Autoritäres Regime, zunehmender politischer Druck, Corona-bedingte Shutdowns: China verliert für die Elektronikhersteller an Attraktivität. Viele zieht es nach Vietnam. Darunter sind auch chinesische Produzenten.
Ho Chi Minh City: Die sozialistische Regierung in Vietnam versucht, Chinas erfolgreichen wirtschaftlichen Reformkurs der vergangenen Jahre zu kopieren. Und zieht damit verstärkt ausländische Elektronikproduzenten an.
Ein Teil der Elektronik-Industrie packt die Koffer und zieht von China nach Vietnam. Der Trend verstärkt sich in jüngster Zeit, was an den wachsenden Exporten Vietnams ablesbar ist. Im März diesen Jahres hat der südostasiatische „neue Tiger“ schon fast doppelt so viel exportiert wie Chinas größter Elektronik-Hub Shenzhen, berichtet das chinesische Nachrichtenmagazin Yicai.
Der Umzug nach Vietnam hatte vor einigen Jahren zunächst in bescheidenem Umfang begonnen – wegen der steigenden Lohnkosten in China, wegen Handels- und Technologie-Kriegen, die Washington gegen Peking führt und Unterbrechungen der Lieferketten im Zug der Corona-Krise.
Die exzessiven Corona-Lockdowns in Shanghai und anderen Regionen Chinas sowie die regulatorischen Kampagnen der chinesischen Führung gegen die eigene Elektronik-Industrie scheinen nun zum dem sprichwörtlichen „Tropfen“ zu werden, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Auch chinesische Hersteller gehen ins Ausland
Nicht nur multinationale Konzerne wie Samsung und Intel haben Vietnam als gute Produktionsbasis entdeckt. Auch mehr und mehr chinesische Hersteller von Verbraucherelektronik wie Luxshare Precision Industry, Goertek und Pegatron haben in jüngster Zeit neue Fabriken in Vietnam aufgebaut.
In Peking haben sich bereits erste Anwaltskanzleien auf die Beratung von Firmen spezialisiert, die von China nach Vietnam umziehen wollen. Neben der Textilindustrie, für die Arbeitslöhne der wichtigste Faktor sind, gehören dazu auch immer mehr Unternehmen aus der Elektronikindustrie.
„Vietnam hat China im letzten Jahrzehnt viele Aufträge aus Übersee abgenommen, weil die globalen Lieferketten nach günstigeren Standorten suchen, vor allem in der Textilbranche und der elektronischen Fertigungsindustrie,“ zitiert das chinesische Blatt Chen Jing, einen Experten von der chinesischen „University of Science and Technology”.
Samsung, Intel, Foxconn und LG investieren bereits kräftig in Vietnam
Der südkoreanische Elektronik-Konzern Samsung hat im Februar dieses Jahres angekündigt, weitere 920 Millionen US-Dollar in seine Produktionskapazitäten im Norden Vietnams zu investieren. In den neuen Workshops in der Provinz Thai Nguyen werden unter anderem Leiterplatten und andere Komponenten für Handys hergestellt, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.
Samsung gab bekannt, dass sich damit die Gesamtsumme seiner bisherigen Investitionen in Vietnam auf 2,27 Milliarden US-Dollar (rund 2,15 Milliarden Euro) erhöht. Vietnam sei immer mehr auf dem Weg, ein „kritischer Teil der globalen Elektronik-Lieferketten zu werden, während Unternehmen ihre Produktion zu diversifizieren und ihr Risiko in China zu reduzieren versuchen,” schreibt die Agentur.
Andere Multis wie Intel, Foxconn und LG haben ebenfalls schon Vietnam entdeckt, deren sozialistische Regierung den wirtschaftlichen Reformkurs zu kopieren versucht, der China lange Zeit lang so großen Erfolg gebracht hat. Was in China „Gaige Kaifang“ für „Reform und Öffnung“ hieß, wird auf Vietnamesisch Doi Moi genannt.
