Pioniere, Perfektionisten, passionierte Modellbauer Wie die Tamiyas den Modellbau elektrifizierten und zum Welthit machten

Von Antonio Funes 7 min Lesedauer

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Unter Shunsaku Tamiyas Leitung wurde aus der kleinen Werkstatt seines Vaters das wohl bekannteste Modellbauunternehmen der Welt. Ob Panzer, Schiffe oder legendäre RC-Cars wie der Grasshopper – Tamiya prägt auch heute noch Generationen von Bastlern, Technikfans und Ingenieuren.

Der Porsche 934 Turbo RSR, die Hornet und der Grasshopper von Tamiya (Symbolbild).(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Der Porsche 934 Turbo RSR, die Hornet und der Grasshopper von Tamiya (Symbolbild).
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Im Sommer, genauer gesagt am 18. Juli 2025, verstarb Shunsaku Tamiya, der langjährige Geschäftsführer von Tamiya, im Alter von 90 Jahren. Tamiya ist weltweit einer der bekanntesten Anbieter von Plastikmodellbau-Produkten sowie RC-Cars, also ferngesteuerten Miniaturautos (RC = radio controlled), die Tamiya ebenfalls vor allem als Bausätze vertreibt.

Zwar ist Tamiya nicht direkt im Bereich der Elektrotechnik tätig, verdankt aber Teile des Erfolgs den eben genannten RC-Cars, die selbstverständlich ohne Elektrotechnik nicht funktionieren würden. Die wesentlichen, elektronischen Komponenten in solchen Autos sind der Elektromotor, Servomotoren für die Lenkung, ein Hochleistungsakku sowie natürlich ein Funkempfänger und eine Fernsteuerung.

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Die gesamte Technik dahinter oder auch der Modellbau ganz allgemein kann eine Inspiration dafür sein, sich später für technische Berufe zu interessieren. Auch in unserer Leserschaft vermuten wir den ein oder anderen ehemaligen oder auch (wieder) aktiven Modellbaufan und wollen daher auf das Leben von Shunsaku Tamiya und seines Vaters Yoshio Tamiya und ihrer Firma zurückblicken.

Yoshio Tamiya: Vom Fahrzeugbauer zur Holzwerkstatt

Yoshio Tamiya wurde am 15. Mai 1905 in der Präfektur Shizuoka geboren. Die gleichnamige Stadt, in der auch die Firma Tamiya ihren Sitz bekam und bis heute dort beibehalten hat, liegt etwa 100 Kilometer südwestlich von Tokio an der Suruga-Bucht. Um seiner Familie beim Teegeschäft zu helfen, besuchte Yoshio Tamiya Anfang der 1920er-Jahre eine Handelsschule, gründete 1925 nach einer zwischenzeitlichen Anstellung in einer Autowerkstatt aber dann die „Tamiya Car Company“, um Fahrzeuge herzustellen.

In den 1930er-Jahren stellte Yoshio Tamiyas Firma auch schwere Lkw her, in den 1940er-Jahren kamen sogar elektrische Straßenbahnen dazu. Wegen des Eintritts Japans in den Zweiten Weltkrieg war die Firma ab dem Jahr 1942 Teil der Kriegswirtschaft. Durch Bombenangriffe wurden 1945 sämtliche Firmengebäude zerstört. Yoshio Tamiya gründete nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs daher eine neue Firma mit dem Namen Tamiya Shoji.

Shoji nennen sich die aus der japanischen Architektur bekannten Konstruktionen, die aus Holzrahmen und dünnen Papierwandelementen bestehen und als Wände oder Raumteiler verwendet werden. Die neue Firma von Yoshio Tamiya startete im Jahr 1946 als Holzanbieter mit eigener Werkstatt. 1951 zerstörte ein Brand Teile der Werkstatt, zwei Jahre später gab Tamiya das normale Holzgeschäft auf und begann damit, Modelle aus Holz für den Spielzeugmarkt zu bauen.

Einstieg in den Plastikmodellbau und der Tod von Yoshio Tamiya

Das erste bewegliche Modell war dabei im Jahr 1955 ein Panzer, der zu einem großen Verkaufserfolg wurde. Ein Jahr später bot Tamiya auch ein Schiffs-Holzmodell an, das ebenfalls gut ankam. Die weltweite Konkurrenz hatte aber inzwischen Kunststoff als Material entdeckt, das sich günstig und massenhaft in Form bringen lässt, um daraus Spielzeug-Modelle oder Bausätze herzustellen. Entsprechend stieg Tamiya 1960 ebenfalls auf Plastik-Bauteile um.

