Neue Technologie-Boykotte „Chip-Krieg“ zwischen den USA und China verschärft sich

Von Henrik Bork

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Mit einer langen Liste neuer Handels- und Technologierestriktionen versucht die US-Regierung China auszubremsen – sowohl technologisch als auch militärisch. Das zeigt, dass China auf beiden Feldern immer mehr zu einem ernstzunehmenden Rivalen für die USA heranwächst.

Dauerfehde: Die Bandagen, mit denen sich China und die USA behaken, werden härter. Letztere versuchen nun mit neuen Restriktionen, China technologisch – und damit auch militärisch – auszubremsen. Im Kern geht es letzlich um die direkte Konfrontation zweier politischer Systeme: Demokratie gegen Diktatur. Mögliches Schlachtfeld: Taiwan.(Bild:  Clipdealer)
Dauerfehde: Die Bandagen, mit denen sich China und die USA behaken, werden härter. Letztere versuchen nun mit neuen Restriktionen, China technologisch – und damit auch militärisch – auszubremsen. Im Kern geht es letzlich um die direkte Konfrontation zweier politischer Systeme: Demokratie gegen Diktatur. Mögliches Schlachtfeld: Taiwan.
(Bild: Clipdealer)

Der „Chip-Krieg” zwischen Washington und Peking hat eine neue, besorgniserregende Phase erreicht. In der bislang weitreichendsten Eskalation ihrer Technologieboykotte gegen China haben die USA eine lange Liste neuer Restriktionen erlassen. Die „Möglichkeit einer Aussöhnung“ bestehe nun nicht mehr, heißt es in ersten chinesischen Reaktionen.

Die neuesten Maßnahmen aus Washington stehen in einer 135-seitigen Veröffentlichung des US-Handelsministeriums vom 7. Oktober. Enthalten sind darin weitere Exportverbote für ein breites Feld fortschrittlicher Halbleiter und für Ausrüstung zu deren Produktion, sowie ein Verbot für „US-Personen”, einschlägige chinesische Unternehmen zu unterstützen.

Zusammengenommen sind die neuen Boykotte und Verbote der bedeutendste Versuch der USA seit dem Ende des „Kalten Krieges“, einen geopolitischen Rivalen in seiner militärischen und wirtschaftlichen Entwicklung aufzuhalten. „Klar ist, dass im US-Chinesischen Technologiekrieg eine neue Phase begonnen hat,“ kommentiert die South China Morning Post in Hongkong.

„Die zwei Länder befinden sich nun offiziell in einem Wirtschaftskrieg“

Anders als die ersten Salven des 2018 noch unter der Regierung von Donald Trump begonnenen Handels- und Technologiekrieges, die mit gezielten Verboten auf eine begrenzte Liste chinesischer Unternehmen wie etwa Huawei zielten, soll nun erkennbar die gesamte chinesische Halbleiterindustrie getroffen werden.

„Die zwei Länder befinden sich nun offiziell in einem Wirtschaftskrieg“, zitierte die US-Wirtschaftsagentur Bloomberg Dylan Patel, den Chef-Analysten von SemiAnalysis. „Dies ist ein Salvo der US gegen Chinas Anstrengungen, seine heimischen Technologiefähigkeiten auszubauen.”

Die neuen Regeln Washingtons schreiben vor, dass fortschrittliche Chips für Künstliche Intelligenz oder Supercomputer nur noch mit einer Ausnahmegenehmigung nach China geliefert werden dürfen – deren Erhalt Medienberichten zufolge in vielen Fällen eher unwahrscheinlich ist.

Dasselbe gilt für Maschinen- und Ausrüstungen zur Produktion fortschrittlicher Halbleiter, wozu neuerdings auch Logik-Chips unter 16 Nanometer, DRAM-Chips unter 18 Nanometer und NAND-Chips mit 128 oder mehr Lagen zählen.

Beschränkungen sollen offenbar eine Breitenwirkung haben

Die stark erweiterten Beschränkungen zielen Analysten zufolge nicht mehr nur auf einzelne chinesische Unternehmen oder Militärinstitute, sondern auf ein „Containment“ der gesamten chinesischen Halbleiterindustrie, mit potenziellen Auswirkungen auf weitere Industrien wie die E-Mobilität, die Luft- und Raumfahrt und sogar die Hersteller von Handy und andere Elektronik-Konzerne. Mit anderen Worten, sie zielen auf das Herz der modernen chinesischen Volkswirtschaft.

He Xiaopeng, der Gründer und CEO des chinesischen E-Autobauers Xpeng, hat bereits vor etwa einem Monat öffentlich davor gewarnt, dass die Chipboykotte aus den USA Chinas Fortschritte beim autonomen Fahren bremsen könnten.

Lam Research, Applied Materials und KLA Corporation, führende US-Ausrüster für verschiedene Fertigungsprozesse für Halbleiter, haben Medienberichten zufolge nach der Veröffentlicht der neuen Restriktionen sofort Teile ihres China-Geschäftes eingestellt. ASML, der globale Marktführer aus den Niederlanden, soll Berichten zufolge seinen Angestellten in den USA bis auf Weiteres sämtliche Dienstleistungen für Kunden in China untersagt haben.

