Elektromagnetische Verträglichkeit Wie sich EMV-konforme HMI-Systeme entwickeln lassen

Von Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter 4 min Lesedauer

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HMI-Systeme in der Industrie unterliegen strengen EMV-Vorschriften und Zertifizierungen. So werden Betriebssicherheit und eine störungsfreie Funktion gewährleistet. Ein Blick auf die Arbeit eines Experten zeigt, wie von der Analyse über Material- und Gehäusekonzepten bis hin zur Pre-Compliance EMV-Konformität gelingen kann.

EMV bei HMI-Systemen: Die elektromagnetische Verträglichkeit muss bereits in den frühen Designphasen berücksichtigt werden. Denn industrielle Umgebungen sind besonders anspruchsvoll.(Bild:  Schurter)
EMV bei HMI-Systemen: Die elektromagnetische Verträglichkeit muss bereits in den frühen Designphasen berücksichtigt werden. Denn industrielle Umgebungen sind besonders anspruchsvoll.
(Bild: Schurter)

In der modernen Industrieautomation sind Human-Machine-Interfaces (HMI) die kritische Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Für Entwickler von HMI-Komponenten stellt die elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) eine besondere Herausforderung dar, die bereits in frühen Designphasen berücksichtigt werden muss. Industrielle Umgebungen mit leistungsstarker Elektronik, Frequenzumrichtern und Schaltanlagen erzeugen ein anspruchsvolles elektromagnetisches Umfeld, in dem HMI-Systeme zuverlässig funktionieren müssen.

Internationale EMV-Anforderungen

Für Entwickler industrieller HMI-Systeme ist die Einhaltung internationaler EMV-Vorschriften unerlässlich:

  • Europa: Die CE-Kennzeichnung und die EMV-Richtlinie 2014/30/EU verlangen, dass elektronische Geräte keine Störungen verursachen und selbst gegen externe elektromagnetische Einflüsse resistent sind. Dies muss durch entsprechende Tests nachgewiesen werden.
  • USA: Die FCC-Zulassung erfolgt entweder durch eine Supplier's Declaration of Conformity (SDoC) oder durch eine Zertifizierung einer Telecommunication Certification Body (TCB), abhängig vom spezifischen Produkttyp.
  • China: Die China Compulsory Certification (CCC) umfasst EMV-Tests auf Basis chinesischer Normen wie GB/T 9254.1-2021, die auf internationalen Standards wie CISPR 32:2015 basieren.

Diese Zertifizierungen sind keine optionalen Extras, sondern zwingende Voraussetzungen für den globalen Marktzugang von HMI-Produkten. Entwickler müssen daher von Beginn an die verschiedenen internationalen Anforderungen berücksichtigen, um kostspielige Nachbesserungen zu vermeiden.

Eine frühzeitige EMV-Analyse ist notwendig

Entwickler sollten das EMV-Konzept von Beginn an in den Designprozess integrieren. Eine fundierte Analyse der Einsatzumgebung und der spezifischen Störquellen ermöglicht zielgerichtete Design-Entscheidungen. Dabei gilt es zu klären, welchen Störfrequenzen das HMI ausgesetzt sein wird, welche Leistungselektronik sich in unmittelbarer Nähe befindet und welche Kommunikationsschnittstellen erforderlich sind. Diese frühe Auseinandersetzung mit EMV-Aspekten verhindert kostspielige Redesigns in späteren Entwicklungsphasen.

Die sorgfältige Auswahl von Materialien und Komponenten hat direkten Einfluss auf die EMV-Eigenschaften. Hochwertige, abgeschirmte Kabel und Steckverbinder mit 360°-Schirmanbindung reduzieren Störeinkopplungen erheblich. Eingangs- und Ausgangsfilter, besonders an Stromversorgungseingängen und Signalschnittstellen, sind entscheidend für die Unterdrückung von Störungen. Im Platinenlayout sollten digitale von analogen Signalpfaden getrennt werden, während EMV-gerechte Masseflächen und -konzepte die Störfestigkeit weiter verbessern. Die richtige Materialauswahl ist somit keine Frage des Luxus, sondern eine technische Notwendigkeit für robuste industrielle HMI-Systeme.