Aus zwei Gründen bestand Yoshio Tamiya aber darauf, die Modelle äußerst aufwendig zu gestalten, obwohl dabei höhere Kosten entstanden. Der erste Grund war, dass die Konkurrenz bereits einige Schritte voraus war, was die Vermarktung anging – man benötigte also ein spezielles Merkmal, um auf dem Markt aufzufallen. Für Tamiya war das die Detailverliebtheit. Während die Konkurrenz beispielsweise bei einem Panzermodell die außen sichtbaren Muttern einfach Mulden in das Material einprägte, waren bei Tamiya bei genauem Hinsehen Sechskant-Formen zu erkennen – so wie es bei den Originalpanzern in der Realität eben war.

Der zweite Grund, warum Tamiya diese Strategie durchzog, war, dass es Yoshio Tamiya als Technikfan ohnehin wichtig fand, so viele Details wie möglich aufzuzeigen und die Modelle originalgetreu aussehen zu lassen. Diese Detailverliebtheit wurde zum Markenzeichen von Tamiya und hat bis heute Bestand, sodass Tamiya-Modelle trotz eher hoher Preise bei Modellbaufans beliebt sind. Auf die weiteren Details zur Firma Tamiya gehen wir aber später noch ein.

Was Yoshio Tamiyas Leben angeht, so war er über mehrere Jahrzehnte hinweg der Kopf von Tamiya oder zumindest im Vorstand mit dabei. 1978 firmierte Tamiya zur Tamiya Model Co. Ltd., im Jahr 1984 hieß sie dann nur noch Tamiya. Ein Jahr danach schied Yoshio Tamiya im Alter von 79 Jahren aus. Am 2. November 1988 verstarb Yoshio Tamiya schließlich.

Shunsaku Tamiya: Enthusiastische Recherchen

Shunsaku Tamiya, der Sohn von Yoshio Tamiya, wurde am 19. Dezember 1934 in Shizuoka geboren. Nach seiner Schulzeit besuchte er die Privat-Uni Waseda im Tokioter Stadtbezirk Shinjuku und arbeitete ab dem Jahr 1958 in der Firma seines Vaters. Eine seiner Aufgaben war die Recherche nach Bildmaterial oder auch Plänen zu den Fahrzeugen, Flugzeugen und Schiffen, für die Tamiya Modellbausätze entwickeln wollte.

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Shunsaku Tamiya hatte dabei selbst auch eine große Leidenschaft für Technik und den Modellbau, sodass er seine Aufgaben gerne erfüllte. Er war dafür häufig auf Reisen, um sich die Originale genau anzusehen und, falls möglich, zu fotografieren. Das Modell eines Formel-1-Rennwagens von Honda war von ihm so detailliert recherchiert worden, dass die Verantwortlichen bei Honda überrascht waren. Sogar eine Batterie zum Starten des Autos, die unter dem Fahrersitz platziert ist und nur zu sehen ist, wenn man weiß, wo man nach ihr suchen muss, war dabei im Modell nachgebildet.

1977 wurde Shunsaku Tamiya zum Präsidenten der Firma, war aber weiterhin leidenschaftlich rund um den Modellbau unterwegs. Während des Kalten Kriegs brachte ihm sein Enthusiasmus sogar eine diplomatische Verstrickung ein. Denn er begab sich in die russische Botschaft in Tokio. Seine Hoffnung war, dort mehr Informationen zu Panzern aus russischer Produktion zu finden. Neben Bausätzen für zivile Modelle wie Rennwagen, Motorräder oder auch Rally-Fahrzeuge war und ist Tamiya nämlich vordergründig dafür bekannt, Panzer sowie militärische Flugzeuge und Schiffe aus allen Zeitaltern als Bausätze anzubieten.

Diese militärischen Bausätze vertreibt Tamiya häufig in mehreren Maßstäben und mit unterschiedlichen Bemalungs-Vorlagen und den dazu passenden Aufklebern, um die Zugehörigkeit zu bestimmten Ländern oder Einheiten authentisch nachzubilden. Die Recherche für diese optischen Variationen war vorwiegend in den Zeiten vor dem Aufkommen des Internets ein großer Aufwand.

