre verfügbar bleiben, damit die Produktion nicht unterbrochen wird.

Wie sichern Sie die Qualität der Tests und was zeichnet Ihre Technologie aus?

Wir setzen modernste Mikroskopie und Analysesysteme ein, die es uns ermöglichen, präzise Schicht- und Qualitätsuntersuchungen von Bauteilen und Baugruppen durchzuführen. Auch Investitionen in Großtestsysteme, die mehrere Millionen Euro kosten können, sind für uns unerlässlich, um alle Funktionalitäten eines Bauteils bis hinunter zu den winzigsten Strukturen testen zu können. Dies gibt unseren Kunden die Sicherheit, dass ihre Komponenten unter realen Bedingungen zuverlässig funktionieren.

Welchen Einfluss hat künstliche Intelligenz auf Ihre zukünftige Geschäftsausrichtung?

Künstliche Intelligenz wird zunehmend wichtiger, insbesondere für die Standardisierung und Automatisierung von Testprozeduren und die Erstellung von Berichten. Wir sind zudem über unsere Kollegen in der TÜV-Informationstechnik (TÜVIT) daran beteiligt, neue Standards für die Überwachung und Zertifizierung von KI zu entwickeln.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Wie gehen Sie mit dem Fachkräftemangel um?

Wir arbeiten intensiv mit Schulen und Hochschulen zusammen. Veranstaltungen des DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V.) wie unser 'Tag der Raumfahrt' in unseren Räumlichkeiten richten sich auch an Schüler und Familien in unserer Region und sollen Interesse für die Raumfahrt wecken. Wir fördern junge Talente über Praktika und begleiten sie durch Studien- und Diplomarbeiten, sodass sie sich frühzeitig mit unserer Arbeit identifizieren und dann später auch gerne bei uns bleiben.

Haben Sie noch eine abschließende Botschaft für Entwickler und Ingenieure, die sich für Ihre Arbeit interessieren?

Unser Team bietet eine fesselnde Mischung aus modernen Technologien und einem dynamischen Arbeitsumfeld. Wir ermutigen unsere Mitarbeiter, Verantwortung zu übernehmen und Freiräume zu nutzen. So gewährleisten wir spannende und langfristige Entwicklungsperspektiven – sowohl für unsere Kunden als auch für unsere Mitarbeiter. (heh)

(ID:50429960)