Und wo steckt Ihr Feind? Die fetten Jahre sind zu Ende

Von Margit Kuther

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Nach wirtschaftlichem Erfolg lehnte sich die hiesige Wirtschaft zurück, bis sie nun scheinbar unerwartet vom Stuhl fällt. Ein Kommentar von Viacheslav Gromov, CEO und Gründer des Full-Stack-Embedded-KI-Spezialisten Aitad.

Viacheslav Gromov, Aitad: „Der Feind versteckt sich meist in den trivialen und überheblich gewordenen Gedankenmustern unserer Köpfe.“(Bild:  AITAD)
Viacheslav Gromov, Aitad: „Der Feind versteckt sich meist in den trivialen und überheblich gewordenen Gedankenmustern unserer Köpfe.“
(Bild: AITAD)

Für die deutsche Wirtschaft, insbesondere den spezialisierten Mittelstand als deren Rückgrat, galten die letzten Jahrzehnte als „fette Jahre“. Der Gründer-, Tüftler- und Aufbruchsgeist nach dem Wiederaufbau ist verflogen. Effizienz hat die Effektivität endgültig besiegt. Statt also marktfähige Strategien zu erarbeiten, ist nun der Hauptbestandteil des wirtschaftlichen Handelns die Ausoptimierung des Herkömmlichen, Zielfunktion: finanzieller Gewinn.

Auf kurzfristige Leistung optimiert

Durch die Verschlankungs- und Auswaschungskuren sind die Strukturen auf operative, kurzfristige Leistung optimiert. Ein bekanntes Symptom dabei ist die bekannte Überlastung von Führungskräften, ohne Freiraum für Neues. Der Kreativitätsmuskel ist erlahmt. Bestehendes in dessen Grundform infrage stellen tun fortan fast nur noch Praktikanten und Azubis - in durch den Naivitätsvorwurf unbeachteten Flüsterlauten.

Wir dürfen uns nichts vormachen, bekannte Infrastrukturdefizite wie beim Mobilfunk oder Serverkapazitäten sowie die mangelnde Forschungstransfer mit und in die Wirtschaft sind rein die Folgen und keinesfalls die Ursachen unserer in den Erfolgsjahren gewachsener Kultur. Die Divergenz zwischen der Unternehmensstrategie und der Marktentwicklungsgeraden ist Folge der entstandenen Unverbindlichkeit gegenüber Technologie, Neugierde und Zukunftsvisionen, es ist der Mangel an Kraft, Wissen und Abenteuerlust.

Studien zeigen, und nicht zuletzt das berühmte „The Innovator’s Dilemma“, dass der Faktor Zeit bei Innovation wie auch Gründung von neuen Unternehmen und Geschäftsfeldern der entscheidendste ist: Ist der Zug abgefahren, werden Kosten und Aufwände enorm. Zur richtigen Zeit geht es also nicht um Perfektion, sondern im ersten Zuge nur um aktives Vorangehen. Somit werden unbeachtete, neue oder kleine Player zu den größten Gefahren der Zukunft.

Rechtzeitig auf den Zug aufspringen

Dabei zeigt gerade der Embedded-Bereich einen Wandel: datengetriebene Entwicklungen (Prozessinnovation) kommen mit neuen Geschäftsmodellinnovationen wie SaaS, Miethardware oder Trends wie Open Source einher. Solch vielschichtige und übergreifende Innovation über das Produktdenken heraus sind heute kaum noch vorhanden oder erwünscht. Umso schwer fällt die Umsetzung.

Die Wirtschaft muss sich eingestehen, dass es mit einzelnen Tooleinführungen, zahnlosen Innovationsabteilungen oder Prozessoptimierungen nicht gelöst ist: Es muss der Wille, die Freiräume und die Aufklärung für eine entsprechende Unternehmenskultur geben, der alle weiteren Effekte intrinsisch nachfolgen.

Und wo steckt Ihr Feind?

Ein paar Beispiele: Ein ROI darf nicht mehr die Messskala für die unplanbaren Innovationen sein, die Illusion des risikolosen, evolutionären Innovierens muss raus aus den Furchtzentren der Köpfe und das Hinterfragen der gesamten Unternehmung sowie gesunde Schwarzmalerei mit Risikohinnahme müssen im Alltag nicht verwerflich bleiben. Nur so bricht man alte Strukturen. Der Feind versteckt sich meist in den trivialen und überheblich gewordenen Gedankenmustern unserer Köpfe, die dem komplexen und hochdynamischen Weltbild immer ungerechter werden.

Nicht zuletzt deshalb ist unsere hiesige Performance weltweit bescheiden, was den Umgang mit den aktuellen Krisen. Machen wir uns nichts vor, ruhig wird es in der vernetzten und globalisierten Welt so nicht mehr. Mit der entstandenen Wirtschaftskultur und Mentalität gehört Agilität meist zu den Worthülsen, muss aber zum Krisenhelfer Nummer eins werden. Doch mit der Zuspitzung der Notlage kommt auch allmählich die Einsicht: Ob der Innovationszwang einen nachhaltigen Innovationsdrang auslöst, ob es noch rechtzeitig zur Marktführerschaft oder nur noch zu einem dezimierenden Marktmitläufer reicht, steht in den Sternen. Es gilt aber stets: Ihr Feind ist wohl zur richtigen Zeit meistens nicht dort, wo Sie auf ihn warten!

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