Vietnams Regierung kopiert Chinas erfolgreichen wirtschaftlichen Reformkurs
Auch der chinesische Elektronikhersteller GoerTek, ein wichtiger Zulieferer von Akustik-Komponenten untern anderem für Apple, verstärkt seine Investitionen in Vietnam. Im Januar dieses Jahres habe GoerTek seine bisherige Investition von 100 Millionen US-Dollar in der WHA-Industriezone im vietnamesischen Nghe An um weitere 400 Millionen Dollar aufgestockt, berichtet die „Vietnam Investment Review“.
Kurz darauf, im März dieses Jahres, steckte GoerTek dann erneut mehr als 300 Millionen US-Dollar in seine Fabrik für Multimedia-Ausrüstung und andere Elektronik im vietnamesischen Industriepark Bac Ninh Que Vo.
Die meisten Hersteller, die nach Vietnam ziehen, belassen trotzdem einen großen Teil ihrer Produktion in China. Zum einen sind sie vor allem wegen des chinesischen Marktes selbst in China, zum anderen ist die Volksrepublik wegen ihrer umfassenden, beinahe kompletten Lieferketten in der Elektronikindustrie nach wie vor einer der besten Standorte für die globale Elektronikindustrie.
Chinas Regierung setzt Tech-Konzerne zunehmend unter Druck
Dennoch verstärkt sich der Trend zu Vietnam, seit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping heimische Tech-Konzerne immer stärker unter Druck setzt und allmählich wieder der Politik vor der Wirtschaft Vorrang gibt, wie es diesem Ausmaß in China zuletzt vor vielen Jahrzehnten zu sehen war.
Stand: 08.12.2025
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Ein aktueller Ausdruck dieser politischen Wende in China sind die exzessiven Corona-Lockdowns, die Elektronik-Unternehmen in Shanghai, Shenzhen und vielen anderen Regionen Chinas momentan hart treffen.
Ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Folgen verfolgt Chinas Führung eine „Null-Covid-Strategie“. Chinas Wirtschaftspolitik wird auch deshalb in ausländischen Konzernzentralen in der Volksrepublik immer mehr als „unberechenbar“ wahrgenommen.
Mehr Impfen, weniger schließen: Vietnam hat sich gegen Null-Covid-Strategie entschieden
Vietnam selbst hatte ähnlich wie China eine Weile lang mit Lockdowns und Fabrikschließungen gegen Corona gekämpft, ist aber schon im vergangenen Jahr wieder von diesem radikalen Ansatz abgerückt. Stattdessen wurde mehr geimpft. Die Arbeiter durften zurück an ihre Arbeitsplätze.
Schon im November vergangenen Jahres konnten Elektronik-Unternehmen wie die japanische Firma Furukawa Electric, die Kabelbäume für die Automobilindustrie herstellt, ihre Produktion in Vietnam trotz der Epidemie wieder weitgehend normalisieren. Ähnliches gilt für Yazaki und Sumitomo Electric Industries und ihre Produktionen in Vietnam. Das war während der Krise wichtig für Japans Automobilindustrie, die rund 40% aller Kabelbäume aus Vietnam importiert.
Fertigungsindustrie trägt bereits 25 Prozent zu Vietnams BIP bei
Die steigende Attraktivität des Standortes Vietnam, besonders im Vergleich zu China, schlägt sich langsam aber sicher in den Exportstatistiken des Landes nieder. 25% seines Brutto-Inlands-Produktes (BIP) erwirtschaftet Vietnam mittlerweile mit seiner Fertigungsindustrie.
Unter den führenden Exportartikeln Vietnams führten im vergangenen Jahr Smartphones (rund 54,5 Milliarden Euro) an, dicht gefolgt von Elektronik inklusive Computern (48,2 Milliarden Euro) und Maschinen (36,8 Milliarden Euro), berichtet das Fachmedium IC Spec. Die Elektronik-Exporte von Samsung aus Vietnam allein haben inzwischen dazu geführt, dass Vietnam zum ersten Mal seit langem eine positive Außenhandelsbilanz erzielen konnte, hieß es.
* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.