Sollte sich Europa also vielmehr um ein Freihandelsabkommen mit China bemühen?
Sie sind also der Meinung, eigentlich sollten wir uns um ein Freihandelsabkommen mit China bemühen?
Genau, eigentlich sollten wir dafür sorgen, dass die Chinesen ihr System ändern und weniger unser System abschotten. Das ist die Trump’sche Methode. Und die ist mit Sicherheit langfristig keine gute. Für das einzelne mittelständische Unternehmen ist das allerdings, das muss man betonen, teilweise sehr schwierig. Ein Beispiel: Ein mittelständisches Unternehmen steht gerade vor dem Generationen-Übergang. Die Tochter oder der Sohn zieht nicht mit, will die Firma nicht übernehmen. Dann steht die Firma vielleicht noch vor einer wirtschaftlichen Delle aufgrund der Handelsstreitigkeiten und wegen Liquiditätsengpässen.
So ein Unternehmen ist innerhalb von einem halben Jahr nach China verkauft. Aus Sicht des Eigentümers ist es nur rational, nach China zu verkaufen, am besten so schnell wie möglich, solange das Unternehmen noch Wert hat. Umso länger man wartet, umso weniger relativen und absoluten Wert hat so ein Unternehmen, weil die chinesische Seite dann inzwischen vielleicht den Entwicklungsrückstand bereits aufgeholt hat. So kann es tatsächlich sein, dass wir innerhalb weniger Jahre plötzlich unsere „Hidden Champions“ verloren haben.
Lassen Sie uns zu einem Aspekt zurückkehren, den wir bereits kurz angerissen haben, und zwar „Know-how, Innovationsfähigkeit einzukaufen“. Wie viel Innovationsfähigkeit steckt in China selbst? Hat China überhaupt genügend Fachkräfte?
Das darf man nicht unterschätzen. Ich bin beim BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung Anm. d. Red.) in einer deutsch-chinesischen Innovationsplattform, und dort bekommen wir sehr genau mit, was in China an Innovationsleistung stattfindet. Und das ist viel. Die Chinesen sind sehr kompetent. Man darf nicht glauben, dass China diesbezüglich nicht funktioniert.
In Spitzenbereichen der deutschen Technologie sind wir mit Sicherheit noch vorne. Aber dort werden in China enorme Ressourcen eingesetzt. Das Humankapital kommt zurück. Viele Chinesen kehren wieder aus Europa und aus den USA zurück, nachdem sie dort jahrelang studiert und z.T. jahrelang in Unternehmen gearbeitet haben. Sie gehen in chinesische Unternehmen und setzen dort sehr leistungsstarke Innovationsprozesse in Gang.
Sagen zu können, wir sind der Innovationsnabel der Welt und die Chinesen können nur kopieren, ist definitiv vorbei. Ich hab das oft in Unternehmen gehört: „Ja, wir gehen nach China. Wir sind schneller als die Chinesen.“ Das stimmt nicht mehr. Ein Unternehmen, das davon ausgeht, sie wären schneller im Innovationszyklus, nach dem Motto: „Wir haben einfach ein neues Produkt auf dem Markt, bevor die Chinesen gelernt haben, wie das alte funktioniert“ – hätte ich Aktien von solch einem Unternehmen, die würde ich auf der Stelle verkaufen.
Wir Europäer sind nicht die einzigen, die von dem Masterplan betroffen sind. Singapur, Taiwan, Südkorea, alle haben Technologien, die sie auf dem Weltmarkt verkaufen wollen. Es gibt auch ein asiatisches Freihandelsabkommen. Inwieweit betrifft dieser Masterplan auch die großen asiatischen Player?
Die sind im Endeffekt genauso betroffen. Aber wenn wir gerade über Singapur sprechen: Singapur ist im Unterschied zu uns bereits im chinesischen Markt etabliert. Die Unternehmen sind fest etabliert und versuchen aktuell in stärkerem Maße von der Situation zu profitieren, eine Win-win-Situation zu etablieren.
Singapur etwa kennt die chinesische Mentalität.
Über die Wertschöpfungsketten, genau. Auch schon lange Jahre durch Kapitalverflechtungen. Singapur hat einen großen Industriepark in China aufgebaut. Auch hat China einige industriepolitische Mechanismen aus der Region kopiert. Zwischen den beiden gibt es eine höhere Affinität oder „Nähe“ als etwa zu Deutschland. Ich glaube, dass diese Unternehmen im Zweifel es schneller schaffen als wir, eine Win-win-Situation herzustellen.
Momentan kämpfen im Prinzip drei große Systeme gegeneinander: der chinesische Masterplan, unser europäisches Fair-play – die freie Marktwirtschaft – und der Protektionismus, hier als Paradebeispiel die USA unter Trump. Welches System wird sich am Ende durchsetzen?
Eine super Frage. Ich kann natürlich nur hoffen, dass unser System sich durchsetzt, weil das das einzige ist, das sich mit unserer liberalen Grundordnung verträgt und mit unseren demokratischen Strukturen. Es ist das System, das aus unserem moralisch-ethischen Wertekonsens heraus das einzig Wahre ist.
Das chinesische System hat sich in Zeiten des nachholenden Wachstums und jetzt im Aufsetzen der aktuellen, neuen Strukturen als sehr leistungsfähig gezeigt. Ob dieses chinesische System später standhält, wenn wir an die Front der industriellen Entwicklung kommen, muss sich zeigen.
Ich meine, Deutschland ist definitiv an der Front. Denn wir können nur noch durch Innovation wachsen. China wächst momentan durch Innovation und durch die Diffusion des Wohlstands von der Küste in das chinesischen Hinterland. Das sind zwei große Wachstumstreiber. Damit ist China noch nicht alleine darauf angewiesen, über Innovation zu wachsen. Sobald das vorbei sein sollte und China nur noch über Innovation wachsen kann, bin ich mir nicht sicher, ob das chinesische Modell dann tragfähig ist.
Stand: 08.12.2025
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Was ich von der Trump-Administration und dem halte, was dort momentan passiert, möchte ich eigentlich gar nicht groß in Worte fassen. Es ist ein Desaster. Und ich bin fest davon überzeugt, dass spätestens innerhalb von ein paar Jahren Amerika merkt, dass etwas massiv schief gelaufen ist. Aber welches System sich im Endeffekt durchsetzen wird? Die Welt ist zu komplex, um das voraussagen zu können. Es kann leider auch geschehen, dass sich die schlechteste Option als dominant erweist. Wir könnten auch in ein langes suboptimales Äquilibrium fallen, wo wir dann über Jahre oder Jahrzehnte hinweg in schlechten suboptimalen Strukturen verharren. Das ist leider möglich.