Versteckte Potenziale im Lotabfall Wie die Kreislaufwirtschaft in der Elektronikproduktion nachhaltige Lösungen schafft

Von Svenja Hertzog* 4 min Lesedauer

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In der Elektronikproduktion stehen Unternehmen vor großen Herausforderungen: steigende Rohstoffpreise, Materialknappheit und zunehmender Druck zur CO₂-Reduktion. Ein Weg, diesen Herausforderungen zu begegnen, ist die Stärkung der Kreislaufwirtschaft. Diesen Weg beschreiten der EMS-Dienstleister Prettl Electronics und der Entsorgungsfachbetrieb MTM Ruhrzinn gemeinsam.

Die Partner MTM Ruhrzinn und PRETTL erproben ökologische und ökonomische Vorteile der Kreislaufwirtschaft.(Bild:  MTM Ruhrzinn)
Die Partner MTM Ruhrzinn und PRETTL erproben ökologische und ökonomische Vorteile der Kreislaufwirtschaft.
(Bild: MTM Ruhrzinn)

Dass der Kreislaufwirtschaftsgedanke schon viel früher beginnen muss als beim Recycling, offenbart ein Blick ins Kreislaufwirtschaftsgesetz (§ 6) zur Abfallhierarchie. Bevor Abfälle recycelt werden, haben zunächst zwei andere Prinzipien Vorrang: An erster Stelle steht die Vermeidung, an zweiter die Vorbereitung zur Wiederverwendung und erst an dritter Stelle findet sich das Recycling wieder. Auf jeder dieser Stufen haben Elektronikunternehmen unterschiedliche Stellschrauben, um ihre Prozesse zu optimieren.

Die Abfallvermeidung

„Die beste Form der Kreislaufwirtschaft ist die, bei der Abfall erst gar nicht anfällt“, betont Quentin Zapf, COO bei PRETTL Electronics. Das Unternehmen verfolgt eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie: 2020 starteten sie ihre Initiative GoZero mit dem Ziel, CO₂-Emissionen während des gesamten Produktionsprozesses auf null zu reduzieren. Und dazu gehört auch das Abfallmanagement, dessen Potenzial, Emissionen zu reduzieren, häufig unterschätzt wird.

Was können Elektronikfertiger tun? Es gilt, Prozesse so zu evaluieren, dass Materialüberschüsse und Abfälle vermieden werden. Bereits in der Planungsphase können durch fertigungsgerechtes Design oder verbesserte Materialausnutzung Produktionsreste und Ausschuss minimiert werden. Abfall durch Materialüberlagerung kann ebenfalls vermieden werden, wenn Auftraggeber und Zulieferer eng zusammenarbeiten.

Vorbereitung zur Wiederverwendung

Ist es nicht realisierbar, Abfälle zu vermeiden, so sollte zunächst die Vorbereitung zur Wiederverwendung angestrebt werden. Konkret heißt dies, dass Materialien so aufbereitet werden, dass sie erneut eingesetzt werden können. Im Unterschied zum Recycling werden dabei Raffinationsprozesse vermieden und damit Energie gespart. „Für uns ist es wichtig, die Abfälle korrekt zu sortieren. Es ist notwendig, in Produkten und Legierungen zu denken, um durch korrekte Chargenbildung die Vorbereitung für die Wiederverwendung erreichen zu können“, erläutert Dan Mutschler, CEO bei MTM Ruhrzinn.

Die Sammlung von Krätze der gleichen Legierung im gleichen Behältnis unterstützt später die problemfreie Rückgewinnung der metallischen Anteile, um sie im Anschluss neu zu gießen und dem Kreislauf wieder hinzuzuführen.(Bild:  MTM Ruhrzinn)
Die Sammlung von Krätze der gleichen Legierung im gleichen Behältnis unterstützt später die problemfreie Rückgewinnung der metallischen Anteile, um sie im Anschluss neu zu gießen und dem Kreislauf wieder hinzuzuführen.
(Bild: MTM Ruhrzinn)

Ein Beispiel ist die Vorbereitung für die Wiederverwendung von Zinnkrätze. Wurde in der Produktion nur Krätze der gleichen Legierung im gleichen Behälter gesammelt, können die metallischen Anteile zurückgewonnen werden. Werden diese nun in Form von Stangen, Barren oder Draht gegossen, sind sie direkt wieder als Lötmaterial einsatzbereit. Im Produktionsverlauf wird mehrfach geprüft, dass die Legierung weiterhin der Norm entspricht und damit eine gleichbleibende Qualität sichergestellt.

Was können Elektronikfertiger tun? Die korrekte Trennung von Abfällen nach Legierungen ist nicht in allen Produktionen selbstverständlich, daher ist eine entsprechende Schulung der verantwortlichen Mitarbeitenden entscheidend, um anfallende Produktionsabfälle effizient für die Wiederverwendung vorbereiten zu können.

