Kommentare und Frage der Woche Geplante Obsoleszenz – das denken unsere Leser
Kaum ein Thema bewegt die ELEKTRONIKPRAXIS-Leser so sehr wie geplante Obsoleszenz. Das zeigen die vielfältigen und kontroversen Reaktionen auf unsere "Frage der Woche" dazu.
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Ende Mai wollten wir in einer Frage der Woche von unseren Online-Lesern wissen, wie sie zum Thema Geplante Obsoleszenz stehen, dem "eingebauten Versagen" von Geräten nach einer bestimmten Zeit. Das Meinungsbild fällt bei der Umfrage recht eindeutig aus: Mit 63% Prozent (346 Stimmen) der Anworten war ein Großteil der Teilnehmer der Ansicht, dass "Geplante Obsoleszenz einfach nur Abzockerei der Industrie" sei.
35% (195 Stimmen) gingen in ihrem Urteil nicht ganz so weit, finden Geplante Obsoleszenz aber schlecht, weil "damit eine Verschwendung von Ressourcen" einhergeht. 1% (6 Stimmen) halten geplante Obsoleszenz als Innovationstreiber für Positiv. Der Aussage "Geplante Obsoleszenz ist notwendig, sonst brechen die Umsätze ein" wollte nur ein einziger Umfrageteilnehmer zustimmen. Insgesamt hatten sich 548 Besucher des ELEKTRONIKPRAXIS-Portals an der Umfrage beteiligt.
Kritiker hegen seit längerem den Verdacht, dass eine limitierte Lebenszeit von Produkten kein reiner Zufall sein könne – und halten den Herstellern ein beabsichtigtes Versagen etwa von Druckern oder Waschmaschinen vor. Teils seien Bauteile von vornherein "funktionell unterdimensioniert", wie eine Studie im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion erläutert.
Die Branche weist die Vorwürfe zurück. "Qualität ist ein sehr wichtiges Kaufkriterium, und sie beeinflusst stark die Markentreue", sagt Werner Scholz, zuständiger Geschäftsführer im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). "Ein Verbraucher, dessen Waschmaschine schon nach relativ kurzer Zeit kaputt geht, wird das nächste Gerät sicherlich von einem anderen Hersteller kaufen." Im Wettbewerb könne sich das keiner leisten. Laut ZVEI gibt es etwa 180 Millionen Elektrogeräte in Deutschland, davon seien rund 75 Millionen schon älter als zehn Jahre.
Viele ELEKTRONIKPRAXIS-Leser wollten es nicht mit einem Klick auf die Frage der Woche bewenden lassen und gaben einen Kommentar zu dem Thema ab. Gerade die Aussage von ZVEI-Geschäftsführer Werner Scholz erregte dabei Widerspruch, etwa von User Chris_791: "Selten so gelacht! Um auswählen zu können, bedarf es schließlich einer Auswahl. Was soll ich denn auswählen, wenn praktisch jeder Hersteller Mist produziert? Außerdem: wenn ich nach einiger Zeit feststelle, dass mein Gerät nichts taugt, habe ich es ja schon gekauft. Dann ist es zu spät."
In die gleiche Kerbe schlägt – wenig überraschend – Stefan Schridde, einer der Autoren der Studie Geplante Obsoleszenz und Initiator der Website Murks? Nein Danke!: "Die bisherigen Einwände der Hersteller sind substanzlos und gehen in keiner Weise auf die Vielzahl benannter Belege und fachlichen Ausführungen ein. Wichtig ist mir eine öffentliche Debatte, die aufklärt und zielführend Wege aufzeigt, wie eine nachhaltige Produktverantwortung umgesetzt wird."
Dem ZVEI-Mann zur Seite springt dagegen ein unregistrierter User: "Wir alle neigen dazu, die tatsächlichen Fakten zu verdrehen. Im Bezug auf die „geplante“ Obsoleszenz gewinne ich diesen Eindruck immer öfter: Mittlerweile bin ich bei 5 Repair Café Veranstaltungen (repaircafe.de) aktiv als Reparateur dabei gewesen und in KEINEM Fall konnte ich „GEPLANTEN“ Verfall feststellen!
Vielmehr:
- wurden Geräte unwissentlich falsch bedient oder unachtsam behandelt (was aber einfach passiert und nicht die Schuld eines Herstellers ist)
- sind fast alle defekten Geräte DEUTLICH länger im Betrieb gewesen als die Garantiezeiten es den Hersteller vorschreiben
- sind meist nur kleine Verschleißteile defekt, z.B. ein Gummiriemen an einem 15 Jahre alten Dual-Plattenspieler oder ein Kondensator in einem Monitor.
