Elektronik hilft 2012 Erste und dritte Welt kämpfen gegen den Elektronikschrott
Ein großer Teil des Elektroschrotts aus Europa landet in Afrika. Doch die dortigen Länder sind mit dem Müll überfordert. Die Industrie- und die Entwicklungsländer müssen das Problem gemeinsam lösen.
Anbieter zum Thema

Agbogbloshie ist der Vorhof zur Hölle. Der Stadtteil von Accra, der Hauptstadt Ghanas, wird von den Einheimischen auch „Sodom und Gomorrha“ genannt und gilt als die Müllkippe der Welt für Elektroschrott. Fotos lassen das Ausmaß der Trostlosigkeit erahnen: Das Gelände ist mit Skeletten von Fernsehern, Druckern und Kühlschränken übersät. Ab und zu sorgt die Hülle eines alten iMac für einen Farbklecks auf der Müllhalde.
Eine geordnete Entsorgung des Mülls gibt es nicht. „Das Sammeln und das Recycling des Elektroschrotts übernimmt fast ausschließlich der informelle Sektor“ – so beschreibt eine Studie des Freiburger Öko-Instituts die Situation in Ghana. Konkret heißt das: Allein im Stadtgebiet von Accra sind nach Schätzungen des Öko-Instituts zwischen 14.500 und 21.000 Menschen in irgendeiner Form mit der Entsorgung von Elektro- und Elektronikschrott beschäftigt. Nicht selten ziehen Kinder durch die Stadt, um gegen ein dürftiges Entgelt Altgeräte zu sammeln. Oft klopfen auch Kinder und Jugendliche die Altgeräte auf, um daraus die metallischen Bestandteile zu extrahieren.
Aber die Methoden sind ineffektiv: So werden zum Beispiel unter freiem Himmel die Plastikteile verbrannt, um das Volumen des Mülls zu reduzieren. Auch Kabel werden verbrannt, um an das Kupfer im Inneren heranzukommen. Um auf die erforderlichen Temperaturen zu kommen, werden häufig alte Autoreifen und Schaumstoff mit verheizt. Dabei setzen sich die Recycler erheblichen gesundheitlichen Risiken aus, denn der Rauch und die Verbrennungsprodukte enthalten giftige Dioxine und Furane. Im Boden und der Asche wurden außerdem Rückstände von Schwermetallen wie Blei und Cadmium sowie von Weichmachern nachgewiesen.
Ein großer Teil des Elektroschrotts, der in Ghana, aber auch in anderen afrikanischen Ländern wie Nigeria, Liberia, der Elfenbeinküste oder Benin landet, stammt aus den entwickelten Ländern – also auch aus Europa. Laut einer Publikation des Sekretariats der Baseler Konvention, die den grenzüberschreitenden Verkehr von gefährlichem Müll reguliert, entstehen in der Europäischen Union schätzungsweise neun Millionen Tonnen Elektronikschrott pro Jahr. Nur ein Drittel davon fließt in die regulären Entsorgungskanäle. Ein weiterer Teil des Elektro- und Elektronikschrotts – insbesondere Kleingeräte – wird mit dem Hausmüll entsorgt und fällt aus der Statistik.
Müllhändler nutzen Lücken in internationalen Verträgen
Große Mengen des Elektro- und Elektronikschrotts aus den Industrieländern werden darüber hinaus als Gebrauchtgeräte deklariert und in Entwicklungsländer verschifft. Die Zwischenhändler nutzen hier eine Grauzone der internationalen Verträge aus: Elektronikschrott gilt laut der 1989 geschlossenen Baseler Konvention aufgrund der potenziell giftigen Inhaltsstoffe als gefährlicher Müll. Der Handel damit unterliegt somit der internationalen Kontrolle. Sobald man es aber mit Gebrauchtgeräten zu tun hat, die für Entwicklungsländer bestimmt sind, sind die Schranken durchlässiger.
Aber hier muss man differenzieren: Nicht jeder Export von Altgeräten in Entwicklungsländer ist illegitim. Andreas Manhart, der sich am Freiburger Öko-Institut mit dem Thema Ressourcenwirtschaft und somit auch den internationalen Strömen des Elektro- und Elektronikschrotts beschäftigt, weist darauf hin, dass in den afrikanischen Ländern die Computernutzung stark zugenommen hat.
