Chinas Autobauer „do it themselves“ Chipkrieg im Cockpit: China baut selbst, Xiaomi ist jetzt auch an Bord

Von Henrik Bork 5 min Lesedauer

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Chinas Autohersteller sagen, sie hätten „keine andere Wahl“. Sie müssten sich ihre Autochips selbst bauen. Exakt so hat dies zuletzt Lei Jun formuliert, der Gründer des nun auch E-Autos bauenden Elektronikherstellers Xiaomi.

In China entwickeln immer mehr Autobauer ihre eigenen Chips, um US-Embargos und Lieferkettenunsicherheiten zu umgehen.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
In China entwickeln immer mehr Autobauer ihre eigenen Chips, um US-Embargos und Lieferkettenunsicherheiten zu umgehen.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

„Was die Schlacht um die Chips betrifft, so haben wir keine andere Wahl“, schrieb Lei vergangenen Mai-Monat in einem Post für sein Millionenpublikum auf Chinas sozialen Medien. Gleichzeitig kündigte er an, dass der erste von Xiaomi selbst entwickelte Autochip schon „bald“ vorgestellt werde. Details zur Architektur oder zum Einsatzzweck – ob für autonomes Fahren oder Infotainment – nannte er noch nicht. Doch Xiaomi reiht sich damit in eine wachsende Gruppe von Autoherstellern ein, die sich von westlichen Chipherstellern lösen.

Nio, Xpeng und Li Auto arbeiten schon seit Jahren an der Entwicklung ihrer eigenen automotiven Halbleiter. „Go solo“ sei für einige chinesische Autobauer definitiv die Antwort, schreibt das chinesische Fachportal 36kr. Dass sich dieser Trend jetzt immer weiter beschleunigt, hat zwei Hauptgründe. In-House-Entwicklung ist einerseits die Antwort der chinesischen Unternehmen auf die Chip-Exportkontrollen der USA.

In Washington sind die gewählten Volksvertreter seit mehreren Jahren eifrig damit beschäftigt, China den Zugang zu hochrangigen Halbleitern zu verwehren, vorrangig zu jenen, die KI-fähig sind. Nvidia darf schon viele seiner besten Chips nicht mehr nach China liefern, verliert dort immer mehr Marktanteile. Und erst Anfang dieses Monats ist die jüngste Verschärfung in einer langen Liste von Exportkontrollen seitens der USA in Richtung China in Kraft getreten. Es seien neue Beschränkungen bei der Lieferung von EDA-Software für das Chipdesign nach China in Kraft getreten, berichtet die Financial Times.

Auch hier wieder: Embargos zünden nicht richtig

Was der nun schon seit mehreren Jahren immer intensiver werdende amerikanische Versuch bewirkt, China von moderner Chip- und KI-Technologie abzuschneiden, zeigt sich in der Autobranche inzwischen sehr deutlich. Jensen Huang, der CEO des amerikanischen Chipherstellers Nvidia, hat es in jüngster Vergangenheit sehr anschaulich formuliert.

Die Exportkontrollen Washingtons seien gescheitert, sagte Huang während eines Besuchs in Taiwan im Mai. Sie hätten chinesischen Firmen „den Spirit, die Energie und die Regierungs-Unterstützung“ gegeben, „die sie zur Beschleunigung ihrer eigenen Entwicklung benötigen“, so der Nvidia-CEO. Es sei ein Irrglaube, chinesische Industrielle von modernen Chips fernhalten zu können. „Wenn sie nicht genug Nvidia haben, dann werden sie ihre eigenen nutzen“, zitiert die New York Times Huang aus Taipeh.

Andererseits aber, und dies ist der zweite Grund, warum Chinas Autobauer „keine andere Wahl“ zu haben glauben, haben auch Lieferschwierigkeiten von Nvidia zu den chinesischen Do-it-yourself-Anstrengungen beigetragen. Technische Schwierigkeiten hatten die Auslieferung des Thor-Chips von Nvidia mehrfach verzögert. „Thor ist jetzt so weit verzögert, dass die Chips der Wettbewerber bereits bereitstehen“, schreibt 36Kr. Nio und Xpeng haben Thor inzwischen aus ihren Strategien gestrichen; zu groß ist das Risiko, dass geplante Modelle durch Chip-Lieferprobleme ins Stocken geraten.

Auch der China-Verband der Automobilhersteller empfahl in einer öffentlichen Stellungnahme „Vorsicht beim Einkauf amerikanischer Chips“, berichtet das chinesische Autoportal Gasgoo.

Lieferkettensicherheit für Marktdominanz

Das Letzte, was sich chinesische Autobauer angesichts des sehr harten Wettbewerbs auf dem heimischen und internationalen Automarkt leisten können, sind Unsicherheiten in Lieferketten, egal ob sie durch politischen Aktionismus oder durch Lieferengpässe von Herstellern ausgelöst werden. Da setzt man in China notgedrungen auf teure, aber eine gewisse Autonomie über die Produkt-Pipeline versprechende Selbstentwicklung von Autochips.

