Branchen wie die Logistik, Handwerk und Produktion beanspruchen nicht nur die Gesundheit der Mitarbeiter, sondern auch die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen. Ein Münchner Start-up hat ein Exoskelett entwickelt, das schwere Lasten abfedert und dabei die Bewegungsfreiheit bewahrt.
Das vierköpfige Team des Start-ups EASE: Martin Fleischer, Christina Harbauer, Noah Gerullis und Peter Schaefer (v.l.n.r.). Sie haben ein Exoskelett entwickelt, das schwere Lasten abfedert und dabei die Bewegungsfreiheit bewahrt.
(Bild: EASE)
Trotz des technischen Fortschritts gehören körperlich anstrengende Arbeiten in vielen Bereichen wie Logistik, Handwerk und Produktion zum Alltag. Doch die körperliche Gesundheit der Beschäftigten muss langfristig geschützt werden. Ein Start-up-Unternehmen der Technischen Universität München hat deshalb Exoskelette entwickelt, die solche Arbeitsplätze gezielt unterstützen sollen. Das Start-up mit dem Namen EASE - Ergonomische Assistenzsysteme ist aus dem Hochschulprojekt „Human Factors Exoskeletons (HF.Exo)“ um Christina Harbauer von der TU München hervorgegangen. Der Fokus liegt auf industrielle Anwendungen, bei denen eine Automatisierung nicht möglich oder wirtschaftlich nicht sinnvoll ist. Neben Christina Harbauer gehören Martin Fleischer, Noah Gerullis und Peter Schaefer zum Team.
Frau Harbauer, Sie und Ihre drei Mitstreiter haben das Start-up EASE – Ergonomische Assistenzsysteme gegründet, das sich auf Exoskelette für industrielle Anwendungen spezialisiert hat. Können Sie uns kurz den Hintergrund Ihrer Arbeit schildern?
Aus einem Hochschulprojekt der TU München hat die Gründerin Christina Harbauer das Start-up EASE - Ergonomische Assistenzsysteme ins Leben gerufen.
(Bild: EASE)
Unser Team kommt von der Technischen Universität München, und in den letzten sieben Jahren haben wir uns intensiv mit Exoskeletten für industrielle Anwendungen beschäftigt. Unser Schwerpunkt liegt auf der Ergonomie – also darauf, wie Exoskelette Mitarbeitende an belastenden Arbeitsplätzen unterstützen können, an denen eine Automatisierung nicht praktikabel ist, etwa in der Logistik oder im Handwerk. Dabei möchten wir gezielt helfen, physische Belastungen zu reduzieren und die Gesundheit der Menschen langfristig zu schützen.
Was sind die besonderen Herausforderungen an diesen Arbeitsplätzen?
Das Besondere an diesen Arbeitsplätzen ist die benötigte Flexibilität. Mitarbeitende müssen verschiedene Lasten in unterschiedlichen Positionen bewegen. Solche Aufgaben führen häufig zu Muskel-Skelett-Erkrankungen, was sowohl für Unternehmen als auch für die Gesellschaft erhebliche Kosten verursacht. Ein weiteres Problem ist, dass diese Jobs oft unattraktiv sind, was es schwer macht, Fachkräfte zu gewinnen und zu halten.
Wie genau hilft Ihr Exoskelett in diesen Situationen?
Das vierköpfige Team des Start-ups EASE: Martin Fleischer, Christina Harbauer, Noah Gerullis und Peter Schaefer (v.l.n.r.).
(Bild: EASE)
Unser Exoskelett unterstützt die Armbewegungen, die bei den meisten Tätigkeiten am stärksten beansprucht werden. Unsere Exoskelette sind so konzipiert, dass sie wie eine Arbeitsjacke getragen werden können. Motoren und Sensoren befinden sich in einem Rucksack auf dem Rücken des Trägers, und über Seilzüge wird die Last von den Armen auf die Hüfte übertragen. Wichtig ist uns dabei, dass die Bewegungsfreiheit des Nutzers nicht eingeschränkt wird
Sie haben die sogenannte Intentionserkennung erwähnt. Wie funktioniert das?
Ein zentrales Element unseres Exoskeletts ist die Intentionserkennung. Über integrierte Sensoren erfassen wir die Bewegungen des Benutzers in Echtzeit. Ein maschinell trainierter Algorithmus erkennt, wann Unterstützung (Intension) benötigt wird und steuert die Motoren entsprechend. So wird der Benutzer dynamisch um bis zu 10 kg entlastet. Außerdem erkennt das System, ob eher eine schwere oder eine leichte Last gehoben werden soll und passt die Unterstützung durch das Exoskelett entsprechend an.
Was sind die größten technischen Herausforderungen in der weiteren Entwicklung?
Eine wesentliche Herausforderung ist die Energieversorgung und das notwendige Energiemanagement. Denn die Ladung der Akkus sollte eine ganze Schicht halten bei möglichst geringem Gewicht. Bisher läuft unser Prototyp noch über eine Kabelverbindung, aber wir arbeiten an einer Akkulösung mit standardisierten, austauschbaren Akkus aus Elektrowerkzeugen, die sich bereits in der Industrie bewährt haben. Wir optimieren auch die Steuerungselektronik, damit das Exoskelett kompakter und robust genug für den täglichen Einsatz wird. Ein weiterer Fokus liegt auf der Vernetzung des Exoskeletts mit Industrie-5.0-Systemen, um die Interaktion zwischen Mensch und Maschine weiter zu verbessern.
Was sind die nächsten Schritte für Ihr Start-up?
Im nächsten Jahr beginnen wir mit Feldtests bei unseren zukünftigen Kunden, um das Exoskelett in realen Arbeitsumgebungen zu testen. Parallel dazu arbeiten wir daran, das System so benutzerfreundlich zu gestalten, dass es ohne technische Vorkenntnisse bedient werden kann. Ein entscheidender Meilenstein wird die Gründung unserer Firma EASE – Ergonomische Assistenzsysteme sein. Ab Mitte nächsten Jahres wollen wir unser Team vergrößern und suchen derzeit nach Investoren, um das System bis Ende des Jahres zur Pilotreife zu entwickeln.
Die Entwicklung erfolgt derzeit in Zusammenarbeit mit Entwicklungspartnern, wobei der Schwerpunkt auf den elektronischen und textilen Komponenten liegt. Langfristig soll unser Exoskelett eine Brücke zwischen Industrie 5.0 und dem Menschen schlagen und damit verschiedenste Branchen von der Logistik bis zum Handwerk unterstützen. (heh)
Stand: 08.12.2025
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