MedTech-Elektronik unter Druck Sechs kritische Trends beschäftigen die Branche 2026

Von Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter 3 min Lesedauer

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Supply-Chain-Krisen, Cybersecurity-Bedrohungen und regulatorische Verschärfungen werden die deutsche MedTech-Elektronik im Jahr 2026 unter Druck setzen. Der Einsatz von KI ist noch ausbaufähig. Erschwerend kommen PFAS-Verbote, MDR-Compliance und Nachhaltigkeitsauflagen hinzu.

Die Elektronikentwicklung in der Medizintechnik wird sich 2026 unter anderem mit Lieferketten, Cybersecurity und schärferen Regulierungen beschäftigen.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Die Elektronikentwicklung in der Medizintechnik wird sich 2026 unter anderem mit Lieferketten, Cybersecurity und schärferen Regulierungen beschäftigen.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Die deutsche Medizintechnik-Elektronik durchlebt 2026 eine Phase des Umbruchs. Nach den Pandemie-Nachwirkungen hofft die Branche auf moderates Wachstum von 3,1 %. Doch gleichzeitig verstärken sich die Belastungen: Regulatorische Verschärfungen, geopolitische Handelskonflikte und technologische Disruption fordern Elektronikentwickler und Systemintegratoren gleichermaßen heraus. Sechs Trends bestimmen dabei die strategische Agenda.

Supply-Chain-Volatilität trifft High-End-Komponenten

Der erste Druck kommt von außen: Neue Importzölle und Local-Content-Vorgaben in den USA und der EMEA-Region verkomplizieren die Beschaffung kritischer Elektronikkomponenten. Die Reaktion ist eindeutig: 31 % der deutschen MedTech-Unternehmen verlagern bereits Investitionen ins EU-Ausland oder in die USA.

Diese Re-Shoring-Strategien treffen besonders High-End-Komponenten hart: Spezialisierte Sensoren, Mikrocontroller und ASICs für medizinische Bildgebung und Patientenmonitoring werden knapp oder teuer. Eigene Fertigungskapazitäten aufzubauen bindet jedoch enorme Kapital- und Managementressourcen.

Führende Hersteller setzen daher auf flexible EMS-Partnerschaften (Electronic Manufacturing Services). Diese Partner bringen etablierte, diversifizierte Supply Chains mit und können gleichzeitig regulatorische Compliance-Anforderungen erfüllen – ohne die kapitalintensive Bindung eigener Ressourcen.

PFAS-Verbot bedroht kritische Materialien

Parallel verschärft die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) 2026 das Verbot von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS). Das trifft die Medizintechnik-Elektronik hart, denn PFAS sind in Hochfrequenz-Kabeln, Dichtungen und Beschichtungen scheinbar unverzichtbar.

Besonders kritisch: PFAS-Alternativen müssen identische Performance-Parameter erreichen. Temperaturbeständigkeit, chemische Resistenz und dielektrische Eigenschaften dürfen nicht leiden. In HF-Anwendungen für Bildgebungsgeräte und implantierbare Devices wird jede Abweichung zum Sicherheitsrisiko.

Die Lösung liegt in proaktiver Materialqualifikation und beschleunigten Lebensdauertests für PFAS-freie Alternativen. Frühzeitige Partnerschaften mit Spezialchemie-Herstellern und die Integration in Design-Reviews senken spätere Retrofit-Kosten erheblich.

KI-Integration bleibt Schwachstelle

Während andere Branchen KI längst produktiv nutzen, hinkt MedTech hinterher: Nur 24 % der Hersteller setzen KI in Produkt- und Fertigungsorganisation ein. In der Hightech-Industrie sind es sogar nur 51 %. Die Gründe sind nachvollziehbar: Komplexe FDA/CE-Zertifizierung für KI-basierte Medizinprodukte und strenge Datenschutz-Compliance bremsen Innovationen.

Dabei entstehen täglich neue Technologielücken: Edge-AI für Echtzeitdiagnostik in vernetzten Geräten, Predictive Maintenance für High-Value-Equipment, KI-gestützte Qualitätskontrolle in der Fertigung und adaptive Algorithmen für personalisierte Therapien bleiben ungenutzt.