Insbesondere gebrauchte Geräte aus europäischer Produktion sind begehrt: „Ein gutes gebrauchtes europäisches Gerät hält länger als ein neues asiatisches“, gibt Manhart die gängige Meinung vieler Afrikaner wieder. Deshalb hat sich in Afrika eine große Zahl kleiner Reparaturbetriebe gebildet, die defekte Computer und Peripheriegeräte instandsetzen und weiterverkaufen.
Banden verdienen gut an der illegalen Verschiffung
Anders sieht die Situation zum Beispiel bei gebrauchten Röhrenfernsehern und -monitoren aus, die nach Afrika verschifft werden. Für europäische Recyclingbetriebe lohnt es sich häufig nicht, die Bildröhren wiederzuverwerten – der Materialwert der kupfernen Ablenkspulen wird durch die Entsorgungskosten der mit Schwermetallen belasteten Glaskörper mehr als ausgeglichen. Die als Gebrauchtware deklarierten Röhren, die hauptsächlich aus Deutschland und Großbritannien stammen, landen daher direkt auf den Müllkippen Afrikas.
Die illegale Verschiffung ist ein gutes Geschäft für kriminelle Banden, das Risiko gering: Laut einem Bericht der britischen BBC werden in Rotterdam, dem größten europäischen Hafen, nur etwa drei Prozent aller für den Export bestimmten Container kontrolliert. Pro Woche fliegt im Schnitt etwa eine Lieferung auf, aber eine große Zahl von Containern mit Elektronikschrott erreicht offensichtlich ihr Ziel.
Das Entsorgungsproblem in Afrika verschärft sich außerdem dadurch, dass sich dort immer mehr Menschen einen PC oder ein Handy leisten können. In den zehn Jahren zwischen 2000 und 2010 hat sich die Zahl der Computernutzer in Afrika verzehnfacht und die Zahl der Handy-Besitzer verhundertfacht.
Das Sekretariat der Baseler Konvention schätzt, dass es sich bei der überwiegenden Menge des 2010 in Afrika angefallenen Elektronikschrotts bereits um Geräte handelt, die entweder als Neuware oder als funktionsfähige Gebrauchtgeräte gekauft und genutzt wurden. „Wir bekommen inländisch ein massives Problem in diesen Regionen. Diesen Ländern fehlt es an der notwendigen Infrastruktur, um Recycling in all seinen Stufen betreiben zu können“, erläutert Dr. Rüdiger Kühr, Executive Secretary der Universität der Vereinten Nationen in Bonn.
Egal, woher die Altgeräte kommen – ob illegal aus Übersee importiert oder für den eigenen Bedarf angeschafft –, die Länder wie Ghana oder Nigeria sind damit überfordert, den daraus resultierenden Schrott in den Griff zu bekommen, da sie nicht über die nötige Technik und die erforderlichen Kapazitäten verfügen.
Arbeitsteilung zwischen Erster und Dritter Welt
Eine Lösung des Problems strebt die StEP-Initiative (Solving the E-Waste Problem) an, die 2007 als Spin-off der United Nations University gegründet wurde. StEP hat ein Konzept entwickelt, das sich mit dem Schlagwort „Best of 2 Worlds“ zusammenfassen lässt. Es sieht eine Arbeitsteilung zwischen den Akteuren in den Schwellen- und Entwicklungsländern und den Akteuren der industrialisierten Welt vor, die die notwendige Infrastruktur für den fachgerechten Umgang mit giftigen Bestandteilen und das Recycling von Edelmetallen haben.
