Zukunft der Elektronikbranche Wie die Elektronikindustrie von der multipolaren Ordnung profitieren kann

Von Susanne Braun 4 min Lesedauer

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Die Welt bewegt sich von einer unipolaren Ordnung mit dominierendem US-Einfluss zu einer multipolaren Realität. Welche Folgen hat das für die Elektronikindustrie? IDEA-Analyst Jordi Tarrida zieht die wichtigsten Lehren aus dem ersten Quartal 2025.

Die neue, multipolare Ordnung bringt Herausforderungen, aber auch Chancen.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Die neue, multipolare Ordnung bringt Herausforderungen, aber auch Chancen.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Nach dem Kalten Krieg dominierten die USA als unangefochtene Supermacht die Weltordnung – politisch, wirtschaftlich und technologisch. In der Elektronikindustrie zeigte sich diese US-Dominanz besonders deutlich: Amerikanische Konzerne setzten globale Standards, kontrollierten Chipdesign und Softwaretools und verlagerten die Fertigung nach Asien. Doch inzwischen wissen wir, dass Unipolarität keine Selbstverständlichkeit ist und ihre Grundlagen brüchiger sind, als es zunächst schien.

Mit dem Aufstieg Chinas zur Industrie- und Militärmacht, dem Streben Europas nach technologischer Souveränität und zunehmenden geopolitischen Spannungen formt sich eine neue, multipolare Weltordnung. In dieser rücken auch Russland und andere Akteure wieder stärker ins Zentrum globaler Machtverschiebungen – mit direkten Auswirkungen auf die Mikroelektronik.

Was bedeuten die geopolitischen Entwicklungen im ersten Quartal 2025 für die Elektronikindustrie, wo bieten sich neue Chancen und Möglichkeiten? Das analysiert Jordi Tarrida der International Distributors of Electronics Association (IDEA).

Souveränität in Trümmern: Zölle, Dollar und die Zukunft der Leitwährung

Jordi Tarrida ist Analyst für IDEA, International Distributors of Electronics Association.(Bild:  IDEA)
Jordi Tarrida ist Analyst für IDEA, International Distributors of Electronics Association.
(Bild: IDEA)

Tarrida zitiert die Financial Times: US-Präsident Trump sei „nicht von den klassischen Prinzipien der Wirtschaft motiviert“. Zölle erscheinen oberflächlich wie wirtschaftspolitische Instrumente, sind aber Ausdruck eines umfassenderen Umbruchs: Die Zeit der unipolaren US-Vorherrschaft ist vorbei und der Dollar als Leitwährung steht zur Disposition.

Mit der Aufgabe des Goldstandards durch Richard Nixon im Jahr 1971 und dem Siegeszug der Globalisierung in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren formte sich China zur „Werkbank der Welt“. Während die industrielle Macht der USA schwand, blieb als Rückhalt des Dollars nur noch militärische Überlegenheit. Doch wie Tarrida betont: „Industrielle Macht führt häufig auch zu militärischer Macht.“ Das Resultat: Neue Machtzentren fordern die westlich geprägte Finanzarchitektur heraus. Chinas Zahlungssystem CIPS ist nur ein Beispiel, das in jüngster Vergangenheit binnen kürzester Zeit und zu günstigen Konditionen Millionenbeträge transferierte.

Ein Beispiel, das nachdenklich macht: Berkshire hat im Februar 2025 86 Prozent seiner Anteile an TSMC verkauft, die Monate zuvor für Milliarden US-Dollar erst akquiriert worden waren. Darauf angesprochen sagte Warren Buffett, bekannt für seine langfristigen Anlagen, lediglich: „Mir gefällt der Standort nicht, und ich habe ihn neu bewertet.“ Die geopolitische Verunsicherung ist real.

Neue Chancen durch Nearshoring

Die geopolitischen Verschiebungen und der Rückbau der Globalisierung führen dazu, dass viele Fertigungsunternehmen ihre Produktion aus Asien zurück nach Europa verlagern. Dabei profitieren verständlicherweise erst einmal Regionen mit niedrigen Lohnkosten, etwa Ungarn, die Slowakei und Rumänien.

Die meisten Unternehmer aber suchen zusätzlich dazu nach politischer Stabilität. In diesem Fall bieten sich also Italien, Spanien und Portugal für Nearshoring-Aktivitäten an. Generell gilt für alle europäischen Akteure: Die Karten werden neu gemischt.