Großer Aufstieg durch RC-Cars und Tod von Shunsaku Tamiya

Obwohl auch Yoshio Tamiya bereits viel Einsatz rund um den Modellbau zeigte, stand sein Sohn Shunsaku im Fokus der Öffentlichkeit und gilt als der größere Faktor und sogar als das Gesicht für den Erfolg von Tamiya. Er galt als besonders vorausschauend und war ausschlaggebend dafür, dass Tamiya 1976 in den RC-Car-Sektor einstieg. In den 1980er-Jahren wurde das Segment sehr erfolgreich, auch weil Shunsaku Tamiya das kompetitive Fahren mit solchen Fahrzeugen auf speziell dafür gedachten Strecken fördern ließ.

Es bildete sich rasch eine große Fangemeinde, die auf verschiedensten Niveaus Meisterschaften austrug und mit viel Enthusiasmus an den Standardausführungen der Modelle feilte, um sie schneller und agiler zu machen. 1982 brachte Tamiya dabei auch das erste RC-Car mit Vierradantrieb auf den Markt. Legendär sind auch die RC-Cars im Buggy-Stil für Gelände-Strecken mit meterweiten Sprüngen wie den 1984 veröffentlichten Modellen The Hornet und The Grasshopper, die auch heute noch in technisch modernerer Form vertrieben werden.

Shunsaku Tamiyas Zuneigung für den Modellbau ist es wohl auch zu verdanken, dass die Produktion in der Stadt Shizuoka stetig wachsen konnte, obwohl Tamiya auch im Ausland Fertigungsstätten und Niederlassungen eröffnete. Ein Faktor dabei ist die von Tamiya initiierte Shizuoka Hobby Show, eine Messe, die viele Besucher in die Stadt lockt. Während dieser Messe lud Shunsaku Tamiya auch Schulklassen dazu ein, ohne Elternbegleitung die Messe zu besuchen. Er soll dabei auch meistens persönlich vor Ort gewesen sein und sich über die staunenden und fröhlichen Kinder gefreut haben. Ebenso soll er Messebesuchern, die ihn erkannten, gerne die Hand geschüttelt haben.

Seine offene und lebensbejahende Art war wohl auch ein Faktor dafür, dass er noch im Juli 2024 im hohen Alter von 89 Jahren zum Vorsitzenden des Verwaltungsrates berufen werden konnte. Am 18. Juli 2025 verstarb Shansaku Tamiya schließlich – er wurde 90 Jahre alt, und das Unternehmen Tamiya beschreibt ihn in einem Nachruf mit den zwei Eigenschaften Leidenschaft und Vorbild.

Tamiya in Deutschland

Abschließend beschreiben wir noch kurz das aktuelle in Deutschland vertriebene Portfolio von Tamiya. Es gibt zum einen RC-Fahrzeuge aus den Bereichen On-Road (normale Straßen-Pkw und Rennwagen), Off-Road (Jeeps, Monstertrucks und so weiter), Buggys sowie Trucks, also Lkw. Viele dieser RC-Cars werden als Bausätze geliefert, bei denen man das Chassis und die Federung aus vielen Einzelteilen zusammenbaut und diese auch mit höherwertigen Einzelteilen tunen kann. Dazu gehört eine durchsichtige Karosserie, die man entweder nach dem Bauplan lackieren und mit den beiliegenden Aufklebern bestücken oder auch nach eigenen Designideen lackieren kann.

Ein Elektromotor ist meist mit dabei, die Fernsteuerung und den Lenkservo sowie den Akku erwirbt man separat. Außerdem bietet Tamiya Modellbausätze aus Kunststoff an. Hierzu gehören Autos (normale Pkw, Sportwagen sowie Rennfahrzeuge), Motorräder, Schiffe und Flugzeuge. Aus dem militärischen Bereich gibt es Panzer, Flugzeuge, Schiffe, Soldatenfiguren sowie Zubehör wie Mauerreste oder Ölfässer, um eine Szene aus einer Schlacht nachzubilden. Die militärischen Produkte umfassen vorrangig den Zweiten Weltkrieg, aber auch die Zeiträume danach bis heute. Neben den Bausätzen aus dem RC- und Plastikbereich bietet Tamiya zudem noch dazu passendes Zubehör an, wie Farben, Werkzeuge, Aufkleber, Klebstoffe und mehr. Es gibt eine deutsche Tamiya-Website, wobei der Vertrieb der Produkte in Deutschland durch die Simba-Dickie-Gruppe erfolgt, zu der unter anderem Schuco, Majorette, Märklin und Scout (Schulranzen) gehören. (sb)

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