Das Gehäusedesign als EMV-Schutzschild

Das Gehäuse eines industriellen HMI muss mehr als nur mechanischen Schutz bieten. Ein metallisches Gehäuse oder leitfähige Beschichtungen bilden einen effektiven Faradayschen Käfig gegen externe Strahlungseinflüsse. Besondere Aufmerksamkeit verdienen Gehäuseöffnungen, Kabeleinführungen und Display-Schnittstellen, an denen leitfähige Dichtungen und EMV-Durchführungen essenziell sind. Die konsequente Verbindung aller Abschirmungen mit dem Gehäuse verhindert Potentialdifferenzen und damit verbundene Störungen. Damit wird das Gehäuse vom einfachen Schutzelement zum integralen Bestandteil des EMV-Konzepts.

Pre-Compliance-Tests als Entwicklungswerkzeug

Moderne Entwicklungsprozesse setzen auf iterative EMV-Tests bereits während der Entwicklungsphase. Near-Field-Scanning zur Identifikation von Emissionsquellen auf Platinen, gezielte Immunitätstests mit reduzierten Feldstärken für frühzeitige Schwachstellenanalyse und die Simulation kritischer EMV-Parameter vor der Fertigung von Prototypen gehören zum Standardrepertoire moderner Entwicklungsteams. Diese vorausschauenden Testmethoden sparen nicht nur Zeit und Kosten, sondern führen auch zu einer höheren Produktqualität und Zuverlässigkeit.

Industrielle HMI-Systeme sehen sich besonderen elektromagnetischen Belastungen ausgesetzt. Frequenzumrichter und Schaltnetzteile erzeugen steile Schaltflanken mit breitem Frequenzspektrum, die erhebliche Störungen verursachen können. In Industrieanlagen überbrücken Datenleitungen oft große Distanzen, was sie anfälliger für Störeinkopplungen macht. Zusätzlich können raue Umgebungsbedingungen wie Vibrationen und thermische Belastungen EMV-relevante Komponenten wie Abschirmungen und Filterelemente beeinträchtigen.

Aufgrund dieser industriespezifischen Faktoren ist ein tiefes technisches Verständnis der Anwendungsumgebung sowie eine entsprechende Anpassung des EMV-Konzepts erforderlich. Standardlösungen, die in Büroumgebungen funktionieren, sind in industriellen Kontexten oft unzureichend. Entwickler müssen daher die besonderen Anforderungen industrieller Umgebungen verstehen und in ihren Designs berücksichtigen.

Entwicklungspartnerschaft als Erfolgsfaktor

Die Komplexität moderner EMV-Anforderungen macht eine enge Zusammenarbeit zwischen HMI-Entwicklern, EMV-Spezialisten und Anwendern unerlässlich. Durch frühzeitige Abstimmung und gemeinsame Entwicklungsansätze lassen sich EMV-Probleme vermeiden, bevor sie entstehen. Ein Co-Design-Ansatz, bei dem Experten für Elektronik, Mechanik und EMV eng zusammenarbeiten, bietet entscheidende Vorteile durch reduzierte Entwicklungszeit, optimierte Kosten und höhere Produktzuverlässigkeit.

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Diese Partnerschaften ermöglichen es, das kollektive Wissen und die Erfahrung aller Beteiligten zu nutzen. EMV-Spezialisten können frühzeitig potenzielle Probleme identifizieren, während Anwendungsexperten wertvolle Einblicke in die tatsächlichen Einsatzbedingungen liefern. Diese synergetische Zusammenarbeit führt zu HMI-Systemen, die nicht nur technisch überlegen, sondern auch praxistauglich sind.

EMV-Kompetenz bei HMI-Komponenten

Für Entwickler von HMI-Komponenten ist EMV-Kompetenz längst von einem notwendigen Übel zu einem strategischen Wettbewerbsvorteil geworden. Wer EMV-Anforderungen frühzeitig in den Entwicklungsprozess integriert, profitiert von kürzeren Entwicklungszyklen, höherer Produktqualität und reibungsloseren Zertifizierungsprozessen. In einem industriellen Umfeld, das zunehmend vernetzt und digital wird, sind EMV-robuste HMI-Systeme ein entscheidender Baustein für zuverlässige Automatisierungslösungen.

Moderne Entwicklungstools, EMV-Simulationen und strukturierte Testprozesse ermöglichen heute eine effiziente EMV-gerechte Entwicklung von HMI-Systemen. Diese technologischen Fortschritte erlauben es Entwicklern, EMV-Herausforderungen proaktiv anzugehen, anstatt reaktiv auf Probleme zu reagieren. Durch die Integration dieser Werkzeuge in den Entwicklungsprozess können Unternehmen ihre Produkte effizient für die anspruchsvollen Anforderungen internationaler Industriemärkte qualifizieren und einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil erzielen. (heh)

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