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„Foxconn und Kitron können nebeneinander existieren“

EP: Einige Fertiger bieten ja Express-Angebote an, bei denen sie innerhalb von 48 Stunden einen Leiterplatten-Prototypen fertigen. Wären Sie für so etwas auch der richtige Ansprechpartner?
Lutz: Auch da sind wir der richtige Ansprechpartner. Ich möchte allerdings ein wenig differenzieren: Fertigungsseitig ist so ein 48-Stunden-Service kein Problem. Mit der Materialbeschaffung wird es allerdings kritisch, da wir die Leiterplatte nicht selbst herstellen, die kaufen wir zu. Und da müssten wir natürlich auf Eildienste zurückgreifen. Wenn es aber pressiert, können wir auch innerhalb von - vielleicht nicht immer in 48 Stunden, aber in drei bis fünf Arbeitstagen - Prototypen liefern.
EP: Eine Ihrer Spezialitäten ist die Industrialisierung von Produkten, die Entwicklung vom Prototypen hin zu einer "fertig-baren" Lösung. Welche Rolle spielt dieses Angebot in Ihrer Strategie?
Lutz: Das spielt ebenfalls eine sehr große Rolle. Wir wollen Baugruppen oder Produkte fertigungsfreundlich und kosteneffizient gestalten. Und somit bieten wir unseren Kunden an, dass wir ihr Produkt darauf analysieren, wie man es am besten designen, gestalten und fertigungs-optimal entwickeln kann, damit nachher der bestmögliche Kosten-Nutzen-Effekt in der Produktion durchschlägt.
EP: Es gibt ja in der Elektronikfertigung bei den ganz großen chinesischen und taiwanischen Fertigern - Stichwort Foxconn - einen Trend in Richtung zu immer mehr Automatisierung. Bei Foxconn hat man zum Beispiel gesagt, man setzt immer mehr auf Roboter, um die Kosten weiter zu senken. Ist das eine Option für die Art der Elektronikfertigung, die Sie betreiben?
Lutz: Das ist nicht das Ziel von Kitron. Wir wollen nicht in die Massenfertigung und in die High Volumes. Sie haben Foxconn genannt. In diesen Bereich und in diese Volumina wollen wir gar nicht einsteigen. Kitron ist natürlich immer daran interessiert, den Automatisierungsgrad so groß wie möglich zu machen. Aber unsere Strategie und unsere Volumes liegen in Low- und Middle-Volumes. Und da ist es nicht so zwingend erforderlich, alles über Roboter zu automatisieren, weil keine Millionen-Stückzahlen dahinterstehen.
EP: Also können ein Foxconn und ein Kitron nebeneinander existieren, weil es um ganz andere Produkte und Anforderungen geht?
Lutz: Auf jeden Fall, ja.
EP: Sie sind jetzt drei Jahre im Kitron-Verbund. Wie sieht Ihre Prognose für den Standort Grossbettlingen aus? Welche Erwartungen gibt es?
Lutz: Es gibt Erwartungen - und zwar dergestalt, dass Kitron in Deutschland der Dreh- und Angelpunkt und der Vertriebsstandort für die Kunden im deutschsprachigen Raum ist. Es ist nicht geplant, die Fertigung strategisch auszubauen, so dass man hier in zwei oder fünf Jahren 50 oder 100 Mitarbeiter hätte. Der Schwerpunkt ist es, die Kunden zu gewinnen durch die Schnelligkeit, die Flexibilität und die Präsenz vor Ort. Mit einem deutschen Team wollen wir Kunden für die gesamte Gruppe finden, unabhängig davon, wo hinterher die Produkte gefertigt werden. Der Fertigungsstandort Grossbettlingen soll aber in Zukunft strategisch nicht großartig erweitert werden.
EP: Die Kitron-Gruppe hat sehr viel in Softwareinfrastruktur investiert - in ein neues ERP-System, eine neue MES-Software und ein neues Office-Paket. Profitiert davon auch der Standort Grossbettlingen?