Dr. Rüdiger Kühr von der United Nations University, der StEP mitbegründet hat, erklärt: „Vereinfacht würde dieses Modell so aussehen, dass bestimmte Schritte des Recyclings wie beispielsweise die Sammlung, gleichzeitig aber auch die händische Vorbereitung und das Auseinandernehmen der Geräte, in Afrika stattfinden – aber unter Anweisung, so dass eine hohe Effizienz der resultierenden Fraktionen vorliegt. Dann folgt die Verschiffung in entsprechende Standorte, um hier in den industriellen Prozess einzumünden und nach bestem technischem Stand und mit hoher Effizienz die Rückgewinnung der seltenen und wertvollen Rohstoffe zu gewährleisten und gleichzeitig höchsten Umwelt- und Gesundheitsstandards zu genügen.“
Sauberes Elektronik-Recycling liegt im Interesse aller
Ein Projekt des Öko-Instituts und Partnern wie dem belgischen Edelmetall-Recycler Umicore und dem Hanauer Werkstoffspe-zialisten Vacuumschmelze soll nun dieses Konzept schrittweise umsetzen. Das Ziel ist es, seltene und wertvolle Metalle wie Platin oder Indium aus Altfahrzeugen sowie elek-trischen und elektronischen Geräten zurückzugewinnen. Gemeinsam mit den Industriepartnern sollen die dafür notwendigen Strukturen in Ghana und Ägypten aufgebaut werden. Gemäß dem „Best of 2 Worlds“-Ansatz ist es geplant, einerseits vor Ort in Afrika Entsorgungskapazitäten und Arbeitsplätze zu schaffen, die internationale Standards im Hinblick auf Sicherheit und Gesundheitsschutz erfüllen.
Andererseits werden die Komponenten, die nicht effizient und umweltverträglich in der Region verwertet werden können, in dafür spezialisierte Raffinerien in Europa exportiert. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und soll bis zum Mai 2015 laufen. Gefördert wird es unter anderem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Partner vor Ort sind das lokale Entsorgungsunternehmen City Waste Recycling in Ghana und das Center for Environment and Development for the Arab Region and Europe (CEDARE) in Ägypten.
Ein fachgerechtes Elektronikrecycling liegt nicht zuletzt im Interesse aller Konsumenten. Denn in absehbarer Zeit droht eine Verknappung der Rohstoffe, die für die Produktion elektrischer und elektronischer Geräte unverzichtbar sind. Wie die StEP-Initiative errechnete, werden pro Jahr für die Fertigung von PCs, Handys, Smartphones, Tablet-Computern und anderen Elektronikprodukten 320 Tonnen Gold und 7500 Tonnen Silber aufgewendet. Der Gesamtwert der Edelmetalle beträgt 21 Milliarden Dollar.
Derzeit werden lediglich 15 Prozent dieses ungeheuren Vermögens, das dem gesamten Bruttoinlandsprodukt von El Salvador entspricht, durch Recycling-Maßnahmen wiedergewonnen. Das liegt daran, dass etwa 50 Prozent der Edelmetalle aufgrund der groben Zerlegungsmethoden, die in Entwicklungsländern üblich sind, verloren gehen. Von dem übrig bleibenden Material wird dann maximal ein Viertel zurückgewonnen.
Zur Steigerung dieser Quote gibt es keine Alternative, betont Dr. Kühr, der Mitbegründer der StEP-Initiative: „Das ist unbedingt notwendig, einfach auch um die Produktionskreisläufe am Laufen zu halten – damit die Geräte, die uns das Leben erleichtern, im medizinischen Bereich zum Teil auch verlängern, weiter hergestellt werden können. Technisch ist diese Rückgewinnung sehr wohl möglich. Nur weil in den Entwicklungsländern sehr primitive Verfahren zur Anwendung kommen und die Sammelquoten noch gering sind, haben wir diese geringe Rücklauf- und Rückgewinnungsquote.“
Kunststoff-Recycling spart Energie, Öl und CO2
Edelmetalle sind jedoch nur ein Aspekt. Anlässlich der ersten E-Waste Academy, die Ende Juni 2012 in Accra stattfand, stellte Chris Slijkhuis von der global tätigen Entsorgungsfirma MBA Polymers fest, dass für eine durch Recycling gewonnene Tonne Kunststoff lediglich ein Zehntel des Wasser- und Energebedarfs notwendig sei, den eine neu erzeugte Tonne Plastik erfordere. Würde die Hälfte des Kunststoffs wiedergewonnen, den allein der Elektronikschrott aus dem EU-Raum enthält, dann würden damit fünf Millionen Kilowattstunden elektrische Energie, drei Millionen Barrel Öl und knapp zwei Millionen Tonnen CO2 eingespart. //FG
* * Franz Graser ist Redakteur der ELEKTRONIKPRAXIS.
(ID:33614090)