Auch Nordeuropa sollte die Entwicklung strategisch nutzen: als Technologiepartner, KI-Enabler oder Anbieter hochwertiger Komponenten für neue Standorte in Mittelmeerraum oder Nordafrika. Marokko wird etwa gezielt von westlichen Investoren gefördert. Wer jetzt Allianzen schmiedet, könnte von der Re-Industrialisierung Europas langfristig profitieren.

Die nächste Allokation kommt

„Niemand erinnert sich gerne an Vorlaufzeiten von 54, 60 Wochen“, so Tarrida, „doch das kann wieder geschehen“, mahnt er die nächste Allokation an, die sich schon seit geraumer Zeit am Horizont abzeichnet. Viele Lager sind noch voll, die Lieferketten angespannt. Eine Risikostrategie ist für alle Elektronikunternehmen Pflicht.

Mehr als 70 Prozent des globalen Halbleitermarkts entfallen auf konsumgetriebene Sektoren wie Computing, Kommunikation und Unterhaltungselektronik. Europas Fokus auf Automotive und Industrie macht weniger als 10 Prozent am Weltmarkt aus. Wer Risiken nur europäisch denkt, verfehlt die Dynamik des Weltmarkts.

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Tarrida plädiert deswegen für eine global ausgerichtete Risikoanalyse und für strategische Investitionen entlang der wirklichen Bedarfslinien – auch im Sinne eines resilienteren Supply-Chain-Managements. Wer heute versteht, woher das Kapital kommt und wohin die Nachfrage geht, kann morgen schneller und sicherer reagieren.

Geldmenge, Zinsen, Lieferzeiten: Alles hängt zusammen

Die International Distributors of Electronics Association (IDEA) ist ein globaler Zusammenschluss führender Elektronikdistributoren, der sich für Transparenz, Qualitätssicherung und Marktintegrität im Elektronikhandel einsetzt.(Bild:  IDEA)
Die International Distributors of Electronics Association (IDEA) ist ein globaler Zusammenschluss führender Elektronikdistributoren, der sich für Transparenz, Qualitätssicherung und Marktintegrität im Elektronikhandel einsetzt.
(Bild: IDEA)

Tarrida verknüpft die Politik der Weltbanken mit Lieferzeiten: „Der Halbleitermarkt ist ein verbraucherorientierter Markt. Wenn also die Öffentlichkeit mehr Geld hat, weil es von den Zentralbanken mehr Geld gibt und die Zinssätze niedriger sind, was wird dann passieren? Die Elektronik wird boomen. Daher werden sich die Vorlaufzeiten verlängern“, erklärt der Analyst. Mehr Geld im Umlauf und niedrige Zinsen befeuern Konsum und Elektroniknachfrage – die Lieferzeiten steigen. Werden Zinsen gesenkt, droht der nächste Nachfrageschub.

Wer vorbereitet sein will, muss Trends bei der Geldmenge und Zinspolitik im Blick behalten. So lassen sich Entscheidungen über Einkauf und Lagerhaltung besser treffen – egal ob als OEM, EMS oder Distributor. Zugleich warnt Tarrida vor den bekannten Risiken aus der letzten Krise und plädiert für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit entlang der Lieferkette – und dafür, sich beim Verhandeln dort zu positionieren, wo tatsächlich Wertschöpfung entsteht. Denn viele Zwischenstufen der Elektroniklieferkette, etwa EMS oder klassische Distributoren, arbeiten inzwischen mit schrumpfenden Margen. Wer aber die Technologie besitzt, erzielt weiterhin operative Margen von 25  Prozent und mehr. Dort liegt das Verhandlungspotenzial.

Zudem darf Europa nicht länger schlechtere Einkaufskonditionen erhalten als andere Weltregionen, nur weil dort höhere Stückzahlen abgenommen werden. Gleiche Preise für Europa wären ein strategischer Schritt, um Nearshoring, Wettbewerbsfähigkeit und Industrieproduktion zu stärken.

Digitalisierung, KI und die strategische Brille

Tarrida wirft noch einen Blick auf die Technologien, die künftig über Wettbewerbsfähigkeit entscheiden werden. Viele Unternehmen verharrten seiner Meinung nach lange in komfortablen Routinen, doch diese werden in der Zukunft nicht mehr ausreichen. Künstliche Intelligenz senkt operative Kosten, steigert Produktivität und wird zur Grundvoraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit. Supply-Chain-Intelligenz, Fortschritte beim Quantencomputing und Cybersicherheit sind drei Bereiche, die sich teils schon zeitnah auf die Profite der Elektronikunternehmen auswirken werden. Wer sie ignoriert, spielt nicht mehr mit. Wer heute klug investiert, kann morgen zu den strategischen Gewinnern einer neuen globalen Ordnung zählen. (sb)

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