Lutz: Kitron profitiert in Großbettlingen insofern davon, als wir Teil eines großen globalen Systems sind, in dem wir die gleichen Vorteile und den gleichen Nutzen haben wie zum Beispiel unsere Fertigung in Norwegen mit 500 Mitarbeitern. Wir können auf die gleiche Datenbank zugreifen, wir haben die gleiche Service-Performance des ERP-Anbieters und können die Transferkompetenz nutzen, um Produkte zwischen dem einen und dem anderen Standort zu transferieren.
EP: Wie muss man sich die Transferierung von Produkten vorstellen?
Lutz: Aus deutscher Sicht betrachtet, sind wir hier der Front-End-Standort, um schnell Produkte für einen Kunden zu liefern, zum Beispiel Prototypen, Vorserien und auch Kleinserien. Und wenn es dann in die Serienfertigung geht, kann dann der Transfer ohne größeren Aufwand an einen anderen Kitron-Standort reibungslos funktionieren, weil die gleiche Datenbasis sowie das gleiche ERP- und MES-System installiert sind. Und somit kommt kein erneuter Aufwand an einem anderen Fertigungsstandort auf.
Ausserdem wurde, speziell in unserem Fertigungswerk in Osteuropa (Litauen), ein German Customer Team installiert. D.h. alle relevanten Schlüsselpositionen wie z.B. Key Account Manager, Planner, Sourcing etc. sind mit Mitarbeitern besetzt die perfekt deutsch sprechen. Somit gibt es für Transfers auch keine Sprachbarieren.
EP: Erledigen Sie bei Kitron auch selbst Entwicklungsarbeit oder ziehen Sie hier Partner hinzu?
Lutz: Wir bieten unseren Kunden in Deutschland Entwicklungsdienstleistungen an. Das wird aber nicht im eigenen Haus mit eigenem Personal gemacht. Kitron in Deutschland greift auf externe Entwicklungspartner zurück. Wir haben zum einen drei lokale Entwicklungspartner, kleine Ingenieurbüros mit zwischen 5 und 20 Mitarbeitern, und Kitron greift auf die Firma Prevas als Kooperationspartner zurück. Prevas ist der größte skandinavische Entwicklungsdienstleister im Elektronikbereich mit derzeit rund 600 Mitarbeitern.
EP: Wie sehen denn die Anlagen bei Ihnen in Großbettlingen aus?
Lutz: Wir haben in Deutschland drei Stand-alone-SMD Bestückungsautomaten von Mydata der Linie Royonic, eine Royonic-15-Maschine und zwei Royonic-12. Wir haben zwei Siebdrucker, zwei Reflow-Lötöfen, einen für bleifreie und einen für bleihaltige Produktion. Wir haben THT-Bestückungstische und ebenfalls zwei Wellenlötanlagen, eine für bleifreie und eine für bleihaltige Produktion. Wir haben ein AOI-Testsystem, visuelle Mikroskoparbeitsplätze für die manuelle visuelle Kontrolle, wir haben Rework-Stationen für Umbauten und Nacharbeiten im Haus und wir haben eine Anzahl von Standalone-Prüfgeräten.
EP: Das heißt also, Sie haben hier schon einen sehr hohen Automatisierungsgrad?
Lutz: Ja.
EP: Wie hat sich denn der Einstieg in den Kitron-Verbund für den Standort hier ausgewirkt?
Lutz: Das erste Jahr, seitdem ich hier als Geschäftsführer für Deutschland verantwortlich bin, war sehr positiv. Wir haben im Jahr 2011 im Vergleich zu 2010 den Umsatz mehr als verdoppelt. 2010 hatten wir 700.000 Euro Umsatz, 2011 waren es 1,6 Millionen Euro und für dieses Jahr 2012 sind 2,2 Millionen Euro Umsatz geplant. Was hier stark ausgebaut wird, ist die Vertriebs-Power, es werden neue Vertriebsleute gesucht, ein neuer Mitarbeiter fängt am 1. Juli an, ein weiterer für den Bereich Norddeutschland wird im Moment gesucht und akquiriert. Das wird ausgebaut. Die Fertigungskapazitäten werden nicht weiter ausgebaut, wir haben im Moment genügend Kapazität, um Neuprodukte für Neukunden zu produzieren, um Schnellschüsse zu machen - Prototypen, Kleinserien, Vorserien und auch genügend Kapazitäten noch für die Serienproduktion in Deutschland.
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