Ein Jahr nach der 5,8 Mrd. Euro schweren Übernahme des US-Halbleiterzulieferers Versum Materials will der Chemie-Konzern im Geschäft mit Chips ganz oben mitspielen: Merck soll von der Digitalisierung mit automatisierten Fabriken, autonomem Fahren und Künstlicher Intelligenz profitieren. Für etwa 18. Mrd. Euro soll zudem in China ein auf OLEDs ausgerichtetes Technologiezentrum entstehen.
Für 18 Mrd. Euro errichtet der deutsche Chemia-Konzern Merck am Standort Jinqiao in Shanghai auf einer Fläche von 3.300 Quadratmeter ein neues Elektronik-Technologiezentrum. Zusammen mit dem Zukauf des US-Halbleiterzulieferers Versum Materials will sich Merck weg von Flüssigkristallen und stärker richtung Chips, insbesondere OLEDS, bewegen.
(Bild: Merck KGaA)
Gut ein Jahr nach der Milliarden-Übernahme des US-Halbleiterzulieferers Versum Materials ist der Umbau der Spezialchemie beim Darmstädter Merck-Konzern weitgehend abgeschlossen. Laut Spartenchef Kai Beckmann dürfte es einen ähnlich großen Zukauf in dem Geschäftsbereich vorerst nicht mehr geben. „Der Druck für eine solche transformative Übernahme ist deutlich reduziert“, sagte der Manager den Nachrichtenagenturen dpa und dpa-AFX. Es sei daher in der Sparte eher mit kleineren ergänzenden Zukäufen bestimmter Technologien zu rechnen. Bis 2022 stehe aber natürlich die Rückzahlung von Schulden im Vordergrund.
Chemiekonzern richtet Spezial-Geschäft stärker auf Halbleiter aus
Versum, ein Hersteller von Spezialmaterialien und -geräten, zählt mit rund 5,8 Milliarden Euro zu den teuersten Übernahmen in der mehr als 350-jährigen Geschichte des Dax-Konzerns. Zudem kauften die Darmstädter den kalifornischen Materialspezialisten Intermolecular für rund 56 Millionen Euro - beide Unternehmen gehören seit Herbst 2019 zu Merck. Das ehemalige Versum-Geschäft wird in die Geschäftseinheit Semiconductor Solutions integriert – neben Display Solutions und Surface Solutions eine der drei Geschäftseinheiten des Unternehmensbereichs Performance Materials.
Damit richtet der Konzern seine Sparte für Spezialmaterialien stärker auf das Halbleitergeschäft aus. Im dritten Quartal wuchs dieses vor allem dank der Zukäufe stark. Ziel ist eine deutlich stärkere Positionierung bei Elektronikmaterialien für die Halbleiter- und Displaytechnologien.
Schub verspricht sich Merck bei Halbleitern etwa durch Trends wie dem neuen Mobilfunkstandard 5G, Künstlicher Intelligenz, autonomem Fahren oder dem Internet der Dinge. Das immense Wachstum an Daten werde das Geschäft mit Chips antreiben, so das Kalkül.
Schon jetzt spiele Merck als Lieferant von Elektronikmaterialien für Computerchips und Displays weltweit in der obersten Liga, sagte Beckmann. In nahezu allen global produzierten elektronischen Geräten seien Materialien des Dax-Konzerns verbaut. Doch Merck will sich auch als Auftragsforscher für Materialerprobung etablieren. Dabei werde die künftige Stärke darin liegen, „für unsere Kunden möglichst viel Breite im Chipherstellungsprozess anzubieten und uns nicht nur auf eine Materialklasse zu konzentrieren“.
Flüssigkristall-Geschäft für Displays und Nachfrage aus Automobil und Kosmetik schwächeln
Merck zog die Konsequenzen aus dem Druck im Geschäft mit Flüssigkristallen, die etwa für Bildschirme und Smartphones verwendet werden. Lange Jahre war der Konzern hier unangefochten Marktführer. Doch dann wuchs die Konkurrenz von asiatischen Anbietern. Merck reagierte und fädelte mit den Übernahmen die Neuausrichtung ein. In der Corona-Krise fiel die Nachfrage nach Flüssigkristallen weiter. Merck musste sein Ziel, mit Spezialmaterialien 2020 nach mauen Jahren wieder zu wachsen, um ein Jahr verschieben.
Aktuell läuft die Verzahnung von Versum und Intermolecular mit Merck trotz Corona-Pandemie besser als gedacht, wie Beckmann sagte. „Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, wir müssen eine Integration durchführen, ohne einmal in den Flieger zu steigen, hätte ich gesagt, das sei schlichtweg unmöglich.“
Mit den Neuzugängen will Merck nicht nur Kosten sparen, sondern vor allem Wachstum generieren. So eröffneten sich etwa neue Chancen durch die Verzahnung des Spezialwissens von Intermolecular mit den Forschungsaktivitäten von Merck, sagte Beckmann. Er sei daher guter Dinge, dass die geplanten Synergien schneller umgesetzt werden könnten als angenommen.
Unterdessen bekommt das Geschäft mit Farbpigmenten die schwächere Nachfrage aus der Autoindustrie und der Kosmetikbranche zu spüren. „Der Lipstick-Effekt, also wenn die Wirtschaft schlecht läuft, wird mehr dekorative Kosmetik verwendet, funktioniert bei Corona nicht“, erläuterte Beckmann. Die Menschen gingen weniger auf Partys und zeigten in der Öffentlichkeit ihr Gesicht oft unter Masken verhüllt.
Stärkere Ausrichtung auf OLEDs: Merck blickt auch nach China
Bei OLED-Materialen für Displays etwa von Smartphones schaut Merck derweil stärker nach China. So investiert der Konzern 18 Millionen Euro in ein neues Technologiezentrum für Halbleiter- und OLED-Materialien in Shanghai. „Wir müssen nah an unseren Kunden in China und Korea sein“, sagte Beckmann. China habe sich zum weltweit größten Produzenten und Nutzer eines breiten Spektrums an Unterhaltungselektronik entwickelt“, sagte Kai Beckmann, CEO Performance Materials und Mitglied der Geschäftsleitung von Merck. „China investiert erneut in Infrastrukturmaßnahmen, um die Digitalisierung weiter voranzutreiben. Für Merck ist Shanghai der richtige Ort und jetzt der richtige Zeitpunkt, um noch stärker in Chinas Elektronik der nächsten Generation zu investieren. Das Wirtschaftswachstum des Landes wird nach Covid-19 in immer stärkerem Maße von innovativen Digitaltechnologien wie 5G, künstlicher Intelligenz, Quantencomputing und dem Internet der Dinge angetrieben.“ Das Technologiezentrum soll Kapazitäten in den Bereichen Analyse und Anwendungstestung für Elektronikmaterialien aufbauen. Die Eröffnung ist in der ersten Jahreshälfte 2022 geplant.
Stand: 08.12.2025
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Organische Leuchtdioden sind bei Displays auf dem Vormarsch und sollen Flüssigkristalle teils ersetzen. Bei Flüssigkristallen rechne Merck auch in den kommenden Jahren mit einem stetigen Umsatzrückgang, sagte Beckmann. „Letztlich haben die immens guten Geschäfte mit Flüssigkristallen über viele Jahre den Konzernumbau bei Merck aber erst möglich gemacht.“