Nio hat seinen auf einem Fünf-Nanometer-Prozess basierenden Shenji NX9031 inzwischen in mehreren Modellen wie dem ET9, dem ES6 oder dem EC6 verbaut. Der Chip ersetze die Funktion „von vier herkömmlichen Smart-Driving-Chips“, sagte William Li, Vorstandsvorsitzender und CEO von Nio, gegenüber CNEVPOST. Damit spare man nicht nur Kosten, sondern erreiche auch eine deutlich bessere Integration ins eigene Betriebssystem SkyOS. Für den Nvidia-Gründer muss es schmerzhaft sein, sich daran zu erinnern, dass Nio ursprünglich Nvidia-Chips verwenden wollte.

Genauso war es bei Xpeng. Das chinesische E-Auto-Startup hatte auf Nvidia gehofft, dann aber seinen eigenen Turing-Chip entworfen, der mit zwei speziell entwickelten neuronalen Kernen ausgestattet. Der Chip erreicht laut eigenen Angaben des Unternehmens eine Rechenleistung von etwa 700 TOPS – vergleichbar mit der neuesten Generation von Nvidias Thor-Chips, die nach mehrfachen Verzögerungen endlich in einer abgespeckten Version ausgeliefert werden konnten.

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Gleichzeitig üben sich die chinesischen Autohersteller an Innovationen, was ihre Autochips betrifft. Sie bemühen sich, die Limitierungen des Edge-Computings zu umgehen und die Power von LLM ins Auto zu bringen. So sollen menschenähnliche „Common Sense“-Entscheidungen in konkrete Fahranweisungen wie einen Spurwechsel oder den Einsatz der Bremse umgesetzt werden. „Wenn wir nur auf Fahrzeug-Computing setzen, stoßen wir an Grenzen“, sagte Xpengs Autonomiechef Li Liyun bei einem technischen Briefing im April, 36Kr berichtet.

Distillierte KI-Modelle fürs Auto

Xpeng versucht es nun mit einer hybriden Strategie: Große KI-Modelle mit bis zu 72 Milliarden Parametern werden in der Cloud trainiert und anschließend für den Fahrzeugeinsatz auf kleinere, distillierte Modelle heruntergebrochen. Der Turing-Chip verarbeitet diese dann lokal im Fahrzeug. Erste Tests mit dieser Systemarchitektur sollen „überraschend leistungsfähig“ verlaufen sein, heißt es im Unternehmen.

Das indessen neu in den Reigen der „Do it yourself“-Chiphersteller in der chinesischen Autoindustrie eingestiegene Xiaomi, das gerade auch seinen eigenen neuen Smartphone-Chip „Xring O1“ vorgestellt hat, setzt für die Chip-Fertigung auf den taiwanesischen Auftragshersteller TSMC. Da wählt es also denselben Weg, wie auch Apple und Nvidia. Allerdings greift Xiaomi für seine internen Design-Prozesse laut einem Bericht von TrendForce auf US-amerikanische EDA-Software zurück, die jetzt unter Exportkontrollen fällt. Der Zugang zu diesen Tools sei künftig ungewiss, was auch Xiaomis Autochip-Pläne betreffen könnte, so das Fachmedium.

Trotzdem zeigt sich Lei Jun kämpferisch. Xiaomi wolle in den nächsten zehn Jahren mindestens 50 Milliarden Yuan (rund sechs Mrd. Euro) in die Chipentwicklung investieren, gab er bekannt. Allein dieses Jahr sollen es über sechs Milliarden Yuan werden, etwa 730 Millionen Euro. Xiaomi leistet sich ein F&E-Team mit 2.500 Mitarbeitern.

Die Regierung unterstützt die Ambitionen

Die chinesische Regierung unterstützt diese Bemühungen. Der staatliche Sender CCTV sprach nach der Ankündigung von Xiaomis neuesten Smartphone-Chip von einem „Durchbruch“, der zeige, dass auch private Firmen in China in der Lage seien, technologische Souveränität zu erlangen. Natürlich erhöhen chinesische Autobauer mit eigenen Chips nicht nur ihre Reaktionsgeschwindigkeit, sondern auch die Marge. Nio etwa konnte den Einsatz von vier Nvidia-Orin-X-Chips durch zwei eigene ersetzen, wie sein Gründer behauptet, und will damit eine Kostensenkung erreichen, die sich im Preiskampf auf dem Heimatmarkt bemerkbar mache.

Der Wandel zur chinesischen Chip-Autonomie in der Autoindustrie vollzieht sich rasant. „Die Entkopplung beginnt: Xpeng bringt Turing-KI-Chip im zweiten Quartal auf den Markt und verringert die Abhängigkeit von Nvidia“ titelte kürzlich das Portal CarNewsChina. Tesla hatte es den chinesischen Autobauern mit seiner „Full Self Driving“-Architektur vorgemacht, wie weit man mit vertikaler Integration kommen kann. Nun ziehen die Chinesen notgedrungen nach, mit eigenen Betriebssystemen, Datenplattformen und KI-Modellen. Eine Folge ist, dass sie künftig weniger im westlichen Ausland bestellen müssen. (sb)

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