Der Ausweg sind eine getrennte KI-Integration in regulierte Produktfunktionen versus nicht-regulierte Fertigungsprozesse. Manufacturing-4.0-Partner mit KI-ready-Infrastrukturen bieten risikoarme Skalierung, ohne dass Unternehmen jahrelang interne Kapazitäten aufbauen müssen.

Cybersecurity wird zur Achillesferse vernetzter Geräte

Je vernetzter Medizingeräte werden, desto verwundbarer werden sie. Bereits 22 % der Healthcare-Organisationen erlebten Geräte-Kompromittierungen. Bei 75 % war die Patientenversorgung direkt betroffen. Ab September 2026 verschärfen EU-weite Meldepflichten für Security-Vorfälle (Cyber Resilience Act) den Handlungsdruck zusätzlich.

Die technischen Schwachstellen sind bekannt: Legacy-Software in langlebigen Medizingeräten, unverschlüsselte Device-to-Cloud-Kommunikation, fehlende Over-the-Air-Update-Mechanismen und schwache Authentifizierung bei IoMT-Devices (Internet of Medical Things).

Security-by-Design wird daher zum Standard: Hardware Security Modules (HSM), sichere Boot-Prozesse und kryptographische Geräte-Identitäten sind nicht mehr optional. NIS2-Compliance erfordert durchgängige Security-Monitoring-Systeme und professionelle Incident-Response-Pläne.

Nachhaltigkeit verschärft Materialanforderungen

Auch die Nachhaltigkeits-Regulierung verschärft sich: Ab August 2026 wird die EU-Verpackungsverordnung verbindlich und schreibt höhere Recyclingfähigkeit vor – explizit auch für Medizinprodukte. Deutschland führt EU-weit mit 18 Mio. Tonnen Verpackungsmüll.

Die technische Herausforderung: Sterilitätsanforderungen und Barrierefunktionen limitieren die Materialauswahl bei medizinischen Verpackungen erheblich. Lifecycle Assessment (LCA) wird zum Standard-Tool für Nachhaltigkeitsbewertung und muss bereits im Design-Prozess berücksichtigt werden.

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Biokompatible, recycelbare Kunststoffe für Device-Gehäuse und modulare Designs für bessere Reparierbarkeit bieten Lösungsansätze. Die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) beeinflusst dabei indirekt auch MedTech-Komponenten.

Regulatorische Komplexität überfordert Entwicklungsressourcen

Der sechste und vielleicht kritischste Trend: Die regulatorische Komplexität übersteigt die Kapazitäten der Unternehmen. Noch gelten verlängerte Übergangsfristen für Bestandsprodukte unter der MDR bis Ende 2027/2028. Parallel laufen Verschärfungen bei Chemikalien-Regulierung und Cybersecurity-Auflagen.

Besonders dramatisch für den Mittelstand: 93 % der deutschen MedTech-Unternehmen sind kleine und mittlere Betriebe. Hochqualifizierte Entwickler verbringen zunehmend Zeit mit Zertifizierungs-Aufgaben statt mit weiteren Entwicklungen. Das ist ein fataler Trend für die Wettbewerbsfähigkeit.

Fokus auf Kernkompetenzen durch strategische Partnerschaften

Alle sechs Trends haben eine gemeinsame Botschaft: Die Komplexitäts-Explosion überfordert selbst etablierte Entwicklungsorganisationen. Erfolgreiche Unternehmen reagieren mit einer klaren Fokussierung. Sie konzentrieren sich auf ihre technologischen Differenzierungsmerkmale und lagern standardisierbare Aufgaben an spezialisierte Partner aus.

Diese Arbeitsteilung ist mehr als Kostensenkung, sie ist Überlebensstrategie. Während interne Teams an den nächsten Produktgenerationen arbeiten, übernehmen externe Partner Zertifizierungs-Management, Quality-Assurance-Prozesse und Compliance-Aufgaben.

Die Agenda für 2026 ist klar: Supply-Chain-Risiken durch Multi-Sourcing und EMS-Partnerschaften diversifizieren, PFAS-Alternativen proaktiv qualifizieren, KI-Integration in nicht-regulierten Bereichen pilotieren, Security-by-Design etablieren, Lifecycle-Assessment für Nachhaltigkeits-Compliance implementieren und regulatorische Aufgaben strategisch auslagern. (heh)

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