Chinas Vorzeigefirmen direkt betroffen

Eines der chinesischen Unternehmen, das direkt von der jüngsten Restriktionswelle aus Washington betroffen ist, ist der Memory-Chip-Hersteller „Yangtze Memory Technology Corp.” (YMTC). Lam Research soll seine Support-Mitarbeiter sofort nach der jüngsten Ankündigung des US Handelsministeriums aus den Fabs von YMTC und ähnlichen Unternehmen in China abgezogen haben.

YMTC und der ebenfalls betroffene chinesische Hersteller CXMT sind momentan die größte Hoffnung der Volksrepublik, im Bereich der Memory-Chips eigene, hochwertige Produkte herzustellen und sogar einen Teil des Weltmarktes zu erobern. Analysten denken, dass das Wachstum beider Firmen nun in den kommenden Jahren empfindlich gebremst werden könnte – obwohl die Unternehmen wohl Vorprodukte und Maschinen gehamstert hatten, seit sich eine immer weitere Verschlechterung der bilateralen Beziehungen zwischen Washington und Peking angekündigt hat.

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Auch die beiden führenden chinesischen Chiphersteller SMIC und HuaHong Semiconductor werden unter dem Boykott aus Washington leiden, sagen sowohl Industrie-Insider in China als auch mehrere Analysten in den USA. „Das wird die Chinesen Jahre zurückwerfen,“ sagte Jim Lewis, ein Experte für Cybersecurity und Technologie vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Neue „Unverified List“ als Vorstufe der „Entity List“

Eine weitere Verschärfung des nun schon seit vier Jahren andauernden Halbleiterkonflikts mit China besteht darin, dass die USA zeitgleich mit den neuen Exportverboten YMTC und 30 weitere chinesische Unternehmen auf die sogenannte „Unverified List“ gesetzt haben. Auch „Naura Technology Group Co.“, Chinas Marktführer im Maschinen- und Anlagenbau für Chiphersteller, gehört dazu.

Neu ist ferner, dass die Firmen auf der „Unverified List“, bei denen Kontakte mit dem chinesischen Militär und anderen sensiblen Abnehmern seitens der USA nicht durch Untersuchungen vor Ort ausgeschlossen werden können, innerhalb von 60 Tagen für die schwarze Liste, die „Entity List“, in Erwägung gezogen werden. Damit können die USA nun sehr viele chinesische Unternehmen viel einfacher als zuvor von US-Technologie abschneiden.

Ziel: China wirtschaftlich und militärisch eindämmen

Die Regierung in Washington begründet ihr Vorgehen mit dem Versuch, China sowohl wirtschaftlich wie militärisch einzudämmen. China habe „Ressourcen in die Entwicklung von Supercomputing-Kapazitäten geleitet und will bis 2030 weltweit führend bei der Künstlichen Intelligenz sein,“ zitiert Bloomberg Thea D. Rozman Kendler, eine für Export zuständige US-Beamtin. Damit überwache Peking seine eigene Bevölkerung und treibe die Modernisierung seiner Streitkräfte voran, so die Beamtin.

Stimmen in den USA, die auf die generelle „Dual-Use“-Natur der meisten fortschrittlichen Halbleiter hingewiesen und daher für genau definierte, beschränktere Boykotte plädiert hatten, haben sich offensichtlich nicht durchsetzen können.

„Die Regeln sind ein richtungsweisendes Signal für die US-Politik gegenüber China: Ein sehr von den Falken dominierter Konsensus ist nun fest zementiert,“ schreibt der Analyst Dan Wang von der Beratungsfirma Gavekal Dragonomics in Peking. Als „Falken“ werden in diesem Kontext jene Politiker und Berater bezeichnet, die eine harte bis feindselige Chinapolitik befürworten.

China spricht von unfairem Vorgehen der USA

Mao Ning, ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums, bezeichnete das Vorgehen der USA als „unfair“. Es sei „ein Schlag gegen die globalen industriellen Lieferketten und die Erholung der Weltwirtschaft”. „Die Wahrheit ist, dass die USA Chips benutzen wollen, um China einzudämmen“, schreibt Gu Wenjun, ein Halbleiter-Analyst von der chinesischen Firma ICwise. „Es gibt keine Möglichkeit einer Aussöhnung mehr.”

Wie in allen Konflikten gibt es auch in diesem „Technologiekrieg“ Schuldzuweisungen von beiden Seiten. China habe mit seiner Industriepolitik, insbesondere dem Dokument „Made in China 2025“ die USA unnötig herausgefordert und seine Taiwan-Politik sei aggressiver als zuvor, schrieben vor allem konservative Think Tanks und Medien in den USA. Die USA würden nun „zurückschlagen“, formulierte es ein Analyst aus diesem Lager.