Recycling

Nicht alle Abfälle können zur Wiederverwendung vorbereitet werden. Unter bestimmten Voraussetzungen oder bei bestimmten Abfallarten wie Elektronikschrott, ist Recycling der unverzichtbare Schritt zur Rückgewinnung wertvoller Rohstoffe. Im Fall von Lotabfällen, auf welche die MTM Ruhrzinn GmbH spezialisiert ist, werden die Abfälle geschmolzen und anschließend in mehreren Raffinationsschritten in ihre Elemente getrennt, wie Zinn, Kupfer oder Silber. Die Metalle liegen dann in Reinform vor und können für eine spätere Verwendung als Lotmaterial neu legiert werden.

Die Trennung von bestückten und nicht bestückten Leiterplatten, die im Abfall landen, hilft bei der Sortenreinheit der Materialien.(Bild:  MTM Ruhrzinn)
Die Trennung von bestückten und nicht bestückten Leiterplatten, die im Abfall landen, hilft bei der Sortenreinheit der Materialien.
(Bild: MTM Ruhrzinn)

Was können Elektronikfertiger tun? Auch hier sind Standards für die Abfalltrennung ein großer Hebel, um Recyclingprozesse effizient und nachhaltig zu gestalten. So können z. B. unbestückte Leiterplatten, die aufgrund von Qualitätsproblemen aussortiert werden müssen, von bestückten fehlerhaften Baugruppen getrennt werden, um die Materialien sortenrein zu halten.

Verantwortung zahlt sich aus: ökologische und ökonomische Vorteile der Kreislaufwirtschaft

Ein zentraler Aspekt der Kooperation zwischen PRETTL und MTM Ruhrzinn ist die Übernahme von Verantwortung. „Wir schmeißen Reklamationen nicht einfach weg, sondern sorgen dafür, dass das Material in die Wiederverwendung oder ins Recycling gelangt“, betont Quentin Zapf.

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Der wirtschaftliche Nutzen zeigt sich bei einer Gesamtbetrachtung der Kooperation: Unternehmen erhalten für die zur Wiederverwendung vorbereiteten Materialien eine Gutschrift. Insgesamt wurden im letzten Jahr über 1,5 Tonnen Abfälle von deutschen PRETTL-Standorten wieder aufgewertet. Dies führte für die Firma zu einer Steigerung des Profits von über 20 Prozent im Vergleich zur vorherigen Entsorgungslösung. So gehen mit der Entsorgung der Produktionsabfälle nicht nur Kosten einher, sondern durch die Vergütung des Materialwertes entstehen Kostenvorteile.

Svenja Hertzog ist Marketing Managerin bei MTM Ruhrzinn.(Bild:  MTM Ruhrzinn)
Svenja Hertzog ist Marketing Managerin bei MTM Ruhrzinn.
(Bild: MTM Ruhrzinn)

Der viel entscheidendere Vorteil hingegen ist die Einsparung von Treibhausgasen, die sich Partner von MTM durch ein Carbon-Footprint-Zertifikates (PCF nach DIN ISO 14067:2019) offiziell bescheinigen lassen können: Das Recycling von Altlot, Krätze, Lotpaste und Lötdraht ging bei PRETTL Electronics mit einer Einsparung von insgesamt rund 23.500 Kilogramm CO₂-Äquivalenten einher – das entspricht beispielsweise über 16 Flügen zwischen Frankfurt und New York.

Kreislaufwirtschaft als Zukunftsstrategie für die Elektronikbranche

Die Zusammenarbeit zwischen PRETTL und MTM Ruhrzinn zeigt eindrucksvoll, wie sich ökologische und ökonomische Interessen durch Kreislaufwirtschaft vereinen lassen. In einer Zeit, in der Ressourcen immer knapper und Umweltauflagen strenger werden, ist es entscheidend, Abfallstrategien entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu etablieren. Von der Abfallvermeidung über die Wiederverwendung bis zum Recycling bieten sich Unternehmen der Elektronikindustrie vielfältige Möglichkeiten, Kosten zu senken und den CO₂-Fußabdruck zu verringern.

Die Einbindung spezialisierter Partner wie MTM Ruhrzinn kann dabei den entscheidenden Unterschied machen. Eine strategisch verankerte Kreislaufwirtschaft ist nicht nur eine Notwendigkeit für ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell, sondern auch eine wirksame Antwort auf gesetzliche Anforderungen zum CO₂-Reporting, die zunehmende Transparenz über Emissionen und Ressourcennutzung verlangen. Das Ziel ist es, nachhaltige Prozesse zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Elektronikproduktion zu machen. (sb)

* Svenja Hertzog ist Marketing Managerin bei MTM Ruhrzinn.

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