- neigen eher billige Geräte zu gravierenderen Defekten als teure und ließen sich zudem schlechter reparieren
- sind Ersatzteile für Markenartikel erhältlich und das sehr günstig dank des Internets
- sind die Benutzer meist sehr sehr sehr enttäuscht (grundlos), wenn das Gerät – zweckentfremdet – kaputt geht.
- treten Fehler sehr häufig in elektronischen Schaltungen auf, die allesamt billigst in Asien gefertigt sind (denn nur so lässt sich hier in Deutschland ein Konsumartikel so billig verkaufen)
Im Übrigen möchte ich keine Lanze für die Hersteller brechen, denn es wird wirklich viel Murks gebaut. Aber einen Generalverdacht auszusprechen halte ich für genauso falsch wie das unrefklektierte Konsumieren und Wegwerfen funktionsfähiger Elektronik. Und einen Einfluß darauf hat jeder von uns durch seine Kaufentscheidung!"
Ähnlich sieht es der User FERGEHOF: JA, die Grünen haben (ein wenig) Recht. Manche Geräte gehen früh kaputt. Seltsam, dass meine Geräte davon nicht betroffen sind. Das ist in der Regel auch Markenware und kein Schrott, den ich nach der Methode Geiz ist geil beim allerbillgsten Anbieter gekauft habe. Wenn man Qualität will, muss man sie auch bezahlen. Unter dem Strich ist das billiger.
Dass heutzutage die Geräte nicht mehr zu öffnen und damit nicht mehr servicefähig sind, hat verschiedene Gründe. Einer liegt beim übertriebenen Rechtsbewusstsein der Verbraucher. Früher hat man seine Geräte selbst repariert und wenn danach die Kiste abbrannte, landete sie im Müll. Heute muss ich als Hersteller damit rechnen, dass mir ein Rechtsanwalt auf den Leib rückt. Ich hätte wirksam verhindern müssen, dass Laien an dem Gerät manipulieren. Also gut, dann wird halt verklebt oder mit Einwegschrauben gearbeitet. Hat der allgemeine Verbraucher davon profitiert? Nein."
Auch der User R. Müller, der bis 2006 insgesamt 38 Jahre in der Entwicklung von Telekommunikationsgeräten tätig war, vertritt eine differenzierte Sicht auf das Thema: "Ich denke, es gibt bei diesem Thema ein sowohl als auch. Auf der einen Seite der permanente Preisdruck der ja schon in der Entwicklung beginnt. Und es gibt auch a.d.a. Seite Unwissen bei Entwicklern und Bauteileeinkäufern und der Qualitätssicherung.
Es ist kein Zufall daß bei der öffentlichen Diskussion häufig Elektrolytkondensatoren auffällig werden .Der Zusammenhang von Umgebungstemperatur und Lebensdauer ist ein komplexer Zusammenhang, der gerne leichtfertig beiseite gewischt wird, nach dem Motto: Ist doch nur ein einfacher Kondensator. (Der Unterschied) Zwischen dem einfachen Kondensator und dem sorgfältig nach bestem verfügbaren Wissen ausgelegten kann im Preis schon mal den Faktor zwei oder mehr ausmachen."
Ein nicht registrierter User sieht in den politischen Rahmenbedingungen eine Ursache: "Ein nicht zu unterschätzender, aber bisher in den Medien wenig beachteter Faktor sind auch die politischen Vorgaben, etwa die Thematik RoHS. Es werden Begriffe wie Umwelt und Nachhaltigkeit in den Vordergrund gestellt, dabei sorgen die Vorgaben klar für eine schlechtere Produktqualität. Man denke hier beispielhaft an die Probleme mit thermisch beanspruchten BGA-Bauteilen (etwa bei Laptops) oder auch Whiskerbildung. Nicht umsonst hat man offenbar für eine Übergangszeit Medizin- und andere wichtige Produkte von RoHS ausgenommen – nur die dummen Normalnutzer sollen gefälligst die Umsätze ankurbeln und ihr Zeug regelmäßig wegwerfen.
Ansonsten sehe ich die Thematik auch zweischneidig: einiges, was in den Obsoleszenzvorwürfen als negative Absicht zur Sprache kommt, sind teils technische Präferenzen (der dicke Elko sitzt nicht zum Verheizen in der Nähe des Leistungstransistors, sondern weil der Entwickler im ersten Moment an die Störabstrahlung und Leitungsverluste gedacht hat, dabei aber weitere Aspekte erstmal vergisst).
Persönlich ist mir der Konsumterrorismus mittlerweile ein Graus, und ich kaufe so wenig wie möglich neu im technischen Bereich. Wenn, dann greife ich – wo möglich – in professionelle(re) Bereiche, wo noch erkennbar mehr Qualität und auch Service geboten wird (z.B. bei Netzwerk-Hardware oder Elektrowerkzeugen)."
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