Beobachter mit einer etwas ausgewogeneren Sichtweise verwiesen hingegen darauf, dass der Technologiekrieg Washingtons nun eindeutig Züge der Eindämmungspolitik gegenüber der Sowjetunion angenommen habe. Washington fühle sich von China in seiner Stellung als führende Wirtschaftsnation und auch zunehmend militärisch bedroht.

Früher waren es Atomwaffen, heute sind es Halbleiter

Wo es früher um Atomwaffen gegangen sei, würden heute fortschrittliche Halbleiter als die zentrale Technologie angesehen, mit der künftige globale Wirtschaftswettbewerbe oder auch militärische Konflikte gewonnen werden können, schreibt Chris Miller in seinem gerade erschienenen Buch „Chip War – battle for the globe’s computing power”.

Nicht nur in China, auch bei Anhängern des Freihandels und einer offenen Weltwirtschaftsordnung gab es Bedenken, dass das von US-Präsident Joe Biden offenbar angestrebte weitgehende Abkoppeln der US-amerikanischen Chipindustrie von China Nachteile für beide Seiten und auch viele Unternehmen in Drittländern bringen könnte. In diesem Zusammenhang wird darauf verwiesen, dass sich die global stark vernetzte Halbleiterindustrie gerade weltweit in einer Phase des konjunkturellen Abschwungs befindet.

„Diese Maßnahmen werden zahlreiche Wachstumspläne unterminieren und könnte Innovationen in Ost und West zurückwerfen,“ zitiert das chinesische Auto-Fachportal Gasgoo den Analysten Danni Hewson von AJ Bell.

Welche „Vergeltungsmaßnahmen“ wird China ergreifen?

Die neuen Boykotte aus Washington seien eindeutig eine Eskalation und man wisse nicht, „mit welchen Vergeltungsmaßnahmen China nun antworten könnte“, schreibt ein Analyst der US-Research-Agentur Sanford C. Bernstein. Das sei ein Risiko für gesamte Industrie, nicht nur in China und den USA. Nationalistische Medien in Peking haben bereits begonnen, mit „Konsequenzen für die USA“ zu drohen.

Wie effektiv die Maßnahmen sein werden, hängt davon ab, wie strikt Washington die Verbote durchsetzen kann. Die „Macht“ des US-Handelsministerium ist begrenzt. Ein Beispiel: Es gibt nun ein Verbot für „US-Personen“, die irgendwo auf der Welt an Lieferungen und Dienstleistungen mitarbeiten, die China bei der Entwicklung fortschrittlicher Halbleiter helfen können.

Offenbar zielt diese Maßnahme vor allem auf chinesische Chip-Experten mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, die ihr Wissen an US-amerikanischen Universitäten erworben haben, nun aber wieder für chinesische Unternehmen arbeiten. In China werden sie „hai gui“ genannt, also in die weit entfernte Heimat zurückgeschwommene „Meeresschildkröten“ – und es gibt davon sehr viele.

Wie langfristig werden die US-Restriktionen wirken?

Viele Analysten – nicht nur chinesische – gehen davon aus, dass die US-Boykotte die chinesische Halbleiterindustrie zwar kurz- bis mittelfristig zurückwerfen können, langfristig aber auch die Entschlossenheit der chinesischen Führung befeuern werden, die eigene Halbleiterindustrie so schnell wie möglich zu stärken. Das wäre dann – sofern China erfolgreich ist – eher ein Eigentor für Washington.

Diese Sichtweise vertrat auch die regierungsnahe Zeitung Global Times in Peking: „Die US-Hegemonie in der Wissenschaft und Technik, die anderen schadet ohne den USA selbst zu nützen, mag der chinesischen Halbleiter-Industrie kurzfristig einige Schwierigkeiten machen, wird aber andererseits Chinas Willen und Fähigkeit stärken, auf dem Feld der Wissenschaft und Technik auf eigenen Füssen zu stehen.”

Ausnahmegenehmigungen für ausgesuchte Unternehmen

Um kurzfristig negative Auswirkungen der China-Boykotte auf US-Unternehmen und solche in befreundeten Ländern zu lindern, hat das Handelsministerium in Washington mit dem Erteilen von Ausnahmegenehmigungen begonnen. So erhielt TSMC, der weltgrösste Auftragshersteller von Halbleitern im mit den USA befreundeten Taiwan die Erlaubnis, wie geplant neue Maschinen an sein Werk in Nanking in der Volksrepublik auszuliefern, berichtet die japanische Wirtschaftszeitung Nikkei.

Auch der Chiphersteller SK Hynix aus dem mit den USA verbündeten Südkorea hat bereits eine Ausnahmegenehmigung erhalten, mit der bestimmte Güter an seine Fabriken in der Volksrepublik China verschifft werden können. Die amerikanische „Semiconductor Industry Association“ hat unterdessen einen Appell der Mäßigung an die US-Regierung gesendet, die „Maßnahmen in einer gezielten Weise – und in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern – zu implementieren”. (me)

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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